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Ganz in Holz: Ersatzneubau einer Skihütte in den Schweizer Bergen

21.04.2017 – Betritt man auf 1400 m Seehöhe die neue „Stoos Hüttä“ im Schweizer Skigebiet Stoos, erlebt man einen modernen Holzbau wie aus dem Bilderbuch. Keine Spur mehr vom alten Skihaus, das sich seit 1935 an dieser Stelle befand. Die Ansprüche an das Projekt waren hoch: Trotz eines engen Kostenrahmens sollte ein herausragendes Berghotel für Familien, Gruppen oder Paare aller Altersgruppen entstehen. Kreativ und mutig ist das Ergebnis.

Schweizer Holz am Berg des Schweizer Skigebietes Stoos. © Zuerrer Design
Schweizer Holz am Berg des Schweizer Skigebietes Stoos. © Zuerrer Design

Die Schweizer sind stolz auf ihr Holz. Damit das auch so bleibt, wurde im Oktober 2011 vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) eine Werbekampagne ins Leben gerufen. Mit ihrer Lancierung sollte die Akzeptanz einer verstärkten Holznutzung in der Bevölkerung verbessert werden. In den Schweizer Wäldern wächst jährlich mehr Holz nach, als geerntet wird. Zudem werden die Wälder – wie auch in Österreich – naturnah bewirtschaftet, ohne Kahlschläge. Im Rahmen eines Aktionsplans (mit TV-Spots, Plakaten, Facebook-Seite) strebt man eine Förderung der Holzverwendung vor allem im Hochbau und eine Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses wichtige Thema an. Ein vorbildliches Beispiel für den Einsatz von Schweizer Holz befindet sich im Kanton Schwyz in der Zentralschweiz.

2014 wurde dort die Planung eines Ersatzneubaus für das alte Skihaus in Stoos ausgeschrieben. Bei der Auswahl des Materials fiel die Entscheidung schnell auf den nachhaltigen Rohstoff, da die Oberallmeindkorporation Schwyz (OAK), die auch die Bauherrschaft für das Projekt übernahm, über große Holzbestände verfügt, die für den Ersatz der 79 Jahre alten Hütte möglichst umfassend genutzt werden sollten.

Maßgebendes Gestaltungselement sind die Fichtenschindeln der Fassaden. © Zuerrer Design
Maßgebendes Gestaltungselement sind die Fichtenschindeln der Fassaden. © Zuerrer Design

Traditionelle Handwerkskunst im Blut

Den Zuschlag für das Bauvorhaben bekam schließlich das ortsansässige Architekturbüro von Ivan Marty. Er ist seit vielen Jahren als Baufachmann tätig, plant und realisiert Neu-, Um- und Innenausbauten in der Deutschschweiz. Seine Arbeiten zeichnen sich durch klare Strukturen aus, die mit viel Liebe zum Detail auf die individuellen Wünsche der Bauherrschaft eingehen. Martys profunder technischer Background und das Wissen um die traditionelle Handwerkskunst erlauben es ihm und seinem Team, kreative Ideen nachhaltig zu planen und effizient umzusetzen. Für die „Stoos Hüttä“ übernahm diese Aufgabe Jean-Marc Covre als Bau- und Projektleiter vor Ort. „Die konsequente Elementbauweise und die Konzentration auf den Werkstoff Holz ermöglichten es uns, trotz des abgelegenen Standortes des Bauplatzes und des knappen Zeitfensters bei den Bauarbeiten den engen Kostenrahmen einzuhalten. Sämtliche Teile wurden mit der Standseilbahn nach Stoos transportiert und in Rekordzeit vor Ort zusammengefügt“, berichtet Covre. Nach nur sieben Monaten Bauzeit „schwebt“ die neue Herberge in ihrer ganzen hölzernen Leichtigkeit über dem überschaubaren Skigebiet und zeigt ohne Kompromiss, dass mit einheimischem Material Beeindruckendes geschaffen werden kann. 

Große Fenster und eine hohe Decke geben in der Gaststube den Blick auf das beeindruckende Bergpanorama frei, das sich auch in der gefalteten Deckenabwicklung widerspiegelt. © Zuerrer Design
Große Fenster und eine hohe Decke geben in der Gaststube den Blick auf das beeindruckende Bergpanorama frei, das sich auch in der gefalteten Deckenabwicklung widerspiegelt. © Zuerrer Design

Eins mit der Berglandschaft

Das neue Gebäude sollte sich in jedem Fall besser als das alte Berghaus in das alpine Gelände einfügen. Den Auftraggebern war wichtig, dass es weniger dominant wirkt, im Wesen dem alten Bau entspricht und quasi eins mit der Berglandschaft wird. Aus diesem Grund wurde das Gebäudevolumen auf ein Minimum reduziert und wie ein natürlicher Holzblock ohne parallele Flächen inszeniert. Die Gebäudehöhe hat man zudem um ein Geschoss reduziert, die Dachüberstände mit ansteigenden Trauflinien auf das Notwendigste beschränkt und zusätzliche Vordächer weggelassen. „Maßgebendes Gestaltungselement sind die Fichtenschindeln der Fassade. Sie prägen das Erscheinungsbild und erinnern an das, was einst dort stand“, so Architekt Ivan Marty.

