Kleines BSP-Wäldchen in London

Ein Stadthaus tanzt aus der Reihe – man sieht es zuerst nur nicht.

Barretts Grove nennt sich eine kleine Straße im Norden Londons. Sie ist geprägt von mehrstöckigen, viktorianischen Ziegelreihen- und unterbrochen von großen, frei stehenden, zweigeschossigen Stadthäusern – und ja, Backstein beherrscht das Straßenbild. Dieser Umstand sollte dem Neubau einer Holzkonstruktion jedoch nicht hinderlich sein. Um eine vorgehängte Ziegelfassade kamen die ortsansässigen Amin Taha Architects allerdings nicht herum.

‚Grove‘ heißt zu Deutsch so viel wie ‚kleines Wäldchen‘. Die tragenden Brettsperrholz-wände unter der vorgesetzten Fassade versinnbildlichen den Begriff. © Timothy Soar
‚Grove‘ heißt zu Deutsch so viel wie ‚kleines Wäldchen‘. Die tragenden Brettsperrholz-wände unter der vorgesetzten Fassade versinnbildlichen den Begriff. © Timothy Soar

Backstein ohne tragende Rolle

Außen scheint es sich bei diesem Objekt um ein herkömmliches Glied im Ensemble der typischen Londoner Bauweise zu handeln. Dieser Schein trügt jedoch. Ein Blick ins Innere des sechsstöckigen Wohngebäudes wird dem zweiten Teil des Straßennamens gerecht – denn „Grove“ heißt zu Deutsch so viel wie „Hain, kleines Wäldchen“. Die tragenden Brettsperrholz-Wände unter der vorgesetzten Fassade versinnbildlichen den Begriff und bringen dieses Wäldchen in die Stadt. Die Backsteinfassade davor hat wortwörtlich keine tragende Rolle und findet sich vom Rest des Gebäudes entkoppelt. So war es möglich, die einzelnen Steine inklusive Aussparungen locker zu stapeln. „Wir haben mit dem Argument der zusätzlichen Kosteneffizienz gearbeitet, um den Klienten von dieser Idee zu überzeugen. Im Endeffekt konnten wir 25 % der Ziegelsteine einsparen.“ Andockend an diese Fassade, reihen sich Balkone in Form von Korbgeflechten – gerade groß genug, um draußen zu frühstücken. Diese außergewöhnlich anmutenden Freiflächen verfolgen über die Funktion des Freiluft-

speisezimmers hinaus noch einen ganz anderen Sinn. Die versetzte Anordnung und der dadurch mögliche Sichtkontakt zu den Nachbarn ober- und unterhalb sollen die sozialen Kontakte der Bewohner untereinander fördern, aber auch die Interaktion mit der Außenwelt ermöglichen. Am Stadtleben aktiv teilhaben zu können, das ist die Intention der Architekten. Große Fensterflächen befähigen die Bewohner, dies auch von innen zu tun.

Der urbane Kontext des Baus verstärkt sich ... © Timothy Soar
Der urbane Kontext des Baus verstärkt sich ... © Timothy Soar
... durch Freiflächen und die großen, bodentiefen Fenster. © Timothy Soar
... durch Freiflächen und die großen, bodentiefen Fenster. © Timothy Soar

Gegensatz zu weiß lackierter Ware

Auf dem Betonkeller erstrecken sich sechs BSP-Geschosse. Zwei Drei-Zimmer-Maisonetten, drei Zwei-Zimmer-Wohnungen und eine Ein-Zimmer-Wohnung finden Platz in der Konstruktion – schlank eingebettet zwischen einem großen, halb frei stehenden, viktorianischen Stadthaus und einer Edwardianischen Grundschule aus rotem Backstein. Sowohl den schmalen Giebel der Schule als auch das Alleinstellungsmerkmal des Stadthauses nimmt der Architekt in seinen Entwurf auf. So reiht sich das Gebäude mit seiner Dachform harmonisch ein. Wie sich von außen vermuten lässt, weicht auch die Innenraumgestaltung vom Standard ab. Detailausarbeitung an Sitzgelegenheiten, maßgefertigte Handläufe, Ledertürgriffe und viele weitere individuelle Maßanfertigungen ließen sich die Planer einfallen, um das Gebäude von Massenware abzuheben. „Eine solche Sorgfalt macht sich für die Bewohner bemerkbar. Durch das Gesamtkonzept ergibt sich ganz natürlich ein Gegensatz zu der fertigen, weiß lackierten Massenware“, befinden die Architekten.

Sechs Appartements – teilweise im Maisonettenstil – befinden sich im lang gezogenen, schlanken Brettsperrholz-Bau Barretts Grove. © Timothy Soar
Sechs Appartements – teilweise im Maisonettenstil – befinden sich im lang gezogenen, schlanken Brettsperrholz-Bau Barretts Grove. © Timothy Soar

Materialersparnis dank Brettsperrholz

Die gesamte Isolierung inklusive Dampfsperre ist an der Außenseite angebracht. „Die Fähigkeit des Brettsperrholzes, als tragende Struktur und sichtbare Oberfläche im Innenbereich gleichzeitig zu dienen, ersparte die Notwendigkeit vieler weiterer Komponenten. Das kam uns sehr entgegen“, heißt es vonseiten der Architekten. Jedoch geben sie zu bedenken: „Das Projekt erforderte umfassendes Verständnis für die verschiedenen Materialien und ihre strukturellen Eigenschaften.“ Das Ergebnis lohnt die intensive Auseinandersetzung allemal.

Die Kombination aus tragender Holzstruktur mit Sichtoberflächen innen und unterbrochener Backsteinfassade außen sowie die mögliche soziale Interaktion zwischen den Bewohnern und auch die Integration des urbanen Treibens draußen ergeben das schlüssige Konzept. Da stört es auch nicht, wenn es in London immer wieder Stein sein muss, der die kleinen Wäldchen der Stadt umhüllt. 

Gemütliche Sitzgelegenheiten am Fenster schaffen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung. © Timothy Soar
Gemütliche Sitzgelegenheiten am Fenster schaffen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung. © Timothy Soar

Projektdaten

Standort: London
Fertigstellung: 2016
Bauzeit: 1 Jahr
Architektur: Amin Taha Architects
Ausführung: Egoin
Nutzfläche: 635 m2

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