Holz ist dort am stärksten, wo der städtische Raum am attraktivsten ist

Hochhäuser schön und gut, aber das wahre Potenzial liegt am Dach und im historischen Bestand

05.05.2017 – „Weltweit höchstes Holzhochhaus in Wien“ – markante Slogans wie dieser rücken das Bauen mit Holz im urbanen Raum ins Bewusstsein. Über die Sinnhaftigkeit des Wettbauens in Holz nach oben, das ohne massiven Einsatz von Beton und Stahl meist nicht möglich ist, lässt sich diskutieren.

Andreas Breuss, Planer und Lehmbauprofi; © Breuss
Andreas Breuss, Planer und Lehmbauprofi; © Breuss

Daneben gibt es aber – bei Weitem weniger spektakulär – noch sehr viel mehr Einsatzmöglichkeiten für Holz in der Stadt: Nachverdichtung von Blockrandbauten durch Aufstockung oder Schließen von Baulücken sowie Dachausbauten im historischen Kern der Stadt bergen große Potenziale für den ökologisch hochwertigen Baustoff. Diese alten Gebäude können das Gewicht zusätzlicher massiver Geschosse mit Beton und Ziegel nicht tragen. Vorgefertigte, leichte Holzelemente verkürzen die Bauzeit und bringen ökologisch hochwertigen Wohnraum in die Stadt. 

Der Baustoff Holz hat ähnlich gute statische Eigenschaften wie Stahl, ist aber nicht nur ressourcenschonender, sondern auch in der Ausführung besser zu handhaben. Durch die wärmedämmende Eigenschaft sind Anschlüsse unkomplizierter herzustellen und sie müssen nicht, wie beim Stahlbau, mit Chemie oder künstlichen Baustoffen brandgeschützt werden. Auch das Bauen mit diffusionsoffenen Systemen ist durch die Verwendung natürlicher Baustoffe leichter zu bewerkstelligen.

Mit Holz und Lehm lassen sich zum Beispiel für mehrgeschossige Aufstockungen oder Dachausbauten die statischen und bauphysikalischen Anforderungen erfüllen. Der Gewinn ist ein chemie- und emissionsarmer Innenraum mit einem feuchteregulierenden Raumklima. Hier liegt meiner Meinung nach auch ein großes Potenzial für den Dachausbau, der als technisch kompliziert gilt. Durch die Vorfertigung lässt sich das Risiko von Ausführungsfehlern minimieren, weil man baukastenartig fertige Module auf das Dach setzt, die auch die Ausführungsqualität und damit Langlebigkeit des neuen Wohnraumes nachhaltig sichern. Holz ist also, wie ich glaube, dort am stärksten, wo der städtische Raum am attraktivsten ist: im historischen Bestand, in der gewachsenen Struktur der Stadt. Das Potenzial auf den Dächern Wiens liegt – wenn auch die Einschätzungen sehr unterschiedlich sind – zwischen 20.000 und 25.000 Rohdachböden. Wenn nur die Hälfte davon ausgebaut werden würde, wären das grob geschätzt 2.000.000 m2 zusätzlicher Wohnraum – bevorzugt gebaut in Holz!

_andreas breuss