Moderne in Rostrot

In Minneapolis steht mit dem T3 das größte moderne Holzgebäude der USA.

03.08.2017 – Das T3 in Minneapolis ist das größte moderne Holzbürogebäude der USA. Konstruktion und Nutzungskonzept setzen völlig neue Maßstäbe für Immobilienentwickler.

Die rostrote Fassade des T3 besteht aus COR-TEN-Stahlplatten und bringt einen eigenen Stil mit, passt sich aber auch an die umgebende Backsteinarchitektur an. © Ema Peter
Die rostrote Fassade des T3 besteht aus COR-TEN-Stahlplatten und bringt einen eigenen Stil mit, passt sich aber auch an die umgebende Backsteinarchitektur an. © Ema Peter

Was in Europa und Kanada schon seit Jahren erfolgreich umgesetzt wird, ist in den USA erst seit Anpassung der entsprechenden Baunormen möglich. Nun setzt der Houstoner Immobilienentwickler Hines auf ein wahres Flaggschiff des modernen Holzbürobaus. T3 steht für timber, technology und transit. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich eine komplexe Baustruktur, die allen modernen Anforderungen der Arbeitswelt in einem historischen Umfeld gerecht werden will.

T3 steht für timber, technology und transit. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich eine komplexe Baustruktur. © Ema Peter
T3 steht für timber, technology und transit. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich eine komplexe Baustruktur. © Ema Peter

Wachsendes Viertel in altem Gewand

Der North Loop in Downtown Minneapolis ist eine der aufstrebendsten Gegenden der Stadt. Der historische Distrikt erhielt seinen Namen von der hier einst verkehrenden Straßenbahn, die das Areal mit der restlichen Stadt verband. Das Viertel war viele Jahre Heimat unzähliger Fabriken und Lagerhäuser und hat seinen festen Platz im nationalen Register der historisch bedeutsamen Orte der USA. Doch der Ruhm und die Geschäftigkeit währten nicht ewig: In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts versank der „Loop“ in der Bedeutungslosigkeit. In den Achtzigerjahren erlebte er seine Renaissance als Epizentrum der Kunstszene von Minneapolis. Heute ist das Stadtviertel das am schnellsten wachsende der Stadt. Vor allem junge Leute schätzen das Miteinander von Wohnen und Arbeiten und das quirlige Leben mit zahlreichen Geschäften, angesagten Cafés und Restaurants. So stellen sie auch die größte Gruppe der Bewohner des „North Loop“ dar. Die „Downtown“ ist nur einen kurzen Spazierweg entfernt. Außerdem ist man hier gut angebunden: Die „Target Field Station“ bietet Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr und auch mit dem Fahrrad ist man auf den öffentlichen Radwegtrassen schnell unterwegs.

Die zahlreichen Lagerhäuser erstrecken sich über sieben Blocks. Die Mehrheit ist im klassischen Chicagoer Stil erbaut. Die durchwegs sechs- bis siebenstöckigen Bauten prägen den Stadtteil mit ihren überwiegend roten Backsteinfassaden. In dieses Umfeld gesellt sich nun auf einer bisher als Parkplatz genutzten Brache das T3. Bewusst haben die Vancouver Architekten des Büros Michael Green Architecture darauf verzichtet, einen Kontrapunkt zu setzen, sondern passten sich den Rahmenbedingungen geschickt an. Das Ergebnis: Das T3 fällt auf, ohne aus dem Rahmen zu fallen. Seine rostrote Fassade aus gewellten, rostenden COR-TEN-Stahlplatten nimmt farblichen Bezug zum Backstein auf. Die großformatigen Fenster sind eine Reminiszenz an die frühe Industriearchitektur und haben nebenbei den Vorteil, helle und freundliche Räume mit Aus- und Einblick zu ermöglichen. Gleichzeitig finden sich in dem Gebäude aber auch alle Annehmlichkeiten eines modernen und ökologisch konsequent durchdachten Bürogebäudes.

Der Raumaufteilung sind fast keine Grenzen gesetzt. Das Holz bleibt an jedem Arbeitsplatz erlebbar. © Ema Peter
Der Raumaufteilung sind fast keine Grenzen gesetzt. Das Holz bleibt an jedem Arbeitsplatz erlebbar. © Ema Peter

