Raumnot schärft Erfindergeist

Konzepte mit multifunktionalem Anspruch

08.06.2017 – Unsere Städte wachsen rasant – weltweit. Mit ihnen steigt die Wohnungsnot. So zählte Wien 2016 etwa 1,87 Millionen Einwohner, was um rund 27.700 mehr sind als im Vorjahr. Damit hat Österreichs Hauptstadt Hamburg, Warschau und Budapest einwohnermäßig überholt und ist die siebtgrößte Metropole der Europäischen Union.

Flexible Wohnsysteme sind gefragt, die sich in beengten Raumverhältnissen anpassen lassen. © Nils Holger Moormann GmbH
Flexible Wohnsysteme sind gefragt, die sich in beengten Raumverhältnissen anpassen lassen. © Nils Holger Moormann GmbH

Während Stadtplanungsstrategien Verdichtung, Aufstockung und Umnutzung intensiv miteinschließen, begegnen junge Architekten und Designer diesem Umstand oft kleinteiliger. Sie denken sich in die einzelne Wohneinheit hinein. Wenn sie das tun, entstehen findige Raumkonzepte mit multifunktionalem Anspruch. Damit begegnen Sie einem Trend, der in einer im Februar erschienenen Studie „50 Insights – Zukunft des Wohnens“ ebenso Behandlung findet. Die drei Zukunftsforscher Oona Horx-Strathern, Christiane Varga und Matthias Horx geben Einblick in die möglichen Aspekte des Wohnens und sie werfen Fragen auf. Damit stellen sie die wohlverankerte und konventionelle Vorstellung unseres Lebensmusters infrage. Wie viele Quadratmeter braucht ein Mensch zum Leben? Wird es in Zukunft noch Altenheime geben? Was macht eine intelligente Stadt aus? So und ähnlich lautet der Forschungsansatz. Gerade auch die Baubranche bleibe von diesen Trends nicht unberührt, konstatieren die Forscher. „Individualisierung, Alterung – oder ‚Altersverjüngung‘ (Downaging) –, Konnektivität und Mobilität sind nur einige der Megatrends, die den Rahmen der neuen Bau- und Arbeitswelten bilden. Beispiele aus allen Kontinenten zeigen die neuen Strategien, Designs, Materialien und Ideen, die das Angesicht unserer neuen Städte prägen werden“, behauptet Oona Horx-Strathern in einem ihrer Vorträge. Und weiter befindet sie: „In Zukunft werden Lebensräume nicht so sehr durch Quadratmeter definiert, sondern durch die Qualität der geteilten Räume, der ‚Shared Spaces’. Die neue Kooperationskultur oder ‚Share Economy’ spielt eine entscheidende Rolle: von ‚Co-Working’ und ‚Co-Living’ über ‚Urban Gardening’ bis ‚Carsharing’. Flexibilität und Modularität, Fertigbau und soziale Diversität sind die Stichworte der neuen Urbanität.“

Die Zukunftsforscherin, die mit ihrem Mann selbst in einem Holzhybriden lebt, weiß vermutlich, dass Holz seine Vorteile in diesem Segment perfekt ausspielen kann. Unter anderem behandeln die drei Forscher die Frage: „Werden Möbel in Zukunft multifunktional sein?“ Und genau da setzen die hier vorgestellten Konzepte an. Gerade aus der Ecke der jungen Selbstständigen – als Reaktion auf eigene veränderte Wohn- und Arbeitsbedürfnisse – sind vom vielfältig nutzbaren Möbel über die Transformation einer Zwei-Zimmer-Wohnung bis hin zu verschiebbaren Raumelementen findige Ideen am Start.

