Lehrauftrag

6500 Kubikmeter Holz formen ein riesiges Studentenwohnheim in Norwegen

17.03.2017 – Die fünf Gebäude des Holzbauprojekts Moholt 50|50 im norwegischen Trondheim sind reine BSP-Konstruktionen. Das Gewinnerprojekt eines Architektenwettbewerbs bietet pünktlich vor Weihnachten für Hunderte Studenten ein gemütliches und vielseitiges Heim – ein neuer Superlativ der Holzbauwelt.

6500 Kubikmeter Holz und 6500 Tonnen Kohlendioxid – das ist Moholt 50/50. © MDH Arkitekter
6500 Kubikmeter Holz und 6500 Tonnen Kohlendioxid – das ist Moholt 50/50. © MDH Arkitekter

Für den Neubau eines Wohnkomplexes im norwegischen Trondheim rief die gemeinnützige Organisation Studentsamskipnaden 2013 einen Wettbewerb ins Leben. Etablierte Architekten sollten gemeinsam mit dem Nachwuchs ihrer Zunft Bewerbungen einreichen. Gefragt war ein Entwurf für ein Großprojekt, das sich in das bestehende Studentenviertel einfügt und Mehrwert schafft. Die wissbegierigen Bewohner sollten ein einfaches und kostengünstiges Dach über dem Kopf erhalten. Gleichzeitig galt es, das Sozialleben und den Austausch untereinander zu fördern. Den Zuschlag bekam der Vorschlag von Arne Henriksen Arkitekter und MDH Arkitekter aus Oslo.

Fünfeinhalb Wochen dauerten die Holzbauarbeiten für jedes der fünf Häuser mit 8 hölzernen Geschossen. © MDH Arkitekter
Fünfeinhalb Wochen dauerten die Holzbauarbeiten für jedes der fünf Häuser mit 8 hölzernen Geschossen. © MDH Arkitekter
Da der Kindergarten sieben Tage in der Woche geöffnet ist, können sich studierende Eltern auch an Wochenenden auf Prüfungen vorbereiten. © MDH Arkitekter
Da der Kindergarten sieben Tage in der Woche geöffnet ist, können sich studierende Eltern auch an Wochenenden auf Prüfungen vorbereiten. © MDH Arkitekter


Brettsperrholz durch und durch – selbst im Liftschacht

Die fünf propellerartig angeordneten Trakte der Wohnanlage Moholt 50|50 messen je 28 m in der Höhe und bieten auf neun Etagen mit insgesamt 17.500 m2 reichlich Raum für 623 Studenten, eine Bibliothek und einen dreigeschossigen Kindergarten. Letzterer soll auch am Wochenende geöffnet sein, damit junge Eltern in Ruhe lernen können. Fundament und Erdgeschoss bestehen bei den Gebäuden aus Stahlbeton. Darüber wurden pro Haus etwa 1300 m3 Cross Laminated Timber (CLT) von Stora Enso verbaut. Das macht das Projekt zum volumsmäßig größten aus mehreren Baukörpern in Europa (der volumsmäßig größte zusammenhängende Holzbau wird derzeit in der Londoner Dalston Lane errichtet). Montiert wurden die insgesamt 40 Holzgeschosse innerhalb von zehn Monaten von fünf erfahrenen Zimmerern des Holzbauunternehmens Raimund Baumgartner aus Reichenfels. Sie fügten die vorgefertigten Elemente gewissenhaft zusammen. Die Österreicher kannten sich mit dem Bau von Studentenwohnheimen auf norwegischem Boden bereits aus und hatten ihre Freude an dem kompromisslosen Werk, denn Liftschächte und Stiegenhäuser sind ebenfalls aus Holz. Aus Brandschutzgründen wurden sie mit einer feuerfesten Beize behandelt. Vereinzelt sorgen Gipskarton, Estrich und Isolationsmaterial sowie Sprinkleranlagen für erweiterten Brand- und Schallschutz. Dass das Konzept aufgeht, bestätigte sich nach der Durchführung verschiedener Tests und der Begutachtung durch die Feuerwehr.

