Lebst du schon?

Leben und Wohnen sind eng miteinander verknüpft. 90 % seiner Lebenszeit befindet sich der Mensch in Innenräumen, wovon er den Großteil in Wohn- oder wohnähnlichen Umgebungen verbringt. Was sich Ikea mit seinem Werbeslogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ zunutze macht, wird auch für den Holzbau immer wichtiger: das wohltuende oder gesunde Wohnen. Aber handelt es sich tatsächlich um einen ernst zu nehmenden Trend? Und wie lässt sich gesundes Wohnen konkret erreichen?

Das Hotel Mattlihüs im Allgäu wurde nach dem Feng-Shui-Prinzip gebaut
Das Hotel Mattlihüs im Allgäu wurde nach dem Feng-Shui-Prinzip gebaut

Was für einen Arzt das Stethoskop, für einen Schiffskapitän der Kompass, für einen Spengler die Falzzange oder für einen Autor der Stift ist, waren für den Zimmerer Hammer und Beil. Diese Versinnbildlichungen der Werkzeuge von Professionisten sind freilich viel zu eng gehalten. Der Holzbau hat sich in den letzten Jahren in völlig neuen Dimensionen bewegt. Schon lange ist es möglich, Gebäude am Computer zu entwerfen, ihre Bauteile über rechnergesteuerte Systeme zu fertigen und mithilfe logistischer Planungsmodelle in kurzer Zeit aufzustellen und bezugsfertig zu machen. Der „Stand der Technik“ ist dabei so kurzlebig, dass es fast schon schwerfällt, von einem Zustand zu sprechen. Beispiele dafür sind die Weiterentwicklungen im Holzrahmenbau und beim Brettsperrholz (BSP) sowie die neuen Dimensionen bei den hölzernen Tragstrukturen. Laut dem Holzexperten und Bauingenieur Hermann Blumer stelle Brettsperrholz einen weiteren Fortschritt dar, der enorme neue Entwicklungen mit sich bringt. Dass sich der österreichische Zimmermeister seit 2012 als „Holzbaumeister“ definiert, zeigt den Umbruch und die neuen Möglichkeiten des Baustoffes.
Immer mehr Holzbaubetriebe entwickeln sich zum Generalunternehmen, um Kunden bestmöglich zu bedienen. Diese Entwicklung sollte allerdings etwas rascher vorangehen, um die bestehenden Marktchancen, speziell im urbanen Sektor, schneller zu nutzen. Dies bedeutet aber, dass sich die Anforderungen an die Holzbaubetriebe und damit auch deren Aus- und Weiterbildungskonzepte stark verändern. Weiters stellt sich für viele Holzbaubetriebe die berechtigte Frage, wie die Wertschöpfung, die durch den vermehrten Einsatz des BSP verloren geht, wieder in den Betrieb zurückgebracht werden kann, um die Arbeitsplätze zu erhalten.
Die Antwort erkennen manche in technischen Zusatzqualifikationen und der Erweiterung der Geschäftsfelder, wie Beratungsleistungen im Energiebereich. Dazu sind auch weitere Fähigkeiten im Bereich der Persönlichkeitsbildung und des Marketings heutzutage zwingend notwendig. All diese Fähigkeiten werden laut Blumer auch für klein- und mittelständische Betriebe im Holzbau zur Überlebensfrage. Ein bodenständiger Zimmerer wird sich jetzt vielleicht fragen, ob er denn in Zukunft mehr reden statt handwerken soll, um sich sein Geld zu verdienen. So banal das klingen mag, aber darauf könnte es tatsächlich hinauslaufen. Geht es nach den Interessenvertretungen der europäischen Holzbaubranche, muss der Werkstoff Holz mit all seinen Vorteilen gegenüber anderen Baustoffen in der gesamten Wertschöpfungskette positioniert werden. Über den Tellerrand zu blicken, heiße hier aber nicht nur, Holz den CO2-neutral-Stempel aufzudrücken, sondern auch, es auf seinem Weg vom Forst bis ins fertige Wohnzimmer zu begleiten, ist Blumer fest überzeugt.