Konzept 1: Russische Idee in Manhattan erprobt

Der Russe Peter Kostelov lebt in New York. Jeder weiß, zumindest vom Hörensagen, wie teuer das Leben im Big Apple ist. Dieser Umstand führte den Jungarchitekten zur Überlegung, den Wohn- und Arbeitsbereich in seinem Manhattan-Appartement, das er mit seiner Partnerin bewohnt, miteinander zu vereinen. Eine 65 m2-Wohnung mit zwei Schlafzimmern sollte nach dem Umbau beiden Bewohnern Schlaf-, Arbeits- und Wohnraum zugleich bieten. Da beide selbstständig von zu Hause arbeiten, musste eine ebenso funktionale wie komfortable Lösung her. So sollten zumindest drei isolierte Räume entstehen. 

Tischlein versteck dich: Ein Holzkubus, der ein weiteres Zimmer enthält, ...
Tischlein versteck dich: Ein Holzkubus, der ein weiteres Zimmer enthält, ...
... lässt die einmal ungenutzte Einrichtung unter sich verschwinden. © Peter Kostelov
... lässt die einmal ungenutzte Einrichtung unter sich verschwinden. © Peter Kostelov
Detailverliebt und praktikabel: Ein junger Russe steckt viel Fleiß ...
Detailverliebt und praktikabel: Ein junger Russe steckt viel Fleiß ...
... in die Umgestaltung seines eigenen Appartements. © Peter Kostelov
... in die Umgestaltung seines eigenen Appartements. © Peter Kostelov

Gesagt, getan: Nun besitzt die Einheit ein Hauptschlafzimmer und zwei kleine Arbeitsstudios. Kostelov legte selbst Hand an. „Hauptziel dieses Projektes war die mühelose Transformation. So kann ich das Wohn- mit ein paar Handgriffen in ein Esszimmer verwandeln, während ich die Arbeitsstudios bei Bedarf zu Gästezimmern umfunktionieren kann“, beschreibt Kostelov seine Idee. Das zweite, hoch gelagerte Studio bringt neben der Separierung einer zusätzlichen Einheit einen weiteren Vorteil mit sich: Ein Esstisch und zwei Bänke, auf denen bis zu zehn Gäste Platz finden, verschwinden mühelos unter der eingesetzten Raumbox, sollte das große Wohnzimmer genutzt werden wollen. Auf der zweiten Seite – dort, wo das weitere Arbeitsstudio liegt – verschwindet ein Doppelbett ebenfalls unterhalb. Die meisten Möbel sind mit Rollen versehen, sodass so viel Rauminhalt wie möglich flexibel bleibt. Drei Schlafzimmer, zwei Arbeitsplätze, ein großes Wohnzimmer, Küche und Sanitärräumlichkeiten hätten sich in einer herkömmlichen 60 m2-Wohnung wahrscheinlich nicht vereinen lassen. Kostelovs Konzept macht seinen Wohn- und Arbeitsraum mitten in New York leistbar. 

Konzept 2: Wenn es nicht für die Oper reicht

Raum-im-Raum-Konzept: Schlafen, Essen, Arbeiten und Lesen – alles das ist mit der Holzbox von Nils Holger Moormann möglich. „Kammerspiel“  schafft einen Raum im Raum, der alle wichtigen Bereiche des Wohnens aufnimmt. © Julia Rotter
Raum-im-Raum-Konzept: Schlafen, Essen, Arbeiten und Lesen – alles das ist mit der Holzbox von Nils Holger Moormann möglich. „Kammerspiel“ schafft einen Raum im Raum, der alle wichtigen Bereiche des Wohnens aufnimmt. © Julia Rotter
© Julia Rotter
© Julia Rotter
© Julia Rotter
© Julia Rotter

Ebenfalls die Vereinbarkeit von Wohn- und Arbeitsraum, aber darüber hinaus die generelle Aufwertung des Wohnraums hatte Nils Holger Moormann mit seiner Idee im Sinn. Seit den frühen 1980er-Jahren entwirft er mit meist jungen, unbekannten Designern Möbel mit reduzierter Formensprache und präzisen Detaillösungen. Wenn bezahlbarer Wohnraum knapper wird und „die große Oper“ – im übertragenen Sinn für großflächiges Wohnen – nicht möglich ist, kann Moormanns sogenanntes „Kammerspiel“ eine Alternative sein. Es handelt sich um ein großes Möbel, das multifunktionaler nicht sein könnte – ganz so, wie die Zukunftsforscher in der „Insight-Studie“ den Trend prognostizieren. Er schafft einen Raum im Raum, der alle wichtigen Bereiche des Wohnens aufnimmt. Schlafen, Essen, Arbeiten und Lesen sind an den Außenseiten organisiert, während im Inneren neben einem begehbaren Kleiderschrank die Dinge des Alltags untergebracht werden.