Bettenlager mal anders: Holz als luxuriöses Gestaltungselement. © Zuerrer Design
Bettenlager mal anders: Holz als luxuriöses Gestaltungselement. © Zuerrer Design

Holz vermittelt Luxus

Der Ersatzneubau ist in drei Ebenen unterteilt. Im Betonsockel, auf dem die Hütte am Abgrund steht, ist das Kellergeschoss untergebracht, das Platz für die Haustechnik, das Lager und die Diensträume bietet. Darüber befindet sich das Restaurant mit zwei Gasträumen. „Große Fenster und eine hohe Decke geben den Blick auf das beeindruckende Bergpanorama frei, das sich auch in der gefalteten Deckenabwicklung widerspiegelt“, weiß der Architekt. Über einen zusätzlichen Eingang im Osten gelangen die Übernachtungsgäste ins Obergeschoss, in dem zehn Hotelzimmer für bis zu 42 Gäste Raum bieten. Dort herrscht eine einzigartige Atmosphäre. Die Schlafräume, allesamt in Tannenholz gekleidet, wirken gemütlich und vermitteln trotz des Berghüttencharmes den Eindruck eines Mehr-Sterne-Hotels mit allen Annehmlichkeiten. Die unterschiedlich gestalteten Räume können dank vielseitig verwendbarer Doppelstockeinbauten mit zwei bis maximal sechs Personen belegt werden.

Holzbau-Meister Franz Schuler von Strüby Holzbau: „Wir gratulieren den Bauherren zu diesem gelungenen Neubau. Es ist einfach clever, Holz zu verwenden, das vor der eigenen Haustür wächst.“ © Strüby Holzbau
Holzbau-Meister Franz Schuler von Strüby Holzbau: „Wir gratulieren den Bauherren zu diesem gelungenen Neubau. Es ist einfach clever, Holz zu verwenden, das vor der eigenen Haustür wächst.“ © Strüby Holzbau

Zurück in die Schweiz

Die Tragkonstruktion wurde in Ständerbauweise errichtet. Als Geschossdecken kamen Brettstapeldecken zum Einsatz. Insgesamt wurden für den Neubau 311 m3 Bauholz und Holzwerkstoffe eingesetzt. „85% des verbauten Holzes ist in den Wäldern der Oberallmeindkorporation Schwyz gewachsen. Das in der Tragkonstruktion und der Fassade verbaute Massiv- und Brettschichtholz kommt sogar zu 92% aus dem Schweizer Wald“, zeigt sich Franz Schuler, Holzbauverantwortlicher bei Strüby Holzbau, stolz. Bedingung für eine Auszeichnung mit dem „Herkunftszeichen Schweizer Holz“ ist, dass mindestens 80% des verbauten Holzes aus Schweizer Wäldern stammen. Die einzelnen Wandelemente bestehen aus einer äußeren Schindelung, einer mineralischen Dämmschicht und einer inneren Oberfläche aus Fichtenholz. Sie geben dem Gebäude innen wie außen eine natürliche und einfache Erscheinung. In der Schweiz gibt es kaum mehr Betriebe, die handgefertigte Schindeln herstellen. Denn durch den Siegeszug der Faserzementplatten in den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Holzschindel als Werkstoff fast vollkommen vom Markt verdrängt und mit ihr war auch das Handwerk des Schindelmachers vom Aussterben bedroht. „Mit großem Engagement aller Beteiligten konnte die Herstellung vieler Produkte in die Schweiz zurückgeholt werden. 95% aller an diesem Projekt engagierten Unternehmen stammen aus dem Talkessel von Schwyz und dem Muotathal“, ist der Planer stolz. Die Böden sind zum Beispiel mit einem Parkett aus geölter Esche – einer zu Unrecht wenig beachteten Holzart – belegt. Dieses wurde ebenfalls von einem Schweizer Lieferanten aus lokalen Rohstoffen hergestellt. Die Plafonduntersicht ist in weiß geölter Tanne ausgeführt und für eine verbesserte Akustik fein gerippt. Im gesamten Ausbau hat man eigens produzierte Dreischichtplatten aus OAK-Tanne verbaut. „Hierbei handelt es sich um Novatop Acustic-Paneele“, ergänzt Schuler. 

Das Restaurant der Hütte ist in zwei Gasträume unterteilt. Die Deckenuntersicht hat man dort in weiß geölter Tanne ausgeführt und für eine verbesserte Akustik zum Teil fein gerippt. © Zuerrer Design
Das Restaurant der Hütte ist in zwei Gasträume unterteilt. Die Deckenuntersicht hat man dort in weiß geölter Tanne ausgeführt und für eine verbesserte Akustik zum Teil fein gerippt. © Zuerrer Design

Durchdachte Energieversorgung

Ein großer Kamin in der Gaststube der Hütte bildet das zentrale Element der Wärme- und Energieversorgung. Er beheizt die 6.000 Liter Füllmenge des fünf Meter hohen Wassertanks, der vom Keller bis in das erste Obergeschoss ragt. Befeuert wird der Ofen klarerweise mit „OAK-Holz“. Der große Speicher wird für die Heizung und das Warmwasser genutzt. Zudem betreiben die neuen Pächter am Dach eine Photovoltaikanlage und verwenden die Abwärme der Kühlräume zur Energiegewinnung. Das Kernstück des Energiekonzeptes ist und bleibt jedoch die hoch gedämmte Gebäudehülle aus Schwyzer Holz.

Projektdaten

Bauherr: Oberallmeindkorporation Schwyz
Fertigstellung: 2015
Architektur: Marty Architektur AG
Tragwerksplanung: Gürber Ingenieure AG
Holzbau: Strüby Holzbau AG
Bauzeit: April bis Dezember 2015
Geschossfläche: 705 m2
Baukosten: 3,4 Mio. €

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