Die Y-Form der fünf Trakte ließ sich statisch optimal in Brettsperrholz realisieren. © MDH Arkitekter
Die Y-Form der fünf Trakte ließ sich statisch optimal in Brettsperrholz realisieren. © MDH Arkitekter

Es geht immer noch mehr Holz

Neben der Konstruktion bestehen auch die Treppen und Möbel aus Holz, Letztere etwa aus Kiefernsperrholz. Die Fassade trägt den hölzernen Kern nach außen: Eine umweltfreundliche Hülle aus Kebony, dem auf biologischer Basis technisch veredeltem Nadelholz, das an Hartholz erinnert, schützt die Konstruktion sicher und dicht vor Wind und Wetter. Für Dagfinn Sagen von MDH Arkitekter spricht so einiges für dieses spezielle „Wetterholz“, insbesondere jedoch der geringe Ressourcenverbrauch bei der Herstellung. Hinzu kamen die ansprechende Optik und die Wartungsfreiheit.

Als unkompliziert erwies sich die Holzbauweise im Allgemeinen im Verlauf des Projekts. Holz ist schnell verbaut, benötigt keine Trocknungszeit und enthält bereits ab Werk alle nötigen Bohrungen für weitere Installationen. Diese und weitere Verbindungspunkte lassen sich mit einer sehr hohen Präzision vorfertigen, was unangenehmen Überraschungen auf der Baustelle vorbeugt. "Zudem ist die Verarbeitung von Holz gesünder für die Monteure und das Umfeld als etwa Zementstaub in der Luft", ist sich Minna Riska von MDH Arkitekter sicher.

Um den Stellenwert von Holz für das Erreichen des Bauziels – Nachhaltigkeit – thematisch hervorzuheben...
Um den Stellenwert von Holz für das Erreichen des Bauziels – Nachhaltigkeit – thematisch hervorzuheben...
... ist der Baustoff auch im Inneren präsent. Selbst die Stiegenhäuser und Liftschächte sind aus Holz. © MDH Arkitekter
... ist der Baustoff auch im Inneren präsent. Selbst die Stiegenhäuser und Liftschächte sind aus Holz. © MDH Arkitekter

Das war so nicht geplant

Im ersten Entwurf bestand Moholt 50|50 noch aus Ziegelsteinen und Stahlbeton – unter anderem, um sich optisch an die Bestandsgebäude anzupassen. Doch als man tiefer in die Planungs- und Projektarbeit eintauchte und den ökologischen Aspekt genauer betrachtete, blieb gar keine Wahl. Die Massivholzbauweise war die einzige, die alles leisten konnte. Schließlich sollten die Gebäude dem Passivhaus-Energiestandard genügen, mit Geothermie beheizt werden und – um den Lehrauftrag eines solchen großen Projekts nicht außer Acht zu lassen – einen nur halb so großen CO2-Fußabdruck hinterlassen wie ein konventioneller Bau. Brettsperrholz wurde deshalb das Material der Wahl, da die Y-Form der Türme (ohne überlange und komplizierte Spannweiten) dies auch statisch ermöglichte. Eine FEM-Analyse ergab, dass sich die hier zu erwartenden Kräfte gut auf das gesamte Gebäude verteilen. Die Reise aus Österreich trat es per Zug an. 19.000 t des Treibhausgases wurden mit dieser Bauweise eingespart. Damit der bewusst gewählte Werkstoff so gut wie möglich zur Geltung kommt, entschied man sich, im Inneren so viel wie möglich vom Baustoff und von den Verbindungen zu zeigen, ohne an Gemütlichkeit einzubüßen. „Moholt ist mehr als ein Gebäudekomplex“, verdeutlicht Minna Riska stolz. „Es ist ein Beispiel dafür, wie Architektur das Sozialleben bereichern und das Gefühl von Heimat vermitteln kann – selbst bei so wechselhaften Bedingungen wie in einem Studentenwohnheim.“ Das Holz vermittle Behaglichkeit, Ehrlichkeit und Beständigkeit im stressigen Alltag. Und übrigens: Die verbauten 6500 m3 Holz wachsen in Österreich innerhalb von nur 7,5 Stunden nach.

© MDH Arkitekter
© MDH Arkitekter
© MDH Arkitekter
© MDH Arkitekter


Projektdaten

Standort: Trondheim/NO; Fertigstellung: 2016
Architektur: MDH Arkitekter, Arne Henriksen Arkitekter
Nutzfläche: 17.500 m2
Holzbau: Zimmerei Raimund Baumgartner
Holzmenge: 6500 m3
Systemlieferant: Stora Enso, www.clt.info

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