Urbaner Holzbau – unlängst noch müde belächelt

Ein Kommentar von Lignum-Chef Christoph Starck

© Metsä Wood
© Metsä Wood

21.05.2018 – Meine Familie und ich lieben unser Zuhause – ein Einfamilienhaus in einer Holzbausiedlung, etwas urban, am Rand einer Kleinstadt. Sie fragen sich, was dies mit urbanem Holzbau zu tun hat, mit Mehrgeschossern und Hochhäusern, auf die wir so stolz sind? Vor gut zwölf Jahren wurde unser Haus gebaut – eine Siedlung mit zehn Häusern am Stadtrand war in etwa das Höchste der Gefühle. Mit der Idee des Holzbaus in der Stadt lösten wir bei Städtebauern, Architekten und Publizisten gerade mal ein müdes Lächeln aus.

Christoph Starck, Direktor Lignum, Holzwirtschaft Schweiz
Christoph Starck, Direktor Lignum, Holzwirtschaft Schweiz

Doch gerade etwa zu dieser Zeit hat sich das alles gedreht. In der Schweiz waren es ein Sechsgeschosser in der Agglomeration und kurz darauf 50 Wohnungen mitten in der Stadt Zürich, welche die neuen Verhältnisse einläuteten. Diese beiden Projekte sind für mich Sinnbilder für den Start einer Entwicklung, die sicherlich auch die größten Optimisten unserer Branche nicht erwartet hätten. Es ist eine weltweite Bewegung. Zu Beginn haben wir noch eine um die andere von deren Ikonen beobachten können: In Wien entstanden gleich dreifach mehrgeschossige Wohnbauten am Mühlweg. In Berlin heißt die Ikone e3 und in London war es Murray Grove mit acht Geschossen. Viel Beachtung fand auch das Centre Pompidou in Metz, Frankreich. Dazwischen war es jeweils ruhig, doch die Menge an Projekten stieg laufend. Wir verfolgten die Entwicklung und stellten fest, dass immer mehr Projektwettbewerbe mit Holzbauten gewonnen wurden. Doch mussten wir 2010 zwei Mal nachzählen, bevor wir es glaubten: 1000 Wohneinheiten waren in der Region Zürich in Holzgroßprojekten in Planung.

Eine derartige Entwicklung geht nur, wenn gleich mehrere positive Faktoren zusammentreffen. Fundament ist die Technologie: Der Holzbau ist seit Jahren das innovativste Segment des Bauens. Lange haben wir (nicht nur in der Schweiz) daran gearbeitet, seine Fähigkeiten in den Bauvorschriften abzubilden. Die Erfolgsgeschichte Brandschutz, auf die wir so stolz sind, schaut auf 25 Jahre konsequente Arbeit zurück. Klima- und Umweltschutz sind die Megathemen unserer Gesellschaft, Holz punktet hier weltweit. Und schließlich ist es die aktuelle Architektur, zu welcher Holz hervorragend passt.

Mittlerweile erreichen uns Meldungen über urbanes Bauen mit Holz fast im Tagesrhythmus. Die Bauten gehen in die Breite, 200 Wohnungen und mehr auf vier, sechs, sieben Geschossen und erst recht schießen sie in die Höhe – und das überall: in Bergen, Mailand, Graz, London, Stockholm, Wien, Berlin, Amsterdam, Bordeaux. Den Überblick über alle neu dazukommenden Projekte zu behalten, ist längst nicht mehr möglich. Inzwischen ist die ganze Welt auf dem Trip des urbanen Holzbaus: nicht nur Europa, sondern auch die USA, Kanada, Australien, Japan. Ich kann es immer noch kaum glauben.

Zurück zu meiner Familie: Sind wir ein paar Tage weg, freuen sich meine vier Jungs darauf, nach Hause zu kommen: „Es riecht so gut“ und „ist so warm“ – eine Atmosphäre, die eigentlich mit dem Bauernhaus auf dem Land assoziiert wird und alle gerne haben möchten – besonders die Bewohner unserer wachsenden Städte. Geben wir sie ihnen!