Quartiere, Quartiere, Quartiere

Flüchtlingsunterkünfte in Österreich: kreative Lösungen mit Integrationsfaktor sind gefragt

Tausende Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Für die meisten ist Österreich nur ein Transitland. Für jene, die bleiben, wird man typisch österreichische Quartierkonzepte finden müssen, die mehr bieten als simple Blechcontainer. Der Holzbau hat die besseren Lösungen schon parat. © Shutterstock
Tausende Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Für die meisten ist Österreich nur ein Transitland. Für jene, die bleiben, wird man typisch österreichische Quartierkonzepte finden müssen, die mehr bieten als simple Blechcontainer. Der Holzbau hat die besseren Lösungen schon parat. © Shutterstock

30.12.2015 – Der Flüchtlingsstrom nach Europa – und damit nach Österreich – werde so schnell nicht abreißen, konstatiert Flüchtlingskoordinator Dr. Christian Konrad auf dem „Forum christlicher Führungskräfte“ im November. Mit den damit einhergehenden Herausforderungen fertig zu werden, wird die zukünftige Aufgabe karitativer Organisationen und darüber hinaus der ganzen Gesellschaft sein. Obwohl nicht alle Schutzsuchenden auf Dauer in Österreich bleiben wollen, sei damit zu rechnen, dass nicht alle zurückkehren. Damit muss die Integration in Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik erst einmal gelingen. Auch die Unterkünfte für so viele Menschen zu schaffen, ist kein Leichtes. Konrad fordert diesbezüglich kreative Lösungen. Dringlichste Forderung: Unterkünfte

„Quartiere, Quartiere, Quartiere!“, lautete die dringlichste Forderung an Konrad bei seinem Amtsantritt im September. „Ich bin weiterhin Koordinator, aber das ist das wichtigste Thema, das ich habe“, erklärt der Ex-Raiffeisen-Generalanwalt. Konrads Anliegen ist es, dafür zu sorgen, dass Zuwanderer ordentlich untergebracht werden. Dies auch in Hinblick auf die Erleichterung der künftigen Integration. Daneben gilt es, Grundbedürfnisse zu stillen.  

Grundstücksflächen als Voraussetzung

In regionalen Bürgermeisterkonferenzen möchte Konrad Gemeinden davon überzeugen, Liegenschaften zur Verfügung zu stellen. Von der Qualität vorhandener Holzbaumodelle ist der Flüchtlingskoordinator bereits überzeugt. „Da gibt es unglaublich viele Modelle in diesem Land, wie wir jetzt festgestellt haben, sehr viele Architekten und Industrieunternehmen. Und wenn die Erstbenutzer wegziehen – aus welchen Gründen auch immer –, dann kann man die Unterkünfte mit relativ einfachen Mitteln in Seniorenheime, Kindergärten oder in Studentenheime umbauen“, ist er überzeugt. Dies könne durchaus ein Anreiz für die Bürgermeister sein. Dass beheizte Zelte und Container nur eine schnelle Zwischenlösung sein können, ist klar. Dass beständiger hochqualitativer Wohnraum in Holzbauweise effektiv an den jeweiligen Aufstellungsort und die damit verbundenen Anforderungen angepasst werden kann, ebenso. Die folgenden Systeme österreichischer Holzbauunternehmen stellen diese Behauptung unter Beweis.

holzbau austria im Gespräch mit Flüchtlingskoordinator Christian Konrad: Entscheidend sind Kosten, Schnelligkeit und nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten.

Flüchtlingskoordinator Christian Konrad; © Thomas Topf
Flüchtlingskoordinator Christian Konrad; © Thomas Topf


? Insgesamt erwartet man, dass es in Österreich mit Jahreswechsel 95.000 Asylwerber geben wird. Wo sollen die schutzsuchenden Menschen bei winterlichen Temperaturen unterkommen? Welche Rolle spielt dabei der Holzbau?

