Schwarzach ist anders

Ein Verdichtungsprojekt mit Entfaltungspotenzial

06.12.2016 – Warum ein Kater namens Maxi den Bauablauf dieses Zubaus mitbestimmte, weshalb es kritische Stimmen in Richtung der Bauherrschaft gab und wieso die Wohnräume bewusst straßenseitig ausgerichtet werden sollten, erfuhren wir beim entwurfgebenden Architekten.

Die Sprache des Bestehenden findet sich in Materialität und Farbe des Neuen als braun gestrichene Fichtenfassade und ziegelgedecktes Satteldach wieder. © Philipp Salzgeber
Die Sprache des Bestehenden findet sich in Materialität und Farbe des Neuen als braun gestrichene Fichtenfassade und ziegelgedecktes Satteldach wieder. © Philipp Salzgeber

Bei diesem Bauprojekt war irgendwie alles anders. Allerdings auf positive Art. Ein Zubau zu einem 1960er-Jahre-Bestand sollte entstehen. Dieser Umstand ist durchaus üblich für diese Gegend. Alleine die beiden Auftraggeberinnen, Erna Dür und Laura Jiricka aus Schwarzach, tanzten mit ihrem Alter etwas aus der Reihe der üblichen Bauherrschaft. Erna, 95, und ihre Schwester Laura, 92, starteten ihr Traumhausprojekt etwas später, als gewohnt. Erna wohnte zeit ihres Lebens im Bestandsgebäude in Schwarzach. Laura kam nach dem Tod ihres Mannes als Mitbewohnerin aus Hohenems dazu. Ab diesem Zeitpunkt wurde es eng. Eine 80 cm breite, mehrmals täglich zu benutzende Stiege, die zur Eingangstür führte, unzureichende sanitäre Einrichtungen und ein generell zu geringes Platzangebot führten zu dem Entschluss, mit über 90 Jahren einen Zubau in Angriff zu nehmen. "Warum denn nicht?", fragen die beiden Pensionistinnen in Richtung von Zweiflern verständnislos.

Wohlfühlen im Holzbau mit über 90 Jahren: Erna Dür und Laura Jiricka genießen jeden Tag in ihrem zweistöckigen Zubau. © Philipp Salzgeber
Wohlfühlen im Holzbau mit über 90 Jahren: Erna Dür und Laura Jiricka genießen jeden Tag in ihrem zweistöckigen Zubau. © Philipp Salzgeber

Die gesamte Bauphase hindurch bewohnbar

Im reiferen Alter sind die Vorstellungen klar und die Anforderungen an einen Neubau konkret. Obwohl sich die beiden Schwestern bestens verstehen, war der Wunsch nach zwei voneinander getrennten Wohneinheiten zentral. Ein eigenes Bad, ein separater Wohn- und Schlafbereich und auch eine eigene Küche sollten her. Ein Lift war ebenso gewünscht. Mit dieser Aufgabe sah sich das einen Steinwurf entfernte Architekturbüro querschnitt aus Wolfurt konfrontiert. Architekt Reinhard Weber begleitete die beiden Damen von Anfang an. "Die Chemie stimmte gleich zu Beginn", schickt der Planer voraus. Baulich sah Weber die Herausforderung darin, dass der Bestand hoch über dem Erdreich angelegt war und eine Stiege im Außenbereich zur Eingangstür führte. Darunter lag der Keller. Dieser sollte jedenfalls erhalten bleiben. "Für beide Frauen ist der Keller als Lagerplatz für ihre Ernte aus dem Garten sehr wichtig. Er musste also bleiben." Deshalb entschieden sich die Planer, den Eingang abzusenken und die Erschließung mit einer Rampe zu ermöglichen. Nun führt ein Lift vom Keller in beide Geschosse.

Eine weitere Herausforderung, diesmal eher soziologischer Art, entpuppte sich schon im ersten Gespräch: "Es stellte sich gleich heraus, dass die beiden Damen während der Bauphase nicht ausziehen wollten. Ausgemacht war trotzdem, dass sie die Baustelle mindestens zwei, drei Wochen verlassen", erzählt Weber. Dazu kam es aber nie. Der Grund dafür zeigt, dass dieses Projekt sowohl planerisches Geschick als auch Flexibilität im Umgang mit der Bauherrschaft verlangte.

