Raus aus der Uni, rein in den Holzbau

TU-Studenten denken Wiener Stadtraum neu

26.06.2017 – „Aus der Uni rauszugehen, ist nicht selbstverständlich“, erklärt Thomas Gamsjäger, der eine einsemestrige Entwurfsübung an der Technischen Universität Wien am Institut für Raumgestaltung leitete. Er meint mit seinem Kommentar einerseits die Möglichkeit, den Lehrort Universität verlassen zu können sowie andererseits die Chance, Entwürfe in Eigenregie baulich verwirklichen zu dürfen. Ganz wie selbstverständlich stehen sie nun aber da: vier Holzbauobjekte, die Stadtraum neu denken.

Der Kern des Teams (v. li.): Lukas Böckle und Angie Schmied (NEST), Mark Neuner (mostlikley) und Thomas Gamsjäger (TU Wien); © MR
Der Kern des Teams (v. li.): Lukas Böckle und Angie Schmied (NEST), Mark Neuner (mostlikley) und Thomas Gamsjäger (TU Wien); © MR

Im Rahmen des „Sudden Workshops“, einer Initiative des Wiener Kollektivs mostlikely, und in Kooperation mit der Technischen Universität Wien und der Leerstandsagentur Nest entstand ein Ort der Kommunikation namens Creau – kurz für „Creative Au“. Im Umfeld der ehemaligen Pferdestallungen der Krieau definieren Holzgebilde nun Kulturraum, Begegnungszone und zukünftigen Veranstaltungsort. 25 Studenten sorgten selbst für die bauliche Umsetzung ihrer Entwürfe. Vom Kassahäuschen, über multifunktionale Sitzmöbel und  Werkbänke bis hin zu einem Turm entwarfen sie verschiedenste Holzkonstruktionen. Die Entscheidung zugunsten des Werkstoffs Holz fiel ganz bewusst. „Das war unsere Vorgabe“, erklärt Mark Neuner von mostlikley. Ausschließlich eine Kappsäge und einen Akkubohrer für die Realisierung zu verwenden ebenfalls.

Alois Kitzler, Geschäftsführer von Formholz: Er lieferte das Massivholz frei Haus in die Krieau; © MR
Alois Kitzler, Geschäftsführer von Formholz: Er lieferte das Massivholz frei Haus in die Krieau; © MR

Holz-Zugang fördern

Rainer Handl, der das Projekt durch die Herstellergemeinschaft MH-Massivholz stützte, zum Holzeinsatz: „Dass wir junge Planer und solcherlei Holzbauprojekte pushen, ist uns in der Holzindustrie ein wichtiges Anliegen.“ Insgesamt flossen 14 m3 PEFC-zertifiziertes Massivholz und an die 10.000 Schrauben des VEH-Fördermitglieds SIHGA in die Konstrukte. Zur Verfügung standen Kanthölzer in der Dimension 9 mal 7 cm und 9 x 13 cm, VEH-TOP-Hobelware (Bretter) gab es im Querschnitt von 11 x 2,4 cm. Alois Kitzler, Geschäftsführer von Formholz, lieferte das Material direkt in die Creau. „Wir wollen den Zugang von jungen Menschen zum Material fördern“, kommentiert der Unternehmer seine Ambition.

Zügig im Galopp

Alles ging sehr rasch. Im März begann das Entwerfen am Gelände der Trabrennbahn, nach Ostern goss man schon einzelne Fundamente, Anfang Mai kam die Holzlieferung, schon Anfang Juni fand die Präsentation der fertigen Arbeiten statt. Die urbanen Prototypen schmücken nun bis September 2018 das Leerstandsprojekt in der Creau. Danach ist ein Wohnbauprojekt an gleicher Stelle im Gespräch. Für die Sitzgelegenheiten „Multifly“ gibt es bereits diverse Anfragen. Bezüglich der anderen drei Konstruktionen ist man noch für Nachnutzungsideen offen.

Station 1: WONDERWALL

© MR
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Wie frisch gestriegelt: Der Eingang zu den ehemaligen Pferdestallungen der Krieau …
Wie frisch gestriegelt: Der Eingang zu den ehemaligen Pferdestallungen der Krieau …
… glänzt nun mit einem einladenden Kassahäuschen in Holz. © MR
… glänzt nun mit einem einladenden Kassahäuschen in Holz. © MR

Gerade für die schwierigste und steilste Kante entschieden sich die acht Studenten, um ihr Holzgebilde am Eingang der Creau zu platzieren. Denn, je spannender die Planungsaufgabe, desto reizvoller der Entwurfsprozess, weiß der kluge Architekturstudent. Funktional leitet das acht Meter lange Gebilde dem Besucher den Weg ins Areal, multifunktional dient es darüber hinaus als Kassahäuschen für Veranstaltungen, Sitzgelegenheit und Anschlagtafel. Auch schwierige Zimmermannsverbindungen erprobte man vor Ort. „Interessant zu sehen war, wie Holzverbindungen in der Realität funktionieren“, gibt die Projektbeteiligte Monika Furtner zu bedenken.

