Dem Gründerzeithaus die Krone aufgesetzt

Mitten in der Stadt: saniert und aufgestockt bei laufendem Geschäftsbetrieb

Revitalisierungen oder Erweiterungen historischer Bauten stellen oftmals
Herausforderungen an Architekten dar. Ist der Bau zudem denkmalgeschützt und mitten in der Stadt, wird das Vorhaben doppelt spannend. Im Falle der Sanierung und Aufstockung des „Freiburger Hofs“ hat sich das Architekturbüro Höfler & Stoll einer solchen gestellt.

1890 ursprünglich als Hotel errichtet, wurde das Jahrhundertwendehaus während des Zweiten Weltkrieges in der sogenannten Bombennacht am 27. November 1944 erheblich beschädigt und brannte aus. Bis in die 1950er-Jahre hinein fanden Umbauten statt. Unter anderem wurde es um ein viertes Obergeschoss mit einem einfachen Satteldach ergänzt, das dem Gründerzeithaus nie gerecht wurde. Dieser Umstand sollte bald korrigiert werden, aber dazu später. Genutzt wurde der Freiburger Hof damals als Wohn- und Geschäftshaus. Heute wird alleine ein gewerblicher Nutzen gezogen. Aufgrund erhöhten Platzbedarfs eines Mieters entschied sich der Hauseigentümer für eine Dachaufstockung und die zeitgleich stattfindende Sanierung des Gesamtgebäudes. Damit wurde die Aufgabe an die Architekten gestellt, unter Beachtung des Denkmalschutzes die historische Fassade zu erhalten und eine Dachkonstruktion zu entwerfen, die sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt.

Der Freiburger Hof einst...
Der Freiburger Hof einst...
...und heute. © Ralf Killian
...und heute. © Ralf Killian

Keine zusätzlichen Lasten

Nach Entwurfslegung stellte sich die grundlegende Frage nach der Ausführung. „In gemeinsamen Gesprächen mit dem Bauherrn, dem Statiker und dem ortsansässigen Zimmereibetrieb Steiger & Riesterer war die Entscheidung, das gesamte Dachgeschoss in massiver Holzbauweise auszuführen, relativ rasch geboren“, erzählt der projektverantwortliche Architekt Werner Sänger. Neben dem Wunsch des Bauherrn nach einer ökologischen Bauweise musste in der Planung darauf geachtet werden, dass im Vergleich zur Steildachkonstruktion keine zusätzlichen Lasten auf das Gebäude aufgetragen würden (Lasten werden nach unten in den Boden abgeleitet). Das errichtete Provisorium wich einem Mansardendach mit Gauben, das einem umgedrehten Schiffsbug gleicht und dem Gründerzeithaus buchstäblich die Krone aufsetzt. Auf einer Grundfläche von etwa 15 mal 50 Metern wurde zusätzlich zur freitragenden Dachkonstruktion eine ebenfalls freitragende Brettsperrholzdecke (24 cm starke Elemente) von Binderholz, die auf den Bestand aufgelegt wurden, verwirklicht. Durch den hohen Vorfertigungsgrad verstrichen vom Abbruch des alten Satteldachs bis zum Bezug des neuen Dachgeschosses lediglich sechs Monate.

Das 1890 erbaute Gründerzeithaus wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 saniert sowie um ein viertes Obergeschoss erweitert. © Höfler & Stoll Architekten
Das 1890 erbaute Gründerzeithaus wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 saniert sowie um ein viertes Obergeschoss erweitert. © Höfler & Stoll Architekten
2013 wich das provisorische Satteldach einem Mansardendach mit Gauben. © Höfler & Stoll Architekten
2013 wich das provisorische Satteldach einem Mansardendach mit Gauben. © Höfler & Stoll Architekten
Jeweils ein Bauteil für das Steildach wurde mit einem Bauteil für den flacheren Dachbereich verschraubt. Danach erst hat man diese halben Dachelemente mit der spiegelbildartig vorgefertigten zweiten Dachhälfte verbunden. © Höfler & Stoll Architekten
Jeweils ein Bauteil für das Steildach wurde mit einem Bauteil für den flacheren Dachbereich verschraubt. Danach erst hat man diese halben Dachelemente mit der spiegelbildartig vorgefertigten zweiten Dachhälfte verbunden. © Höfler & Stoll Architekten

Montage bei laufendem Geschäftsbetrieb

Nicht genug, dass sich die Baustelle zentral in Freiburgs Innenstadt befand, musste die Montage als zusätzliche Erschwernis bei laufendem Geschäftsbetrieb vonstattengehen. Die Anlieferung der Massivholzelemente an der vielbefahrenen Straße war somit nur ein Mal pro Tag, kurz vor Einsetzen des Berufsverkehrs, möglich. Dem Projekt kam zugute, dass das ausführende Holzbauunternehmen nur 20 km von der Baustelle entfernt seinen Sitz hat und über eine eigene Abbundanlage verfügt. So war es möglich, die Elemente just in time zu fertigen und die üblichen Plan- und Maßänderungen rechtzeitig zu berücksichtigen.

„Wir wussten, worauf wir uns einlassen“, lacht Raphael Riesterer, Geschäftsführer von Steiger & Riesterer. „Eine Herausforderung war es bestimmt. Trumpf war, dass wir die Platten mit Maßen bis zu 1,25 m selbst zuschneiden, diese am Vorabend verladen und in der Früh nach nur 20 Minuten Fahrtzeit liefern konnten“, erzählt er.

Die Dachkonstruktion überspannt zusätzliche Büro- und Geschäftsräumlichkeiten. © Höfler & Stoll Architekten
Die Dachkonstruktion überspannt zusätzliche Büro- und Geschäftsräumlichkeiten. © Höfler & Stoll Architekten

Erleichterung durch Holzbau

Und nicht nur, was die hohen Anforderungen bei Anlieferung und Montage betrifft, erwies sich die Massivholzbauweise aus Sicht der Architekten als Vorteil. Insgesamt empfand der Projektverantwortliche die reibungslose Zusammenarbeit mit der Zimmerei und die Ausführung in Holzbauweise als Erleichterungen bei diesem speziellen städtischen Vorhaben, wie er im Interview erzählt. Das, obwohl ganz zu Beginn noch die Überlegung einer Hybridbauweise im Raum stand. „Diese Schlankheit hätten wir mit der vorerst in Erwägung gezogenen Holz-Stahl-Konstruktion nie hinbekommen. Jetzt handelt es sich um ein statisches Nullsummenspiel im Vergleich zum Satteldach. Das war nur durch die stützenfreie Konstruktion möglich“, resümiert Sänger abschließend.

© Höfler & Stoll Architekten
© Höfler & Stoll Architekten

Daten & Fakten

Standort: Freiburg im Breisgau
Architektur: Höfler & Stoll Architekten, www.hoefler-stoll.de
Holzbau: Steiger & Riesterer GmbH, www.steiger-riesterer.de
Systemlieferant: Binderholz, www.binderholz.com
Statik: Bauingenieure Göppert, www.goeppert-bauingenieure.de
Nutzfläche: 600 m2
Verbaute Holzmenge: 425 m3 BSP

Text: Kathrin Lanz