! Die Holzbauten werden in diesem Winter keine größere Rolle spielen. Wir gehen davon aus, dass erst im Laufe des Jahres 2016 Projekte umgesetzt werden können. Das heißt, in den kommenden Monaten werden wir zu einem überwiegenden Teil noch in unterschiedlichen Notquartieren den schutzsuchenden Menschen ein Dach über dem Kopf anbieten. Hier müssen die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen entsprechend vorsorgen.

? Sie haben sich bereits über verschiedene Holzbausysteme erkundigt. Welche sind das und warum überzeugen Sie jene?

! Ohne jetzt auf Details einzugehen: Ich denke, dass es in der österreichischen Wirtschaft eine Reihe von Systemen gibt, die bestens geeignet sind. Entscheidend sind unter anderem folgende Faktoren: Kosten, die Möglichkeit, schnell und flexibel zu bauen, Energieeffizienz und nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten. Ich bin davon überzeugt, dass wir durch diese Bauten eine gute Basis für die Integration von schutzsuchenden Menschen in Österreich schaffen können. Ich erwarte mir dadurch auch Impulse für die Gemeindeentwicklung, aber auch für die österreichische Holz- und Bauwirtschaft.

? Es sind Bürgermeisterkonferenzen zur Förderung von Unterkünften in den Gemeinden geplant. Werden die Anreize der Wiederverwendbarkeit von Holzbauten überzeugen können?

! Die Treffen mit den Bürgermeistern finden im Januar statt.
Ich denke, wir werden gute Argumente vorlegen, um zu überzeugen.

Österreichische Flüchtlingsquartiere: Die Lösungen des Holzbaus

Carsten Ritterbach, Marketingleiter bei Egger
Carsten Ritterbach, Marketingleiter bei Egger

Konzept Egger Holzindustrie

Zusammen mit dem Architekten Bruno Moser und Holzbau Saurer hat man eine Lösung in Form eines modularen Holzrahmenbaus entwickelt, die den Anforderungen einer Flüchtlingsunterkunft sowie jenen diverser Nachnutzungen gerecht werden soll. Als Basis dient die Egger-Firmenarchitektur, welche unter Anwendung der OSB 4 TOP-Platte schon bei vier Egger-Gebäudekomplexen umgesetzt wurde. Das fertiggeplante Modell kann von Verarbeitern frei genutzt werden – Egger selbst produziert die Gebäude nicht, sondern stellt alle vorhandenen Informationen, wie die Beschreibung der Elemente und Details, eine Montageanleitung etc., zur Verfügung. Ästhetik und Architektur sind wesentliche Bestandteile des Konzepts. Dadurch soll eine vernünftige Nachnutzung gewährleistet sowie eine erfolgreiche Integration unterstützt werden.

Konzept Egger Holzindustrie; © Egger
Konzept Egger Holzindustrie; © Egger

Projektbeteiligte: Egger Holzindustrie, Architekt Bruno Moser, Holzbau Saurer
Kosten: 1100€/m2 (BGF) netto inklusive Transport und Montage, aber exklusive Fundament, Anschlüssen, Möblierung und Mehrwertsteuer
Nachnutzung: als Appartement oder Büro; Fußböden können nachträglich eingebaut, Wände mit einer zweiten Installationsebene beplankt werden; flexible Raumaufteilung durch demontierbare Innenwände möglich
Bauzeit: 12 Wochen für ein 2-stöckiges Gebäude aus 12 Modulen inklusive Montage

Das Architektentrio Hermann Kaufmann, Andreas Postner, Konrad Duelli (v. li.); © Kaufmann, Postner, Duelli
Das Architektentrio Hermann Kaufmann, Andreas Postner, Konrad Duelli (v. li.); © Kaufmann, Postner, Duelli