Univ.-Prof. Maximilian Moser, Institut für Physiologie der Medizinischen Universität Graz
Univ.-Prof. Maximilian Moser, Institut für Physiologie der Medizinischen Universität Graz

Ohne Moos trotzdem viel los

Auf Laien wirken die „hölzernen“ Argumente CO2-Neutralität, saubere Baustelle mit kurzer Dauer oder hoher Vorfertigungsgrad nur vielleicht etwas zu trocken oder technisch. Möglichkeiten, sich bei Bauherren mit aussagekräftigen Bildern zu bewerben, hat der Holzbau allemal. Um in einer breiteren Zielgruppe zu punkten, kann der Holzbau einen weiteren Trumpf ausspielen: „Gesundes Wohnen“ wird in der Öffentlichkeit zunehmend thematisiert. Dass das Wohnen im Holzhaus auf den Menschen eine positive Wirkung haben soll, ist seit vielen Jahren bekannt. Mittlerweile ist diese These aber auch zu Branchenfremden vorgedrungen und, wie man von Architekten erfährt, fragen potenzielle Bauherren auch gezielt nach dem gesünderen Wohnerlebnis im Holzzimmer.

Was steckt jedoch dahinter? Der Urvater dieser Theorie ist der unter Holzbauern bekannte Mediziner Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser vom Institut für Physiologie der Medizinischen Universität Graz. Er hat schon vor rund zehn Jahren erste Forschungen zum gesunden Wohnen in Holzumgebungen betrieben. Er machte es sich zur Aufgabe, dem angeblich subjektiv gesteigerten Wohlbefinden von Personen, die sich in einem Holzzimmer befinden, ein wissenschaftliches Fundament zu verschaffen. Wie auch Blumer weiß, sucht der Mensch immer nach Beweisen. Moser wollte diese mit der Methode der sogenannten „Herzratenvariabilität“ erbringen, zu der bisher weltweit gut 14.000 Publikationen verfasst wurden. Die Messung dieser Größe gibt Aufschluss über Stressbelastungen, Erholungsqualität, Wohlbefinden und Schlafqualität des Menschen.
Mosers Ergebnisse sind unter anderem der Grund dafür, warum heute viele Unternehmen mit „gesundem Holz“ werben. Es bräuchte noch weitere Forschungen, um die Kausalität der bisherigen Ergebnisse darlegen zu können. Aber: Es fehlt das Geld. Trotz vieler Versprechungen für die Bezuschussung von Mosers Forschungen seitens der österreichischen Holzbranche kam bisher kaum ein Euro in seinem Institut an.
„Unsere ersten Resultate ermutigten uns, der Sache intensiver nachzugehen und weitere Versuche anzustellen. Holz ist eigentlich der Baustoff der Zukunft. Es ist nur schade, dass wir nicht mehr über ihn wissen“, klagt Moser, der sich im Betonkomplex der Grazer Med.-Uni ein Holzzimmer bauen ließ.
Ein interessantes Projekt hat der Professor noch auf Lager: Er möchte live vorführen, wie sich eine Holzumgebung auf den Menschen auswirken kann. Seine Idee ist, zwei Räume zu konstruieren – einen aus Holz, einen aus einem anderen Baustoff. Mit kleinen Herzfrequenzmessern ausgestattet, könnten freiwillige Testpersonen dann selbst beobachten, wie ihr Herzschlag in direkter Korrelation zu ihrer Umgebung steht. Über einen „Wohlfühlmonitor“ könnten die Ergebnisse in Echtzeit dargestellt werden. Gelegenheit für eine derartige „Bühnenshow“ wähnt Moser im Rahmen einer Messe. Messgeräte auf dem neuesten Stand der Technik stehen dem Forscher bereits zur Verfügung. Lediglich an ausreichenden finanziellen Mitteln zur Umsetzung fehle es. „Die Vorversuche dazu mache ich in meiner Freizeit“, so der Professor.

Dr. Erwin Thoma, Geschäftsführer Thoma Holz, Goldegg
Dr. Erwin Thoma, Geschäftsführer Thoma Holz, Goldegg

Skandal im Holzbezirk?
Dr. Erwin Thoma, Geschäftsführer von Thoma Holz, Goldegg, und vielfacher Buchautor, hält die fehlende Unterstützung für Mosers Arbeit für „den größten Forschungsskandal, den sich Österreich leistet“. Er ist überzeugt, dass der Mehrwert von Holz und sein Beitrag zum gesunden Wohnen fein und sauber herausgearbeitet werden müssen und der Grazer Forscher dafür „genau der richtige Mann“ sei. Thoma selbst setzt das, worüber er in seinen Büchern, wie dem aktuellen Bestseller „Die geheime Sprache der Bäume und wie die Wissenschaft sie entschlüsselt“, schreibt, in seinem Holzbauunternehmen in die Tat um. Unter dem Markennamen Holz100 werden Häuser mit leimfreien Brettsperrholz-Elementen produziert. Thomas Ziel ist es, sich beim Holzhausbau so gut als möglich von alternativen Verbindungsmitteln zu befreien. „Wir experimentieren viel. Gerade junge Leute sind davon begeistert. Unkonventionelle Methoden sind in unserer Kultur nicht gerne gesehen. Gesundes Wohnen ist mit Sicherheit ein großer Trend. Niemand kann darauf eine bessere Antwort geben als die Holzindus-trie“, ist sich Thoma gewiss.

