Smog am Arbeitsplatz

Baubiologe Armin Rebernig befasst sich mit der Beziehung des Menschen zu seiner gebauten Umwelt. Häufig untersucht er Arbeitsplätze auf baubiologische Mängel. Gerade dort, wo der Durchschnittsösterreicher fast die Hälfte des Tages verbringt, ist man nicht selten unbewusst enormen Belastungen für die eigene Gesundheit ausgesetzt …

? Herr Rebernig, der durchschnittliche Westeuropäer hält sich etwa 80% seiner Zeit in Innenräumen auf. Rund 80.000 Stunden seines Lebens verbringt der österreichische Arbeitstätige sitzend im Büro. Bitte erklären Sie – völlig unabhängig von Bauweisen oder Baustoffen –, worauf es am Arbeitsplatz aus baubiologischer Sicht ankommt. Wo lauern gesundheitliche Risiken?

! Ein Arbeitsplatz – im Besonderen ein Büroarbeitsplatz – unterscheidet sich von einer Wohnung unter anderem darin, dass man sich dort meist sehr konzentriert beschäftigt. Der Körper wird bei dieser konzentrierten Arbeit aber teilweise erheblich gestört. Im Büro ist der Mensch einer Einrichtung ausgesetzt, die nicht selten gesundheitsschädigend sein kann. Das fängt bei einer zu hohen, durch schlechte Lüftung und dichte Bauweise hervorgerufenen CO2-Konzentration an. Eine kontrollierte Raumlüftung oder regelmäßiges Fensterlüften schaffen Abhilfe. Auch Schadstoffe in Innenräumen sind Thema baubiologischer Untersuchungen. Häufig wird in Büros mit mangelhaften Laserdruckern gearbeitet, die größere Mengen Feinstaub abgeben, als man sie auf einer vielbefahrenen Straßenkreuzung vorfindet, und damit für ein schlechtes Raumklima sorgen. Auch stark elektrostatische Möbel tragen dazu bei. Gerade in Büroräumen stellt sich häufig das Problem, dass billige synthetische Stoffe in Form von Sitzbezügen oder Teppichen Stäube anziehen. Aber das aus biobiologischer Sicht wahrscheinlich größte Problem sind Auffälligkeiten elektromagnetischer Art. Wir sind vor allem am Arbeitsplatz hohen elektromagnetischen Strahlungen ausgesetzt, die durch WLAN, Schnurlostelefone und elektrische Kabel erzeugt werden. Der Elektrosmog derartiger Geräte ist so stark, dass sogar das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz und Reaktorsicherheit rät, drahtlose Netzwerke und Schnurlostelefone weder zu Hause noch am Arbeitsplatz zu verwenden. Erst kürzlich wurde ich in ein Salzburger Büro gerufen, weil einer der Mitarbeiter über ständiges Unwohlsein und Kopfschmerzen am Arbeitsplatz klagte. Die Messung ergab einen Strahlungswert von über 20.000μW/m2, der von einem Telefon erzeugt wurde. Derartige Werte übersteigen die empfohlenen Maximalwerte um ein Vielfaches.

? Wo liegt der empfohlene Maximalwert?

! Bei 100μW/m2 Strahlungsdichte in Außenräumen. Dieser Wert wird von STOA, der Wissenschaftsdirektion des Europäischen Parlaments, empfohlen. Für Innenbereiche gibt es eigentlich keine konkrete Vorgabe. Man sollte aber die 100μW/m2 deutlich unterschreiten.

Baubiologe Armin Rebernig geht dem Elektrosmog auf den Grund. Er weiß, wie schädlich es sein kann, zu viele strahlungsintensive Elektrogeräte um sich zu haben. © Michael Reitberger
Baubiologe Armin Rebernig geht dem Elektrosmog auf den Grund. Er weiß, wie schädlich es sein kann, zu viele strahlungsintensive Elektrogeräte um sich zu haben. © Michael Reitberger

? Gibt es noch andere Elektrosmogquellen?

