Er hat gut lachen

Rückblick auf das 23. Internationale Holzbau-Forum mit Headliner Michael Green

18.12.2017 – Die Leitveranstaltung des europäischen Holzbaus, das alljährliche Holzbau-Forum (IHB) in Garmisch-Partenkirchen, wurde auch 2017 seinem guten Ruf mehr als gerecht. Nicht nur, dass mit nahezu 1700 Teilnehmern und 120 Ausstellern das in die Jahre gekommene Kongresszentrum der bayerischen Marktgemeinde fast aus allen Nähten platzte: Mit 90 Fachreferaten, etlichen renommierten Experten aus Wissenschaft, Handwerk und Ingenieurswesen und dem kanadischen „Vorzeige-Holz-Architekten“ Michael Green als Headliner bewies man einmal mehr den hohen fachlichen Stellenwert der Veranstaltung. Doch dort, wo so viel Kompetenz, Wissen und Qualifikation aufeinandertreffen, besteht auch erhöhte Gefahr, dass sich unterschiedliche Interessensgruppen aneinander reiben. Unbestreitbar lagen leichte Rauchschwaden des Konfliktherds „Industrie vs. Handwerk" in der Garmischer Alpenluft.

Architekt Michael Green: Eigentlich hätte der Kanadier schon 2016 in Garmisch seinen Auftritt haben sollen. Krankheitsbedingt musste er damals absagen. Dafür hat er diesen Winter sein Versprechen eingehalten – nahezu 1700 Forums-Teilnehmer lauschten dem Headliner des diesjährigen Holzbau-Forums. © MR
Architekt Michael Green: Eigentlich hätte der Kanadier schon 2016 in Garmisch seinen Auftritt haben sollen. Krankheitsbedingt musste er damals absagen. Dafür hat er diesen Winter sein Versprechen eingehalten – nahezu 1700 Forums-Teilnehmer lauschten dem Headliner des diesjährigen Holzbau-Forums. © MR


Man merkt, dass sich die Veranstalter des Holzbau-Forums große Mühe geben, das dreitägige Programm so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten: Neben den wiederkehrenden Schwerpunkttehmen Architektur, Markt, Fertigbau, Handwerk sowie Forschung und Technologie beging man traditionsbewusst auch wieder einen Exkurs zum Holzbau ferner Länder. Diesmal standen die baltischen Staaten mit gebauten Beispielen sowie diversen Rahmeninformationen zum Holzbau in Estland, Lettland und Litauen im Fokus. Dass sich die Teilnehmerschaft mittlerweile aus Personen aus 32 Ländern zusammensetzt, unterstreicht die hohe Internationalität des Forums. Diese Entwicklung will man durch weitere, in den Startlöchern stehende, Tochterveranstaltungen in Südafrika und Nordamerika vorantreiben. „Wir stellen nach wie vor ein steigendes Interesse an unseren Veranstaltungen fest, weshalb wir das Angebot auch auf Spezialgebiete im Holzbau-Bereich weiter ausbauen wollen“, kommentierte in Garmisch der Geschäftsführer von Forum-Holzbau, Univ.-Prof. Uwe Germerott, die Expansionsschritte.

Zum Wohle eines großen Ganzen

Eine wachsende Organisation lukriert in der Regel höhere Umsätze. Damit die Einnahmen der kooperierenden Veranstalter von Forum-Holzbau auch sinnvoll genutzt werden können, wurde in Garmisch die Gründung der gemeinnützigen Stiftung „Forum Holz“ bekanntgegeben. Diese wird Projekte aus Wissenschaft und Forschung sowie die Aus-, Fort- und Weiberbildung im Bereich des nachhaltigen Bauens – insbesondere im Holzbau – gezielt fördern. 

Größer, schneller, billiger … kann jeder mithalten?

Rekordzahlen für das Holzbau-Forum, eine bisher unerreichte Menge an präsentierten Leuchtturmprojekten und schon fast euphorisch leuchtende Gesichter unter den Vertretern der Zuliefererindustrien: In Garmisch hatte man heuer den Eindruck, der Holzbau habe einen echten Lauf. Und doch wird manchen ein leicht fahler Beigeschmack in Erinnerung bleiben. Denn in Gesprächen mit jenen Vertretern des Holzbaus, die eben nicht an den hochgelobten Leuchtturmprojekten teilhaben, sondern ihr täglich Brot im konventionellen Wohnungs- oder Einfamilienhausbau verdienen, stellte sich rasch heraus, dass nicht alle die größte Freude an der Industrialisierung des Holzbaus und er hochgepriesenen Industrie 4.0 haben. „Hier redet man nur noch von Modulbau, Fertighäusern und Massenproduktion am Fließband. Was haben wir Handwerker davon?“, kritisierte ein nicht unbekannter österreichischer Holzbauunternehmer, dem sich am Gala-Abend der Veranstaltung auch gleich mehrere Fürsprecher anschlossen. Man bekam den Eindruck, die rasante Entwicklung des Holzbaus würde einigen zu schnell gehen. Jene „Mittelständler“, die es sich nicht leisten können, ihre Produktion in kurzen Abständen den neuesten technischen Standards anzupassen, bangen, auf der Strecke zu bleiben.

Selbst der mit Spannung erwartete Vortrag des kanadischen Star-Architekten und Holzbau-Missionars Michael Green lieferte für das Spannungsfeld zwischen Handwerk und Industrie keine überzeugende Lösung. Im Gegenteil: Zu Anfang seiner Ausführungen sprach sich Green zwar dafür aus, dass der persönliche Bezug zum Material beim Bauen mit Holz unerlässlich auch für jeden Planer sei und dass die handwerkliche Note in jedem gebauten Objekt erkennbar bleiben sollte; seine Quintessenz für eine erfolgreiche Zukunft des Holzbaus lautete aber schließlich: „Wir müssen Wege finden, unsere Gebäude so schnell und effizient wie möglich zu bauen!“ Von seinem Rezeptzettel für den „Holzbau der Masse“ las er ab:

  • „Vorfertigung im Werk“
  • „vertikale Integration“
  • „Anpassung der Computersysteme an die Bedürfnisse von Industrie und Architektur“
  • „Etablierung von künstlicher Intelligenz und robotergestützter Fertigung“

Als letzten Punkt auf seiner Liste zählte der zwar gut gelaunte aber doch ungewöhnlich nervöse Michael Green noch ein Wort auf, das alles bisher Gesagte auf eine erschreckend prägnante Weise zusammenfasste:

  • „Disruption“

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