Wo liegt der Hund begraben?

Was ist jedoch der Grund dafür, dass Holz eine wohltuende Wirkung auf den Menschen hat? Laut Professor Moser sind vier Faktoren ausschlaggebend: Zum einen habe Holz raumklimatische Vorteile. „Durch seine Porenstruktur und die dadurch zustande kommende große Oberfläche kann der Werkstoff Feuchte puffern.“ Gute akustische Eigenschaften bewirken eine bessere Verständlichkeit von Personen in Holzräumen. Zudem verändere Holz die Lichtspektralzusammensetzung und erzeuge eine besonders angenehme Lichtstimmung. Eine noch kaum erforschte, aber vielversprechende These besagt, dass es in Holzzimmern zu einer besonders günstigen Konzentration von negativen Luftionen komme.

Moser erklärt den Sachverhalt näher: „Nicht alle Luftteilchen sind neutral. Manche sind negativ und manche positiv geladen. Man hat festgestellt, dass eine hohe Konzentration von positiv geladenen Luftionen beim Menschen dazu führen kann, dass er sich öfter räuspern muss als sonst. Im anderen Fall dagegen (hohe Konzentration negativ geladener Luftionen) befindet sich weniger Feinstaub in der Luft, was sich positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Das resultiert auch in einer beschleunigten Wundheilung. Mosers Vermutung ist, dass sich die Konzentration der Luftionen in Holzräumen aufgrund der schlechten elektrostatischen Wirkung von Holz zugunsten der negativ geladenen Ionen einstellt.

Auch DI Peter Tappler, Geschäftsführer von IBO Innenraumanalytik, Wien, befasst sich mit dem Thema. Er will Messungen anstellen, um die Annahme zu bestätigen. „Eventuell erhöht offenporiges Holz die Konzentration von Luftionen. Ich kann das aber bisher nur vermuten.“ Der Sachverständige für Innenraumschadstoffe ist bei seiner Arbeit aber in der Regel etwas pragmatischer. Kurz gesagt, beschäftigt sich Tappler mit Schadstoffen, denen der Mensch in Räumen ausgesetzt sein kann. „Obwohl die durchschnittliche Schadstoffbelastung in Innenräumen in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen hat, wird sie dennoch immer mehr zum Thema“, informiert der Experte. Den Schlüssel für ein gesundes Wohnraumklima erkennt er neben der Auswahl der richtigen Baustoffe in einer funktionierenden Komfortlüftung. „Die Dichtheit von Gebäuden führt zu anthropogenen Schadstoffen“, spricht Tappler auf vom Menschen verursachte VVOCs (Very Volatile Organic Compounds) an. „Im Grunde ist das vom Menschen produzierte CO2 in den durchschnittlich gemessenen Mengen nicht wirklich schädlich. Es dient lediglich als Marker, um die Qualität der Raumluft zu bestimmen. Erst ab 5000 ppm CO2 in der Luft erreicht man alarmierende Grenzen. Dieser Wert wird aber so gut wie nie erreicht.“ Die in der Holzindustrie viel diskutierte Formaldehydabgabe von Holzwerkstoffen bewertet Tappler in Bezug auf die Innenraumluft als mittlerweile weniger problematisch. „Wenn es einmal so weit ist, dassdie Formaldehydkonzentration im Raum zu hoch ist, ist meist die Belastung durch anthropogene Schadstoffe schon höher.“ Seine Empfehlung zur Gebäudelüftung lautet, bedarfsgeregelte Anlagen mit einem Feuchterückgewinnungssystem und hochwertigen Filtern einzubauen. Was „gesundes Wohnen“ betrifft, glaubt auch Tappler an einen zunehmenden Trend. „Holz in unbehandelter Form könne in Zukunft hier die Nase vorne haben“, so seine Einschätzung.

Projekt „Y2“ in Puchenau vom Architekturbüro destilat: Um gesund zu wohnen, entschied man sich hier für den Baustoff Holz
Projekt „Y2“ in Puchenau vom Architekturbüro destilat: Um gesund zu wohnen, entschied man sich hier für den Baustoff Holz

Gesund wohnen! Aber wie?