! Vor allem im Büro gibt es viele elektronische Geräte, die alle über Kabel mit Strom versorgt werden. Die Computerarbeitsplatznorm TCO gibt vor, dass beispielsweise von einem Monitor maximal 10V/m abgestrahlt werden dürfen. In Kombination mit allen Kabeln und zusätzlichen, manchmal nicht einmal notwendigen Geräten werden diese Grenzwerte oft deutlich überschritten. Werte bis zu 150-200V/m werden erreicht. In vielen Fällen strahlen minderwertige Elektrogeräte, beispielsweise billige Schreibtischlampen, besonders stark – bis zu 180V/m.

? Wie lässt sich gegen Elektrosmog vorgehen?

! Es ist relativ einfach, dagegen etwas zu tun. WLAN lässt sich abschalten und kann durch Kabel ersetzt werden. Schnurlose Telefone sollten durch herkömmliche verkabelte Geräte ersetzt werden. Billige Elektrogeräte können geerdet oder durch empfohlene Geräte ausgetauscht werden. Und stark strahlende elektrische Leitungen können abgeschirmt werden. Das ist kein großer Aufwand, wobei der Effekt aber enorm ist. 

? Welche Eigenheiten weist der Baustoff Holz bzw. die generelle Verwendung von Holz am Arbeitsplatz im Vergleich zu anderen Bau- und Werkstoffen aus baubiologischer Sicht auf? Welchen Einfluss nimmt Holz auf die Beziehung zwischen Mensch und gebauter Umwelt?

! Holz ist einer der besten Baustoffe, die wir haben – gemeinsam mit Lehm, Kalk und Stroh. Mit diesen Stoffen hat sich der Mensch über die Jahrmillionen innerhalb eines natürlichen Milieus entwickelt. Wenn wir einen Baustoff, wie Holz, verwenden, verändern wir nichts von diesen natürlichen Gegebenheiten. Hingegen manipulieren wir mit synthetischen Baustoffen oder Oberflächen und den damit einhergehenden Schadstoffen dieses Milieu in Innenräumen beträchtlich – dafür ist der Mensch nicht geschaffen. Eben weil wir uns so lange in Innenräumen aufhalten, ist es essenziell, darauf zu achten, potenzielle Schadstoffquellen zu vermeiden. Holz wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig verwendet. Der natürliche Baustoff bringt sehr viele positive Eigenschaften mit sich, wie zum Beispiel die bauphysikalisch sehr wichtige Funktion der Feuchteregulierung. Zudem wirkt sichtbar verbautes Holz durch seine grobe Oberflächenstruktur der Halligkeit eines Raums entgegen. Weiters filtern die Mikroorganismen des Holzes auf ganz natürliche Weise schlechte Gerüche aus Wohnräumen. All das führt zu gesteigertem Wohlbefinden in Holzbauten. Allerdings empfehle ich, darauf zu achten, nicht zu harzreiches Holz für Innenräume zu verwenden. Bei dichter Bauweise kann nämlich die Konzentration an Holzinhaltsstoffen in der Raumluft Grenzwerte auch überschreiten. Auch dieses Milieu ist dann nicht mehr natürlich. Im Freien können diese Stoffe durch den Wind abtransportiert werden – in luftdichten Gebäuden ohne Belüftungsanlage nicht.  

? Worauf ist in puncto Elektrosmog im Holzbau zu achten?

! Elektrische Wechselfelder der Hausinstallation können durch Feuchtigkeit verbreitet werden. Da Elektroleitungen häufig sehr nahe am Körper verlaufen, ist es immer sinnvoll, präventiv zu reagieren. Das heißt, man sollte die Elektroinstallation in den relevanten Bereichen mit abgeschirmten Kabeln ausführen oder nachträglich mit Netzabkoppler abschalten. Wichtig ist dabei, dass Elektriker diese Netzabkoppler nicht einfach nur einbauen, da die Belastung auch stärker werden kann. Im Vorfeld sollte immer eine Messung gemacht werden. 

