Für eine Rehabilitierung der Baukultur

Deckmantel der Wirtschaftlichkeit rechtfertigt keine Wegwerfarchitektur

30.10.2017 – „Zeit-im-Bild“-Moderator Tarek Leitner beschäftigte sich als Buchautor intensiv mit den Ursachen der baulichen Verschandelung ganzer Regionen und der voranschreitenden Zersiedelung von Landstrichen. Der ORF-Anchorman erzählt, warum wir uns Schönheit nicht um ein paar Cent abkaufen lassen sollten, inwiefern er die Einführung einer Entsorgungsgebühr für Neubauten für eine gute Idee hält und weshalb das Aussuchen eines Bauplatzes kein Wunschkonzert bleiben darf.

Tarek Leitner: Warum für Architektur nicht auch einen Entsorgungsbeitrag bei Errichtung eines Neubaus einheben? © Kathrin Lanz
Tarek Leitner: Warum für Architektur nicht auch einen Entsorgungsbeitrag bei Errichtung eines Neubaus einheben? © Kathrin Lanz

? Mit Ihrem Buch „Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“ schärften Sie 2012 erstmals den Blick auf die bebaute Umgebung. Was bewegte Sie dazu?

! Mit meiner Familie besuche ich in regelmäßigen Abständen das Salzkammergut, das ich sehr liebe. Meine Frau kommt aus Bad Goisern. Bei jedem Besuch, konnte ich bauliche Veränderungen feststellen. So bin ich anfangs auf das Thema aufmerksam geworden. Es gab mir zu denken wie wir mit unserer bebauten Landschaft umgehen.

? Ihre Kritik sagt beispielsweise, dass wir unter dem Deckmantel der „Wirtschaftlichkeit“ vielfach akzeptieren würden, dass der Raum, in dem wir unser alltägliches Leben verbringen, baulich verunstaltet wird.

! Wir reden uns zwar selbst ein, dass wir davon profitieren. Mit dem Argument: „Es würde sich rechnen“, lassen wir uns die Schönheit um ein paar Cent abkaufen. Aber in Wirklichkeit bezahlen wir mit dem Verlust ansehbarer Umgebung. Das Paradoxe ist, dass es billiger ist, den gleichen Hallenbau auf der grünen Wiese neben der alten Halle zu errichten. Es ist profitabler, neu zu bauen, als das alte Gebäude abzureißen, geschweige denn, es zu renovieren. Das ist Wegwerfarchitektur.

? Sind das Beobachtungen aus dem Salzkammergut, die Sie ansprechen?

! Es ist nicht nur im Salzkammergut so. Diese Entwicklung hat beinahe jeder Ort am Land durchgemacht. Der gesamte Dorfkern wird in seiner Funktionalität an den Ortsrand verfrachtet. Zuerst entstehen Autohäuser, es folgen Diskonter und Lebensmittelgeschäfte, bis die Kernfunktionen, wie Apotheken oder Arztpraxen, ebenfalls folgen. Was entsteht, ist ein neuer Mittelpunkt – nur viel hässlicher und mit viel mehr Flächenverbrauch. Am Land prägen solche Prozesse oft die Anmutung eines ganzen Tales. Diese Entwicklung hängt auch damit zusammen, dass wir heute über die technischen Möglichkeiten verfügen, sehr viele Kubaturen rasch zu planen und zu replizieren. Das ist nicht unwesentlich, was wir da tun. Das verändert die komplette Siedlungsgeschichte.

? Was wäre die Lösung?

! Es gibt Konsumgüter, für die wir schon bei Anschaffung Entsorgungsgebühr bezahlen, wie den Kühlschrank. Nach Einführung dieses Gesetzes hörten Menschen auf, ihre Geräte im Wald zu entsorgen. Warum für Architektur nicht auch einen Entsorgungsbeitrag bei der Errichtung eines Neubaus einheben? Die Landschaft sollten wir nicht verbrauchen wie Konsumgüter. Die Ressourcen sind nun mal endlich.

In seinem Buch „Mut zur Schönheit“ kritisiert Tarek Leitner, dass in Österreich zu leichtsinnig mit der Entwicklung baulicher Strukturen umgegangen wird. © Brandstätter Verlag
In seinem Buch „Mut zur Schönheit“ kritisiert Tarek Leitner, dass in Österreich zu leichtsinnig mit der Entwicklung baulicher Strukturen umgegangen wird. © Brandstätter Verlag

? Die Bevölkerung wächst, Städte wachsen mit ihr. Der Wohnraumbedarf muss trotzdem gedeckt werden.

! In einem kleinen Land mit 8,4 Millionen Einwohnern werden täglich rund 25 Hektar Bodenfläche versiegelt. Wir müssen unbedingt den Bevölkerungsanstieg vom Flächenverbrauch entkoppeln. Wir verbrauchen ungebrochen viel Grund und Boden. Das zeigt, wie tief es in uns steckt, wie viel Platz wir zu brauchen glauben. Auch in Regionen, deren Bevölkerungen nicht so rasch wachsen, schreitet dieser Prozess rasend voran. Das Aussuchen des Bauplatzes ist im Moment ein Wunschkonzert. Das muss sich ändern.

? Das Einfamilienhaus ist und bleibt die beliebteste Wohnform – aus Mangel an innerstädtischer Fläche sind Zersiedelung und das Verschwimmen zwischen Stadt und Land die Folgen.

! Diese Entwicklung führt zu Hybridräumen, welche die Nachteile von Stadt und Land vereinen. Die Grenzen verschwimmen und wir wissen nicht mehr, wo wir sind. Das schafft ein unwohles Gefühl. Ich glaube, es ist objektivierbar, wo wir uns wohlfühlen. Und an diesen Orten tun wir das nicht.

? Welche Rolle spielt hier das Baumaterial?

! Das Material ist nicht wesentlich. Es geht um die Gesamtanmutung, nicht um das, was der Einzelne baut. In Städten täuschen glatte Oberflächen aus Glas und Stahl den Anschein von Transparenz vor. Wir rutschen mit dem Auge an dieser vermeintlichen Moderne der Fassaden ab. Holz dagegen hat eine strukturierte Oberfläche, die altern kann.

? Das klingt, als hätten Sie einen persönlichen Bezug zu Holz?

!Ich war bei den Pfadfindern, habe aus Holz Kochstellen gebaut. Einen Sommer waren wir bei einem Bauern am Hof und halfen auch im Wald mit. Das könnte ich wahrscheinlich heute noch immer. Und im Salzkammergut besitzen wir ein im Jahr 1830 erbautes Holzhaus, das wir zum Teil selbst renovierten.

? Trotz Ihrer Gleichberechtigung aller Baustoffe – worin sehen Sie Vorteile des Baustoffs Holz?

! Den Anspruch der Flexibilität, den wir heute in dieser schnelllebigen Zeit ans Bauen richten, dafür bietet Holz durchaus die beste Möglichkeit.

_kl