Holzfäller raus, Landschaftsplanerin rein

Umnutzung auf kanadisch – ein Vogelnest im Bergdorf

28.12.2017 – Was einst eine kleine Hütte eines Holzfällers war, ist heute ein schmucker Rückzugsort mitten im Wald. Bedacht auf die Unberührtheit der Umgebung und unter der Voraussetzung, nicht mehr Bodenfläche zu verbrauchen, als es der Bestandsbau tat, entwarf ein kanadisches Designerteam einen modernen Ort der Ruhe.

© v2com, Loukas Yiacouvakis
© v2com, Loukas Yiacouvakis

In Sutton, einem Bergdorf etwa 110 km südöstlich von Montreal, stand einst eine kleine Hütte im Wald. Die raue Struktur erlaubte nur ein Fenster und eine Tür. Es gab Strom, aber kein fließendes Wasser. Als die Landschaftsplanerin Suzanne Rochon das Kleinod fand, war es mehr „klein“ als ein „Od“ – alles andere als ein Ort des Verweilens. Aber die Hütte hatte es ihr trotzdem angetan. 2002 erwarb sie diese deshalb vom Vorbesitzer und begann, sie nach und nach zu renovieren – in Eigenregie. Trotz der eindeutigen Verbesserung, die sie dadurch erzielte, bot die Unterkunft nicht viel an modernen Annehmlichkeiten. Beispielsweise eignete sie sich nicht für den Besuch von Freunden.

Wald spiegeln, ohne ihn zu stören

2012 wandte sich Rochon deshalb an Loukas Yiacouvakis und Marie-Claude Hamelin, Partner bei YH2 Architecture. In einem Punkt war sie unnachgiebig: Der Ausbau dürfe die bestehende Grundfläche nicht überschreiten. Der einzige Weg der Expansion führte deshalb in die Höhe. Für die Planer bedeutete das, im umliegenden Wald nach Ideen zu suchen. Deshalb gleicht die Form einem Baum – schmal im Stamm, nach oben hin verzweigt und breit im Blätterdach. Die Fassade erinnert an die Rinde des Nadelwaldes und ist mit dunkler Zeder bedeckt. „Die Idee war, den Wald in unserem Entwurf zu spiegeln, ohne ihn bei unserer Ausführung zu stören“, sagt Hamelin.

Rustikale Möbel und ein Holzofen prägen den Innenraum. © Francis Pelletier
Rustikale Möbel und ein Holzofen prägen den Innenraum. © Francis Pelletier
Im Zickzack durch die Hütte – die Stiegen verfügen allesamt über kein Geländer.
Im Zickzack durch die Hütte – die Stiegen verfügen allesamt über kein Geländer.
„Hochsitz in Rautenform“: Im obersten Stockwerk schufen die Planer eine Außenterrasse mit Bänken. © Francis Pelletier
„Hochsitz in Rautenform“: Im obersten Stockwerk schufen die Planer eine Außenterrasse mit Bänken. © Francis Pelletier

Von einem auf drei Stöcke

Der Aufbau erfolgte deshalb ohne schwere Maschinen, welche die natürliche Umgebung des Waldes zerstört hätten. Heute erstreckt sich das Waldhäuschen über drei Etagen und weist 120 m2 Wohnfläche auf. Im Erdgeschoss bietet ein schlicht gehaltener Raum die direkte Verbindung zum Waldboden. Das 37 m2 große Betonfundament der ursprünglichen Hütte verblieb hier teilweise sichtbar. Eine skulpturale Treppe aus Eschenholz, die von einer schwarz lackierten Stahlkonstruktion getragen wird, durchwebt von da an die beiden weiteren Stockwerke im Zickzack – ohne Wände, ohne Geländer. Der Holzrahmenbau wird im zweiten Stockwerk von einer Holzbrücke durchquert, die keine Reling hat und den Wohnbereich darunter überblickt. Im obersten Stockwerk schuf das Planerteam eine Außenterrasse, die einen ungehinderten Blick auf die Baumkronen bietet. Heute verfügt das Waldhäuschen nicht nur über einen Stromanschluss, sondern auch fließendes Wasser und eine Schlafmöglichkeit für Gäste. Darüber hinaus gibt es reichlich Fenster, die das Häuschen mit Licht durchfluten.

Für YH2 ging es nicht nur darum, eine funktionale Lösung für ein gegebenes Problem zu finden. Das Projekt sollte sich dem Kontext anpassen und ihn transformieren. Deshalb lag der Fokus nicht nur auf der Form und dem Wesen des Baus, sondern auch der Bedeutung jedes einzelnen Elements. Wie bei so vielen anderen Projekten des Planungsbüros ergaben sich aus dieser Herangehensweise der vorherrschende Purismus und die Nähe zur Umgebung. Was daraus entstand, ist ein Zufluchtsort, der ein wenig an ein Vogelhäuschen erinnert – wie es sich für ein Waldhaus eben gehört. 

Die Waldhütte in ihrem ursprünglichen Zustand.
Die Waldhütte in ihrem ursprünglichen Zustand.

Projektdaten

Standort: Sutton, Kanada
Fertigstellung: 2014
Nutzfläche: 120 m2
Architektur: YH2

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