? Ist es denn überhaupt bewiesen, dass Elektrosmog nachteilige Effekte auf den menschlichen Körper hat?

! Ja. Die Feldwirkungen von Elektroinstallationen sind ausgiebig untersucht. Die EPA (Environmental Protection Agency) stuft beispielsweise allein die elektrischen Wechselfelder der Hausinstallation als eindeutig gesundheitsschädigend ein. Es gibt Forschungsarbeiten aus England, die bestätigen, dass die Einwirkung solcher elektrischen Felder auf den Menschen ein bis zu 350% höheres Risiko für Leukämie hervorrufen. Die Liste der Krankheitsbilder ist lang und geht von Kopfschmerzen über Verspannungen und Unwohlsein bis hin zu Vitalitätsverlust, Schlaf- und Hormonstörungen sowie sehr schweren Erkrankungen. Allerdings reagiert jeder Mensch anders auf diese unnatürlichen Einflüsse und somit kann keine allgemeingültige Kausalitätskette erstellt werden. Leider wird die Thematik bis heute zu wenig ernst genommen. Typischerweise messen wir noch immer Feldstärken zwischen 50 und 100V/m an Schlafplätzen und weit mehr an Arbeitsplätzen – dabei sollten es in Schlafbereichen nicht über 1V/m sein. Heute wird immer nach Stand der Technik gebaut. Leider sind die vorgegebenen Grenzwerte für Elektrosmog relativ alt. Diese Vorgaben beziehen sich aktuell darauf, dass der menschliche Körper unter Einfluss von elektrischen Feldern nicht heiß wird oder anfängt zu zucken. Aus baubiologischer Sicht müssen diese Grenzwerte kritisch hinterfragt werden. Allein schon deshalb richten sich unsere Untersuchungen nach strengeren Kriterien. Jene, welche die Leitungen verlegen – die Elektriker –, halten wenig vom Elektrosmog. Jeder Elektrotechniker wird ihnen sagen, Elektrosmog sei Humbug. Aber diese Leute können diesbezüglich gar keine fachliche Meinung abgeben, weil sie während ihrer Ausbildung nicht darüber aufgeklärt wurden. Auf diesem Gebiet können momentan nur Umweltmediziner und Baubiologen fundiert informieren.

? Stimmt es, dass Holz ein besonders guter Absorber von Mobilfunkstrahlung ist?

! Massives Holz kann zwar Mobilfunkstrahlung dämpfen, das ist aber keine Eigenschaft, die speziell dem Holz zuzuschreiben ist. Allein die Masse ist ausschlaggebend. Ein massiver 20 bis 25cm starker Brettsperrholz-Aufbau dämpft Mobilfunkstrahlung um ungefähr 25dB. Das ist an sich nicht schlecht, aber es reicht nicht aus, wenn die Strahlenbelastung grundsätzlich hoch ist.

? Zusammenfassend: Welche Empfehlungen würden Sie einem gesundheitsbewussten Bauherren geben?

! Aus baubiologischer Sicht sind Holz, Lehm und Stroh die besten Baustoffe. Ich würde einen großflächigen Verbau sichtbarer, aber unbehandelter Holzoberflächen empfehlen. Auch Holzmöbel sollten offenporig belassen werden. Elektroinstallationen müssen abgeschirmt werden. Die 10 % Mehrkosten auf die Elektroinstallation können mit einer einfacheren Ausführung kompensiert werden. Bei Lüftungsanlagen empfehle ich ein dezentrales System. Das ist kostengünstiger als ein zentrales System und lässt sich einwandfrei warten. Im Gebäudebetrieb sollte schließlich auf drahtlose Netzwerke und Schnurlostelefone verzichtet werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass, wenn die Menschen erst einmal begriffen haben, wie schädlich sich Elektrosmog auswirken kann, sie wieder zum Kabel zurückkehren werden. Viele merken jetzt schon, dass ihnen die Strahlung zu viel wird.

Text + Bild: Michael Reitberger