Industriebrache wird Lebensraum

Holzbaukonzept soll Ex-Gaswerke in Großbritannien nutzbar machen

Der Siegerentwurf: Outpost Architecture verliehen ihrem Vorschlag mit…
Der Siegerentwurf: Outpost Architecture verliehen ihrem Vorschlag mit…
…der gezackten Dachlinie ein vertrautes Aussehen. © Outpost Architecture
…der gezackten Dachlinie ein vertrautes Aussehen. © Outpost Architecture

16.04.2018 – Im 19. Jahrhundert prägten gigantische Gaswerke das Stadtbild so mancher europäischen Metropole. In Österreich zeugen vier umgebaute Gasometer im dritten Wiener Gemeindebezirk noch von dieser Zeit. Vielerorts – so auch in der Bundeshauptstadt – verloren die Gaswerke auf Grund der Umstellung auf Erdgas ihre Funktion. Londoner Architekten ließen sich nun ein Holzbaukonzept für derartige Industriebrachen einfallen.

Heute ein beliebtes Postkartenmotiv – auch in Wien entschloss man sich, vier Gasometer neu zu beleben. © Wikimedia
Heute ein beliebtes Postkartenmotiv – auch in Wien entschloss man sich, vier Gasometer neu zu beleben. © Wikimedia

Das wohl berühmteste ehemalige Gaswerk Österreichs versinnbildlicht sich in den vier Wiener Gasometertürmen. 1898 erbaut, wurden die vier Backsteinbauten durch die Umstellung von Stadtgas (durch Kohlevergasung hergestellt) auf das weitaus billigere Erdgas Mitte der 1970er-Jahre obsolet. Die Versorgung Österreichs stellt man heute neben der inländischen Produktion überwiegend durch Importe sicher. Die Speicherung von Erdgas erfolgt derzeit in ausgeförderten Erdgaslagerstätten in einer Tiefe von etwa 500 bis 2300 m. Solche gibt es beispielsweise in Haidach (Kärnten), Aigelsbrunn (Salzburg) oder Schönkirchen (Niederösterreich).

Industriebrache wird Wohnbau

2001 wurde der Umbau der vier Wiener Gasometertürme, jeweils nach dem Entwurf eines Stararchitekten, fertiggestellt. Jean Nouvel, Wolf D. Prix, Manfred Wehdorn und Wilhelm Holzbauer nahmen sich der Neugestaltung je eines Turms an. Vorranging Wohnungen, aber auch Büroräume und ein Shoppingzentrum füllen die Backsteingiganten seitdem.

Ähnlicher Versuch in London

Der großbritannische Energieanbieter National Grid stellt sich aktuell der gleichen Herausforderung. Man lud Architekten und Designer weltweit dazu ein, Möglichkeiten für die Neuentwicklung leerer Gasspeicher in Wohnstrukturen an verschiedenen Standorten in Großbritannien zu prüfen. Die Wettbewerbsaufgabe bestand darin, inspirierende und innovative Ideen für die zukünftige Nutzung des entstandenen Leerraums, der nach dem Abriss der alten Gasspeicher blieb, zu entwerfen. Outpost Architecture gingen dabei als Wettbewerbssieger hervor.

„Wir erkannten die Möglichkeit, mit unserem Entwurf dem nationalen Wohnraummangel mit einem leistbaren Konzept zu begegnen. Auch die etwas weniger bekannte Tatsache der mangelnden Verfügbarkeit von erschwinglichen Werkstätten, Ateliers und Arbeitsräumen integirierten wir in den Entwurf", erklären Outpost. Auf Straßenebene sollen besagte Räumlichkeiten Platz finden. Sind mehrere benachbarte umgestaltete Gasbehälter nebeneinander angeordnet, ergibt sich ein Gemeinschaftshof mit geschäftigem Treiben. „Wir glauben, dass die dichte, kreisförmige Anordnung von Modulen mit gemischter Nutzung das Potenzial hat, eine starke und lebendige Gemeinschaft zu schaffen.“

Diese Fundamente von alten Stadtgasbehältern findet man in ganz Großbritannien. © RIBA Competition
Diese Fundamente von alten Stadtgasbehältern findet man in ganz Großbritannien. © RIBA Competition
Outpost Architecture schlägt vor, sie so mit Wohnhäusern aus Holz zu überbauen. © Outpost Architecture
Outpost Architecture schlägt vor, sie so mit Wohnhäusern aus Holz zu überbauen. © Outpost Architecture

Russ Davenport von der englischen Architektenkammer (RIBA), die den Wettbewerb ausrichtete, kommentierte den Entwurf folgendermaßen: „Outpost hat in ihrer Einreichung eine einfache Vision präsentiert. Ihr kosteneffektiver, nachhaltiger Designvorschlag bietet eine angemessene Antwort auf einen Mangel an erschwinglichen Wohn- und Werkstattflächen im ganzen Land.“ Vorgesehen ist, die Bebauung als Holzrahmenbauten auf Betonfundamenten auszuführen.

National Grid spricht von über 100 ehemaliger Gasstätten, die einem neuen Verwendungszweck zugeführt werden sollen. Ob oder in welchem Ausmaß das Konzept tatsächlich umgesetzt wird, steht noch nicht fest.

_kl / Quelle: Outpost