Architektur als Wettbewerbsvorteil

Unter vier Augen mit dem frisch gebackenen Universitätsprofessor Tom Kaden

01.02.2018 – Ende September des vergangenen Jahres wurde endlich bekannt gegeben, wer sich für die in Österreich einmalige Professur „Architektur und Holzbau“ an der TU Graz durchsetzen konnte. Mit dem 56-jährigen Berliner Tom Kaden hat man sich für einen Vorreiter in der europäischen Holzbauszene entschieden, der seine Kompetenz bereits mit einer Vielzahl in Holz geplanter Großprojekte unter Beweis stellte. holzbau austria hat sich mit dem charismatischen Deutschen getroffen, um herauszufinden, was er in seiner neuen Position für den österreichischen Holzbau bewegen möchte und welche Schwerpunkte er sich in seiner Lehre setzt.

Professor Tom Kaden; © Kaden & Lager
Professor Tom Kaden; © Kaden & Lager

? Plötzlich Professor. Herr Kaden, wie waren die ersten Wochen in dieser neuen, verantwortungsvollen Position?

! Aufregend. Aber ich bin ja nicht planlos nach Graz gegangen. Schon im Zuge der Bewerbung um den Posten habe ich ein Lehrprogramm erarbeitet, das wir auch umsetzen möchten. Gemeinsam mit meinen Assistenten, Markus Stangl, und Bettina Gossak-Kowalski verfeinern wir derzeit die Inhalte und möchten spätestens im nächsten Semester ein komplettes Lehrprogramm – sowohl für den Bachelor- als auch für den Masterstudiengang – anbieten, welches ganz konkret auf das Planen mit dem Baustoff Holz im urbanen Raum zugeschnitten sein wird.

? Was sollen die Studierenden bei Ihnen lernen?

! Ziel ist es, dass wir mit den Studenten bei den Grundlagen beginnen und sie peu à peu an ein intensiveres Auseinandersetzen mit dem Holzbau heranführen. Nach Graz bin ich mit der Grundhaltung gegangen, dass es im deutsch-österreichischen Raum – außer in München – keine wirkliche Holzbauausbildung für Architekten gibt. Deshalb geht es vor allem darum, in der Lehre die Komplexität zu verdeutlichen: Die Historie des Holzbaus, die Prozesstechnik, handwerkliche Grundlagen, das Kennenlernen der marktüblichen Produkte und aktuelle Entwicklungen – all das soll thematisiert werden. Dabei werden die Inhalte im ständigen Konnex mit der architektonischen Planung vermittelt. Wichtig wird sein, die Architekten von morgen heute für den Holzbau zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, dass der Baustoff Holz allen relevanten Bauaufgaben – auch oder vor allem im städtischen Bereich – gewachsen ist. Damit will ich nicht sagen, dass Holz alles kann.

? Sind Sie auch forschend tätig?

! Das macht sogar einen wesentlichen Teil der Professur aus. Wir befassen uns intensiv mit dem Thema, wie wir es schaffen können, den Einsatz von Holz über die bekannten Leuchtturmprojekte hinaus in der Breite zu etablieren. Vor allem im städtischen mehrgeschossigen Wohnungsbau ist das Potenzial enorm, liegt doch hier der Anteil des Holzbaus aktuell bei nicht mehr als 2-5 %. Um ihn signifikant zu steigern, wird es notwendig sein, noch intensiver auf die Vorfertigung im Werk zu setzen, aber auch die Gratwanderung zwischen architektonischer Freiheit und industrieller Präfabrikation zu meistern. Um das zu erreichen, möchte ich von Anfang an Beteiligte aus Industrie, Handwerk und Planung an einen Tisch holen, um zukunftsträchtige Konzepte zu erarbeiten, die baukulturelle Qualität und effiziente Fertigung vereinen.

? Das heißt, Sie werden auch konsequent die Zusammenarbeit mit der produzierenden Industrie verfolgen, um nach Möglichkeit Einfluss auf die Holzbauprodukte von morgen zu nehmen?

! Genauso habe ich es vor. Der industrielle Ansatz ist jener der Masse. Ich wünsche mir aber bei allem quantitativen Wachstum auch eine Steigerung der architektonischen Qualität – dabei schließe ich natürlich alle ingenieurtechnischen Inhalte, wie Statik, Bauphysik und Brandschutz mit ein. Ich bin davon überzeugt, dass es bei nicht nur erklärter, sondern auch tatsächlicher Verzahnung von Architektur, Ingenieurtechnik, Handwerk und Industrie zu vollen Auftragsbüchern für alle Beteiligten kommt.

? Nach wie vor leiten Sie gemeinsam mit Ihrem Geschäftspartner, Markus Lager, Ihr Berliner Büro. Nimmt Ihr Engagement an der TU Graz dafür nicht einen zu großen Teil Ihrer Zeit in Anspruch oder lässt sich das arrangieren?

! Ich bin mindestens vier Tage pro Woche in Graz und, ja, es ist eine Herausforderung – nicht nur beruflich sondern auch für mein Privatleben. Aber zum einen haben wir die Aufgaben im Berliner Büro dementsprechend verteilt und zum anderen ergibt sich durch meine Arbeit an der Uni auch eine gewisse Symbiose mit den Kollegen in Berlin. Denn auch dort sind wir seit vielen Jahren forschend tätig. Meine Erfahrungen, die ich dort über die Jahre gesammelt habe, fließen jetzt in die Lehre in Graz mit ein und vice versa werden wir neue Erkenntnisse aus der Universitätsforschung auch in Berlin nutzen. Dort verfügen wir mittlerweile über sehr erfahrene Projektleiter und sind im Gesamten sehr gut aufgestellt. Ein weiterer und nur logischer Schritt könnte sein, dass wir in den nächsten Jahren eine Zweigstelle unseres Büros in Österreich aufbauen. Eventuell schaffe ich auch für meine Familie einen zweiten Lebensmittelpunkt. Da ist momentan viel im Fluss.

? Sehen Sie in der neuen Professur auch die Chance einer intensiven Bewusstseinsbildung pro Holzbau in der allgemeinen Öffentlichkeit?

! Ich will gemeinsam mit den Studenten nie vergessen, für wen wir eigentlich planen und bauen. In Deutschland durften wir bereits viel mit Baugruppen und Genossenschaften zusammenarbeiten, wobei sich partizipativ denkende Menschen zusammengetan haben, um eine gemeinsame Vision in die Tat umzusetzen. Auf eine solche oder ähnliche Weise würde ich mir auch in Graz den Austausch mit den Bauherren oder Bauinteressierten wünschen. Die Studenten sollen ihre Planungen nach den Bedürfnissen jener richten, die später in den Häusern wohnen werden und nicht nach jenen, die mit Wohnraum spekulieren.

? Abschließend würden wir gerne wissen, warum Sie sich als bekannter Vertreter des Holzbaus scheinbar gewollt vor einer Betonwand ablichten lassen.

! Schon zu Anbeginn meiner planerischen Tätigkeit stand der Holzbau im Fokus – damals allerdings in der Anwendung bei kleineren Objekten. Mit der Umorientierung zum mehrgeschossigen Bauen kamen auch andere Materialien wie Beton und Stahl ins Spiel. Denn ab einer gewissen Gebäudehöhe ist meiner Meinung nach der hybride Ansatz der geeignetere, wobei das Primartragwerk natürlich immer zu wesentlichen Anteilen von bis zu 90 % aus Holz besteht. Es geht um den Einsatz verschiedener Materialien mit ihren jeweiligen Vorteilen. Außerdem wäre mir ein Foto von mir vor einer Holzwand zu plakativ.

_mr