Konzept Postner / Kaufmann / Duelli

Beim Modell „Transfer Wohnraum“ dreier Vorarlberger Architekten stellt die Mitarbeit der Flüchtlinge bei Fertigstellung der Unterkünfte einen integrativen Projektbestandteil dar. Die in Holztafelbauweise errichteten Gebäude werden zwar bezugsfertig zur Verfügung gestellt, der Innenausbau und die Teilbereiche der Außenfassade sollen aber unter fachlicher Begleitung von den zukünftigen Bewohnern selbst bearbeitet werden. Bei allen Häusern sollen angelegte Gemeinschaftsgärten von Flüchtlingen und Ortsansässigen betreut werden. In kleinen Strukturen gebaut, wird Ghettobildung vermieden: Einzelne Häuser statt riesiger (Container)-Siedlungen, lautet das Motto. Das Konzept lässt sich zu gleichen Kostenbedingungen sowohl für Asylwerber als auch für Zwecke des sozialen Wohnbaus verwenden. „Wir wollen deklarieren, dass wir hier auf kostengünstigste Weise solide Häuser errichten, die wir nachträglich veredeln können – gleich mithilfe der Nutzer oder später vor ihrer Umwandlung zu kommunalen Starterwohnungen“, erklärt einer der drei Architekten, Andreas Postner. Zwei- und dreigeschossige Typologien lassen sich als Zwei-, Drei- oder Vierspänner ausführen. Unterschiedliche Wohnungsgrößen von 35m², 55m², 75m² bis zu 110m² mit unterschiedlichen Ausbaustufen lassen sich realisieren.

Konzept Postner/Duelli/Kaufmann, © Designtherapy
Konzept Postner/Duelli/Kaufmann, © Designtherapy
© Designtherapy
© Designtherapy

Projektbeteiligte: Andreas Postner, Hermann Kaufmann, Konrad Duelli
Kosten: 340.000 bis 380.000€ Nettoerrichtungskosten für ein zweigeschossiges Gebäude mit etwa 220m2 Nutzfläche
Nachnutzung: nachträglich mögliche Ausbaustufen lassen beinahe jeden Verwendungszweck zu; vorwiegend als sozialer Wohnbau (Starterwohnungen)
Bauzeit: 8 bis 10 Wochen ab Auftragseingang bezugsfertig

Christian Kaufmann, Geschäftsführer Kaufmann Bausysteme; © Kaufmann Bausysteme
Christian Kaufmann, Geschäftsführer Kaufmann Bausysteme; © Kaufmann Bausysteme

Konzept Kaufmann Bausysteme

Seit Jahren realisiert Kaufmann Bausysteme aus Vorderreuthe in Vorarlberg Modulsysteme mit verschiedenen Einsatzgebieten. Da lag es nahe, das Holzbau-Know-how auch für Flüchtlingsunterkünfte einzusetzen. Bei den Unterkünften, die beispielsweise beim Projekt „Flüwo“ in Hannover zum Einsatz kamen, handelt es sich um Raummodule aus Brettsperrholzplatten. Die Module werden inklusive sämtlicher Oberflächen und Ausstattungsdetails im Werk komplettiert. Somit müssen vor Ort nur noch die Anschlussleitungen montiert werden und die Zimmer sind bezugsfertig. „Menschen, die sozialpolitisch benachteiligt sind, haben auch das Recht auf angenehme Notunterkünfte. Mit unserem System können wir beweisen, dass wir kostengünstig angenehme Wohnräume schaffen können“, ist Geschäftsführer Christian Kaufmann überzeugt.