Mit NLT schnell gebaut

Auf den ersten Blick fällt es dem Betrachter nicht ins Auge, dass sich hinter der Fassade über 3600 m³ Holzkonstruktion verbergen. Doch es wäre kein Werk der kanadischen Holzbaupioniere von Michael Green, wenn sich nicht durch einen tieferen Blick ins Innere eine Vielzahl an Stützen und Trägern aus Brettschichtholz offenbaren würden. Auch ökologisch griffen die Architekten tief in die Trickkiste: Für den Bau wurde zum Teil Holz verwendet, das vom Borkenkäfer befallen war. Hätte man es nicht zu Paneelen für das T3 verarbeitet, wäre es entsorgt worden – ein Pluspunkt für die Ökobilanz des Gebäudes. Die Verfärbungen, die der Käfer im Holz hinterließ, sind auf einigen Paneelen noch immer sichtbar. Die Planer sehen ihre Tragkonstruktion als moderne Version einer alten Methode. Sie griffen für die Deckenelemente nicht zum derzeit häufig eingesetzten Brettsperrholz, sondern entwickelten mit dem NLT (Nail Laminated Timber) ein eigenes System, das gänzlich ohne Klebeverbindungen auskommt. „Die Verwendung von NLT bot bauliche und ästhetische Vorteile, aber auch geringere Kosten und Lieferzeiten für das Holz“, listet der Holzbauingenieur Lucas Epp im firmeneigenen Blog des Holzbauers „StructureCraft“ auf. Die NLT-Paneele wurden aus zwei mal acht Amerikanische Fuß großen Holzlatten (circa 61 x 244 cm) zu großen Platten (maximal 3 x 12,8 m) zusammengenagelt. Zur Aufnahme der Querkräfte wurden die Platten schon bei der Vorfertigung in Kanada mit einer Sperrholzschicht versehen. Ein Kran hob sie in Position, sodass sie mit bis zu 60 cm langen Schrauben an der Tragkonstruktion befestigt werden konnten. Die rund 20.000 m² Nutzfläche entstanden so Bauteil um Bauteil innerhalb von nur zehn Wochen – das entspricht neun Tagen pro Geschoss und unterbietet zeitlich jede Stahlkonstruktion. Doch alles ist auch beim T3 nicht aus Holz gebaut: Aufzugschacht, Parkgarage und Erdgeschoss sind aus Stahlbeton.

Architektin Candice Nichol, Michael Green Architects. © MGA
Architektin Candice Nichol, Michael Green Architects. © MGA

Exzellente Innenausstattung mit Holz im Fokus

Die Architekten haben mit dem T3 gleich mehrere Meilensteine im US-amerikanischen Holzbau gesetzt. „Das T3 setzt ein Beispiel für die Immobilienentwicklung. Wir haben einen neuen Archetyp für ein Bürogebäude geschaffen, das der Öffentlichkeit zeigt, wie Holz auf moderne Weise verbaut werden kann“, berichtet die Architektin und Projektleiterin, Candice Nichol. Auch die Immobilienentwickler hatten offenbar großes Vertrauen in ihr Projekt: Im Gegensatz zu herkömmlichen Bürogebäuden war das T3 zu Baubeginn noch nicht vermietet. Doch das Projekt ist wohl durchdacht und hat durchaus einige Alleinstellungsmerkmale. Durch sein flexibles Nutzungskonzept und die gute Infrastruktur ist es für eine Vielzahl an jungen, dynamischen Unternehmen interessant. Damit diese für ihre Mitarbeiter attraktiv sind, soll das T3 eine außergewöhnlich positive Arbeitsumgebung bieten. Das hauseigene Fitnesscenter gehört ebenso zum Konzept wie das positive Raumempfinden mit vielen Holzoberflächen und hohen Decken. Mit der Fokussierung auf das Wohlergehen der Mitarbeiter setzt man auch auf neue Ideen, die das Arbeiten nicht mehr nur am eigenen Schreibtisch sehen, sondern in vielen Bereichen des Gebäudes möglich machen: im Coffeeshop oder auf dem Sonnendeck der Dachterrasse – WLAN und Grill inklusive. Eine ganze Reihe weiterer Extras machen das T3 zum begehrten Arbeitsplatz: Ob Fahrradgarage mit Werkstatt, offene Arbeitszonen zum gemeinsamen Arbeiten oder für Konferenzen – das Gebäude scheint der Inbegriff der modernen, kreativen Arbeitswelt zu sein. 

Aktuell geht das Konzept wohl auf: Ein großer amerikanischer Internethändler bezieht seine neuen Büros im T3.

Erst bei Nacht gibt das Gebäude Außenstehenden seine Holzkonstruktion preis. © Ema Peter
Erst bei Nacht gibt das Gebäude Außenstehenden seine Holzkonstruktion preis. © Ema Peter

Projektdaten

Standort: Minneapolis
Fertigstellung: 2016
Architektur: MGA Michael Green Architecture
Bauherr: Hines
Statik und Holzbau: StructureCraft Builders Inc.
Nutzfläche: circa 20.400 m²

_Christina Vogt