Station 2: AM HOLZWEG

© MR
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Schlank, schlicht, funktional: Zum Basteln, Handwerken, Malen oder einfach zum Verweilen …
Schlank, schlicht, funktional: Zum Basteln, Handwerken, Malen oder einfach zum Verweilen …
… zwei Werkbänke unterschiedlicher Höhe ermöglichen viele Aktionen. © MR
… zwei Werkbänke unterschiedlicher Höhe ermöglichen viele Aktionen. © MR

Schlendert der Creau-Gast am Eingangskonstrukt vorbei ins Geländeinnere, gelangt er unweigerlich zum Projekt „Am Holzweg“. Werkbänke in unterschiedlichen Höhen kennzeichnen das Konstrukt, das unmittelbar vor der hier eingerichteten temporären Werkstätte, platziert ist. „Uns war es sehr wichtig, dass wir das pure Holz zeigen“, betont Studentin Julia Raffel. Das Merkmal des geringen Farbeinsatzes zieht sich durch alle Projekte. Ebenfalls gemein ist ihnen, dass sich bestimmte Holzverbindungen, die laut Plänen so nicht existierten, erst im Laufe des Bauprozesses ergaben. „Zum Schluss brauchten wir gar keine Pläne mehr und wir bauten nur mehr intuitiv.“ Was Kollegin Anna Ulmer noch ergänzt: „Was ich definitiv aus dem Entwerfen mitnahm ist, dass Planung und Umsetzung zwei unterschiedliche Dinge sind.“

Station 3: MULTIFLY

© MR
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Bank verleiht Flügel: Aufgeklappt ergeben die Seitenteile Lehnen …
Bank verleiht Flügel: Aufgeklappt ergeben die Seitenteile Lehnen …
… gestapelt werden je drei Möbel zur Bar. © MR
… gestapelt werden je drei Möbel zur Bar. © MR

Mitten am Gelände positioniert finden sich multifunktionale Sitzmöbel, die durch variable Positionierung mehrere Formen einnehmen kann. So kann beispielsweise ein Sitzkreis, aber bei Aneinanderreihung mehrerer Elemente auch eine Bühne entstehen. Übereinander gestapelt werden die Elemente zur Bar. Flach zusammengeklappt sind die „Multifly“-Möbel simple Bänke, mit aufgestellten Rückenlehnen kommen die rot gestrichenen Unterflächen zum Vorschein. „Das Entwerfen hat meinen Zugang zum Werkstoff Holz definitiv verstärkt“, sagt Florian Freunschlag, worin ihm sein Kollege Florian Pamminger, ebenfalls projektbeteiligt, zustimmt. „Wir wollten etwas Bewegliches machen, etwas Modulares – dafür eignet sich Holz natürlich perfekt“, ergänzt Pamminger.

Station 4: IGELNEST

DJ-Horst im Holzturm: Diese sieben Studenten setzten sich eine acht Meter hohe Holzkonstruktion in den Kopf – künftig werden von hier steile Scratches herniederfliegen. © MR
DJ-Horst im Holzturm: Diese sieben Studenten setzten sich eine acht Meter hohe Holzkonstruktion in den Kopf – künftig werden von hier steile Scratches herniederfliegen. © MR

Acht Meter hoch überragt der DJ-Turm „Igelnest“ alle anderen Projekte. Auf vier Stützen, die auf kleinen Fundamenten zu stehen kommen, wirkt das Konstrukt recht filigran. Die Aussteifung gründet auf japanischem Prinzip und diagonalen Verbindungen. „Das Entwerfen hat mir bestätigt, dass man auch relativ große Projekte im Selbstbau verwirklichen kann – in Holz ist das tatsächlich gut machbar“, erklärt Student Simon Cegar. „So viele wie drauf passen, können drauf“, ist die scherzhafte Antwort auf die Frage, welchen statischen Anforderungen der Turm genügt. Ob statisch alles im Lot ist, überprüfte Tragwerksplaner Wilhelm Luggin, der den Bau abnahm. Das Betreten des Turms ist aus rechtlichen Gründen trotzdem dem DJ vorbehalten, der bei künftigen Veranstaltungen von oben herab den Ton angeben wird. Verständlich, dass sich die Erbauer selbst nicht ganz an diese Regel halten.

_kl