© Olaf Mahlstedt
© Olaf Mahlstedt
© Olaf Mahlstedt
© Olaf Mahlstedt
Konzept Kaufmann Bausysteme; © Olaf Mahlstedt
Konzept Kaufmann Bausysteme; © Olaf Mahlstedt

Projektbeteiligte: Kaufmann Bausysteme, Mosaik Architekten, Stadt Hannover
Kosten: 1190€/m2 (BGF) netto ab Oberkante Fundament, ohne Transport
Nachnutzung: Als Wohnbau, Studentenwohnheim, o.ä.
Bauzeit: ab Auftragseingang 5 Monate für 185 Module inkl. Montage

Karl Niedermayer, Geschäftsführer von Weisshaidinger Ingenieur-Holzbau
Karl Niedermayer, Geschäftsführer von Weisshaidinger Ingenieur-Holzbau

Konzept Weisshaidinger Ingenieur-Holzbau

Der Entwurf für nahezu komplett vorgefertigte Raummodule bestand schon vor dem Flüchtlingsstrom. Auf Anfrage des Roten Kreuzes Oberösterreich wurde das Modell an die Anforderungen von Flüchtlingsunterkünften angepasst. Die Kon-struktion besteht aus Modulen in Holzriegelbauweise mit innenseitiger OSB-Beplankung, Mineralfaser-Volldämmung und außenseitig sägerauer Vollholzschalung mit Fugenausbildung. Die verwendeten Holzprodukte stammen ausschließlich von PEFC-zertifizierten Lieferanten aus der Region. Die Gestaltung ordnete sich den Faktoren Zweckmäßigkeit und ökonomische wie schnelle Realisierung unter. Die Beheizung und Warmwasseraufbereitung durch eine Luftwärmepumpe ist in allen Facetten einer Nachnutzung zukunftsfähig – vor allem durch die autarke Lösung in einem werksseitig komplett ausgestatteten Energiecontainer.

© Weisshaidinger Ingenieurholzbau
© Weisshaidinger Ingenieurholzbau
Konzept Weisshaidinger; © Weisshaidinger Ingenieurholzbau
Konzept Weisshaidinger; © Weisshaidinger Ingenieurholzbau

Projektbeteiligte: Weisshaidinger Ingenieur-Holzbau, Rotes Kreuz Oberösterreich
Kosten: rund 850€/m2 (BGF) netto ab Oberkante Fundament inklusive Transport und Montage
Nachnutzung: als Studentenwohnheim, Motel oder Startwohnung; Rückbau und Weitertransport möglich; durch nachträgliche Boden- und Wandaufbauten auch als Büro nutzbar
Bauzeit: 10 Wochen ab Auftragseingang bis Fertigstellung (ohne Möblierung)

Walter Meiberger, Geschäftsführer von Meiberger Holzbau; © Meiberger
Walter Meiberger, Geschäftsführer von Meiberger Holzbau; © Meiberger

Konzept Meiberger Holzbau

Das Modell „RK Refugium“ von Meiberger Holzbau wurde gemeinsam mit dem Roten Kreuz Salzburg und der Architektin Melanie Karbasch entwickelt. Man wollte ein Konzept schaffen, bei dem Asylwerber nicht in Containern Unterkunft finden, sondern in einem mittel- bis langfristig nutzbarem Haus, indem sich die Bewohner selbst organisieren. Es handelt sich hierbei um eine Holzriegelkonstruktion mit hinterlüfteter Fichtenfassade und Zwischenwänden aus Massivholz. Durch optisch ansprechende gestalterische Elemente, wie die sägeraue Fassade oder das Satteldach, stellen die Gebäude Verbindungen zur örtlichen Architektur her und werden so von der Bevölkerung besser angenommen.

Konzept Meiberger; © Meiberger Holzbau
Konzept Meiberger; © Meiberger Holzbau

Projektbeteiligte: Meiberger Holzbau, Architektin Melanie Karbasch, Rotes Kreuz Salzburg
Kosten: 950€/m2 (Nutzfläche) netto inklusive Transport und Montage
Nachnutzung: beispielsweise im Katastropheneinsatz oder als Studentenwohnheim; komplett zerlegbar und abtransportierbar
Bauzeit: innerhalb von 10 Wochen ab Auftragseingang bezugsfertig


Text: Kathrin Lanz, Michael Reitberger