Außer bei der Küche handelt es sich bei der gesamten Inneneinrichtung um alte Bauernmöbel. © Philipp Salzgeber
Außer bei der Küche handelt es sich bei der gesamten Inneneinrichtung um alte Bauernmöbel. © Philipp Salzgeber

Wenn nötig, kamen Löcher in die Wand

"Maxi war der Grund. Sie wollten den Kater nicht alleine lassen. Die Katzenwege mussten immer frei zugänglich sein, deshalb schafften wir die Katzenleiter von Fenster zu Fenster und machten dort ein Loch in die Wand, wo es gerade nötig war." Aufgrund der raschen Fertigstellung des zweiten Obergeschosses konnten Erna, Laura und auch Maxi die gesamte Bauzeit über in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. "Ich konnte mir zu Beginn auch nicht vorstellen, dass das klappt", sagt Weber im Nachhinein und fügt hinzu: "Da kam sowieso nur ein Holzbau infrage. Der hohe Vorfertigungsgrad war für eine schnelle Abwicklung immens wichtig." Im Frühjahr 2015 hatten die Bauarbeiten begonnen, im Sommer war das zweite Obergeschoss komplett fertig. Weihnachten konnten die beiden Damen schon in ihren eigenen Wohneinheiten verbringen. Der Holzbau war auch für die Bauherrschaft von Anfang an Thema – auch weil der Bestandsbau ebenfalls eine hölzerne Grundstruktur besitzt und diese Bauweise aus Erfahrung bevorzugt wurde.

© Philipp Salzgeber
© Philipp Salzgeber

Freiflächen offen in Richtung Straße

Das alte Gebäude verfügte über eine Vierzimmerstruktur, wobei drei Zimmer unverändert für eine spätere Sanierung belassen wurden und das verbleibende Zimmer zum Einbau barrierefreier Sanitärräumlichkeiten genutzt wurde. Sowohl vom ersten Geschoss, das Laura bewohnt, als auch vom zweiten führt ein geschlossener, breiter und auch offener Gang als Verbindungstrakt zum Neubau. Zweiterer dient als Freifläche, sollte die Mobilität einmal derartig eingeschränkt sein, dass das Verlassen des Hauses nicht mehr möglich ist. Im Neubau finden sich der Wohnraum inklusive Küche und der Schlafbereich. Ab der Bodenplatte über dem Keller erstreckt sich der Holzbau. Es handelt sich um eine Holzriegelkonstruktion mit Massivholzdecken. Erna kannte die Blickachsen der Gegend sehr gut. Bewusst sollten sich die Wohnräume und auch die Freiflächen offen in Richtung Straße orientieren, damit sich die Möglichkeit, aktiv am Gesellschaftsleben teilzuhaben, ergibt. Der gesamte Bau ist barrierefrei gestaltet, obwohl keine der Schwestern bisher einen Rollstuhl braucht. "Zu Beginn musste ich die beiden zur durchgängigen Barrierefreiheit des Baus überreden, heute habe ich die Rückmeldung, dass sie die Bewegungsfreiheit als große Erleichterung empfinden."

Neue Erschließungszone: breite Gänge und Treppen­anlagen ...
Neue Erschließungszone: breite Gänge und Treppen­anlagen ...
... sowie ein Lift erleich­tern die Bewegung im Haus. © Philipp Salzgeber
... sowie ein Lift erleich­tern die Bewegung im Haus. © Philipp Salzgeber

"Viel Zeit haben wir nicht mehr"

Die Wohnebenen sind komplett voneinander unabhängig organisiert und ermöglichen deshalb viele weitere Wohnkonstellationen mit unterschiedlichster Nutzerstruktur. Die Sanierung und Adaption des Altbestands können dabei völlig unabhängig erfolgen. Eine Wohnnachnut­zung wurde von Anfang an mitgedacht.
Insgesamt ging das Planungsteam sehr zügig an das Projekt heran. "Viel Zeit haben wir jetzt nicht mehr", drängte Erna hie und da. Weber beschreibt die Planungsphase als spannend: "Unser Job war es, auf Wünsche zu reagieren und Lösungen zu finden." Als Abschlussresümee hält er fest: "Mir hat es einen Riesenspaß gemacht, dieses Projekt zu planen. Manche Entscheidungen dauerten zwar etwas länger, waren sie aber einmal getroffen, hielten sie 100%ig stand. Ich empfand alle Zusammenkünfte als sehr wertschätzend und angenehm." Ein Bauprojekt also, das sich auf durchaus positive Weise anders gestaltete.

Die Wohnebenen sind komplett voneinander unabhängig organisiert. © Philipp Salzgeber
Die Wohnebenen sind komplett voneinander unabhängig organisiert. © Philipp Salzgeber

Projektdaten

Standort: Schwarzach
Fertigstellung: 2015
Nutzfläche: 229 m2 (zzgl. 130 m2 Terrasse)
Architektur: querschnitt pro12
Holzbau: Böhler Holzbau

_kl