Wie sich gesundes Wohnen architektonisch umsetzen lässt, weiß DI Hans-Peter Meyer, Architekt und Geschäftsführer von Vitalarchitektur, Weitnau/DE. „Es sind die weichen Faktoren, die für das Leben bestimmend sind. Licht, Luft, Akustik und Wärme haben große Auswirkungen auf das menschliche Wohlbefinden. Leider gehen wir zu grob mit unserer Umgebung um. Deshalb ist mein Vorbild die Natur. Sie kennt kaum scharfe Kanten und nach diesem Prinzip richtet sich auch meine Arbeit.“ Diese Worte verraten bereits, dass Meyer stark mit dem Baustoff Holz verbunden sein muss. Er ist gemeinsam mit Holzbauer Thoma für die Konstruktion des Mattlihüs, einem Holzbiohotel im Allgäu, verantwortlich. Dabei verwirklichte der Feng-Shui-Experte seine Vorstellung von einem Haus, das im Einklang mit der Umgebung steht. Er bediente sich dabei eines Prinzips aus der chinesischen Philosophie – dem Yin und Yang. Yin steht für das Weiche, was Meyer mit Holz in Verbindung bringt. „Bei Feng-Shui geht es unter anderem darum, Räume zu schaffen, die den Menschen optimal unterstützen. Besonders wichtig sind ausgeglichene Schlafplätze. Aber auch in anderen Wohn- oder Arbeitsbereichen kann die Vitalität gesteigert werden. Das kommt der menschlichen Leistungsfähigkeit zugute. Gerade Holz wirkt sich sehr positiv aus“, so der Architekt.
Meyer plant bei jedem seiner Gebäude auch einen sogenannten „Herzpunkt“ mit ein. Dieser ist häufig optisch erkennbar, da an einem zentralen Punkt des Gebäudes im Boden ein Glasgefäß mit Steinen, wie Ammoniten, eingelassen wird. Sie sollen die Verbindung des Gebäudes mit der Natur herstellen.
Ein Österreicher, der sich mit der Thematik ebenfalls etwas intensiver befassen durfte, ist DI Wolfgang Winter vom Architekturbüro destilat in Linz. Im Zuge des Projekts Y2 in Puchenau entwarf er ein Haus, dessen Baukörper entlang der Falllinie eines Hanggrundstücks orientiert ist, wobei die „Energie des Hanges“ durch die Mitte des Hauses fließt. Laut Winter war dem Bauherrn zukunftsorientiertes Wohnen mit wohngesunden Baustoffen ein dringliches Anliegen, weshalb man sich für einen Holzbau entschied.

 

Kinder fühlen es
„Ich bin Antiesoteriker“, stellt Dr. Martin Riehl von Hirner und Riehl Architekten, München, klar. Sein Büro ist verantwortlich für die Planung mehrerer Kindertagesstätten aus Holz. Was für Kinder gut ist, könne für Erwachsene nicht schlecht sein, hört man oft. Von wissenschaftlich nicht belegbaren Thesen lässt sich der Architekt allerdings nicht beeinflussen.
„Der psychologische Faktor spielt beim Baustoff Holz durchaus eine Rolle. Die sinnliche Haptik von Holzoberflächen nutzen wir in unseren Konstruktionen gezielt aus. Kinder lehnen sich gerne an warmen Wänden an. Sie fühlen sich wohler. Wenn Gesundheit die Psyche mit einschließt, vermuten wir, dass Holz für den Menschen gesünder ist als andere Baustoffe“, teilen Riehl und Projektleiter DI Matthias Marschner ihre Erfahrungen. Momentan beschäftigen sich die Beiden mit dem Bau von drei Kindertagesstätten aus Holz. Um in Holz bauen zu können, sei bei Bauherren leider immer noch Überzeugungsarbeit zu leisten. „Im Laufe der Bauphasen konnten wir bisher immer auch den letzten Skeptiker überzeugen“, so Riehl. Die von vielen Seiten kritisierten höheren Baukosten hält der Architekt, in die Zukunft blickend, für weniger problematisch: „Sobald der Holzbau in die Breite geht, wird er auch billiger werden.“ Um das zu erreichen, liege die Lösung in der Standardisierung der Produkte. „Wir Architekten müssen uns zu sehr damit beschäftigen, Nachweise für Holzprodukte zu erbringen. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, sondern die der Holzindustrie“, klagt Riehl. Obwohl ihm und seinen Kollegen viele Stolpersteine in den Weg gelegt werden, möchte der Architekt dennoch weiterhin in Holz bauen. Denn für ihn ist klar: „Holz ist ein Sinneserlebnis.“

 

Fotos: destilat, Hotel Mattlihüs, Max Moser, Michael Reitberger, Vitalarchitektur

 

ARCHIV-SUCHE

NEWSLETTER

Wir informieren Sie regelmäßig über aktuelle Holzbau-Themen
hier anmelden »