Weil die persönlichen Lebensgewohnheiten so unterschiedlich sind wie die Bewohner selbst, kann Moormanns Kammerspiel beispielsweise dem Literaten, dem Sportler, dem Homeworker oder dem Modebewussten angepasst werden. Der erste Prototyp ist in Kooperation mit dem Bauunternehmen B&O, das sich auch mit der Thematik „bezahlbares Wohnen“ auseinandersetzt, in Bad Aibling entstanden. Bekanntheit in der Holzbaubranche erlangte das Unternehmen jüngst mit der Parkplatzüberbauung des Münchner Dantebads. Zusammen mit dem Architekturbüro Florian Nagler entstanden in nur knapp einem Jahr 100 Wohnungen im Rahmen des städtischen Sofortbau-Programms „Wohnen für alle.“ Das Projekt „Kammerspiel“ geht in dieselbe Richtung, jedoch in kleinerem Ausmaß.

Konzept 3: Wandversatz schafft Mikroraum

Für den kleinen Geldbeutel: Ori reagiert mit seinem Konzept auf die Bedürfnisse junger Paare und Singles. © orisystems
Für den kleinen Geldbeutel: Ori reagiert mit seinem Konzept auf die Bedürfnisse junger Paare und Singles. © orisystems
Wände versetzen: Per Knopfdruck verkleinert man das Schlafzimmer, indem das Wandmodul zur Seite weicht. © orisystems
Wände versetzen: Per Knopfdruck verkleinert man das Schlafzimmer, indem das Wandmodul zur Seite weicht. © orisystems

Einen wiederum anderen Zugang verfolgt das Designkonglomerat Ori. Der Firmenname leitet sich vom japanischen „Origami“ ab und in diese Kerbe schlägt auch die Idee: Auf dem steigenden Zuzug junger Professionisten aus der Kreativszene, für deren Geldbörsen städtische Zentren zu teurer zum Wohnen sind, gründet die Idee. „Wie können wir ein Wohn- und Schlafzimmer, Stauraum und Bürofläche auf 20-30 m2 unterbringen?“, lautete die Fragestellung zu Beginn der Entwurfsleistung. Gemeinsam mit MIT-Ingenieuren sah man es als Notwendigkeit, kleinen Räumen Aufwertung zu verschaffen: „Wie maximieren wir die Nutzung dieser Räume und bieten die Erfahrung des Luxuslebens ohne den Luxus der Größe? Wir haben uns mit Ori zusammengetan, um ein System von Robotermöbeln zu entwerfen: transformierbare Einheiten, die den Einsatz eines bestimmten Raumes verdreifachen können“, beschreiben die Studenten.

Entstanden ist ein Robotermöbelsystem, das sich auf Knopfdruck umwandelt. Eingebettet in das Element ist ein Bett, das, einmal ungenutzt, unter einem Schrank verschwindet. An der einen Seite der beweglichen und multifunktionalen Trennwand sind eben dieser Schrank, ein Schreibtisch und weitere Stauräume untergebracht. Auf der anderen Seite findet das große „Wohnzimmer“ Platz, sofern man die Trennwand bis ans andere Ende des Raumes schiebt. Steuern lassen sich die Funktionen direkt am Modul oder per App. Am Heimweg von der Arbeit kann der „Wohnraumknopf“ aktiviert werden und das Zuhause ist bei Ankunft für Besuch von Freunden bereit.

_kl