Jungarchitekten mit Holzbauambitionen

Zwischen Peking und Pongau, Bambus und Holz

Chris Precht (li.) und sein Partner Dayong Sun; © Penda
Chris Precht (li.) und sein Partner Dayong Sun; © Penda

28.07.2017 – Penda hat Gebäude entwickelt, worin Nutzpflanzen als selbstverständliche Elemente integriert sind. Ein Museum, das sich je nach Ausstellung an seine Umgebung anpasst oder eine Bambus-Stadt, in der 20.000 Menschen leben könnten. Penda, das sind seit 2014 der erst 33-jährige Architekt Chris Precht und sein gleichaltriger chinesischer Partner Dayong Sun. Über die Vorteile der chinesischen Bautradition, die absolute Notwendigkeit nachhaltiger Denkweisen sowie die Unausweichlichkeit modularer Architektur in Hinblick auf die Wohnraumknappheit haben wir uns mit dem gebürtigen Pongauer unterhalten. Zudem liegt ein Forschungsprojekt in der Precht’schen Schublade, das vor allem den chinesischen Bausektor revolutionieren könnte.

Holzhochbau in Toronto – Dieses Projekt steckt zwar noch in der Planungsphase, mit dem Baustart rechnet man trotzdem bereits 2018. © Penda
Holzhochbau in Toronto – Dieses Projekt steckt zwar noch in der Planungsphase, mit dem Baustart rechnet man trotzdem bereits 2018. © Penda

Penda wurde 2016 von der New-Yorker Architekturplattform „Architizer“ als aufstrebendstes Büro des Jahres ausgezeichnet. Dazu kam es unter anderem aufgrund „ihres ökologischen Denkens und ihres visionären Streben in der zeitgenössischen Architektur“, ist in der Jury-Begründung zu lesen. Andernorts nennt man Precht einen Impulsgeber für „Grünes Bauen“. Sein Verständnis von Nachhaltigkeit scheint diese Lobreden zu rechtfertigen, lauscht man einmal seinen Visionen. Der Jungarchitekt studierte in Wien und Innsbruck, arbeitete unter anderem zwei Jahre in der chinesischen Dependance der renommierten Graft Architekten und baute gemeinsam mit Dayong Sun, den er dort kennenlernte, ein eigenes Büro in Peking auf. Vergangenes Jahr folgte eine Niederlassung in Salzburg. Heute beschäftigt Penda 13 Mitarbeiter. In dieser Zeit haben die Architekten an die 150 Projekte entworfen – darunter auch Interior Design – an die 30 wurden verwirklicht. Immer wieder tauchen Holz und Bambus dabei als Baustoffe auf.

Lebensraum wieder retour geben

Gerade weil das Reich der Mitte nicht unbedingt als Mekka ökologischen Bauens gelte, könne ein Architekt mit nachhaltiger Denkweise hier vieles zum Positiven wenden, erzählt Precht. „In China wird häufig mit temporärem Verständnis gebaut, worunter die Qualität leidet. Die verwendeten Materialien sind meist nicht ökologisch“, spricht er aus Erfahrung. Andererseits könne man als Ausländer in China von der traditionellen Baukultur sehr viel lernen. „So zweiseitig erklärt sich unser Verständnis vom Bauen. Wir versuchen Tradition mit zeitgenössischen Technologien zu verbinden, was die Einbindung von ökologischen Materialien, wie Holz, Lehm oder Bambus, miteinschließt.“ Zudem sieht Precht es als notwendig an, nicht nur „mit der Natur“, sondern auch „für die Natur“ zu bauen. Für den erst 35-Jährigen heißt das, der Natur den durch die Bebauung verloren gegangenen Platz wieder zurückzugeben. Dies beispielsweise, indem man Dächer begrünt oder Pflanzen an der Fassade hochklettern lässt.

Bei diesem Bambuspavillon handelt es sich um ein Struktursystem ohne Schrauben. © Penda
Bei diesem Bambuspavillon handelt es sich um ein Struktursystem ohne Schrauben. © Penda
In großem Stil lässt sich das Bambuskonzept für ganze Städte andenken. © Penda
In großem Stil lässt sich das Bambuskonzept für ganze Städte andenken. © Penda

Holzbau bedarf Aufklärungsarbeit

Zu diesen Ideen passt Holzbau perfekt. „Holzbau ist präzise, schlank – auch in die Höhe gebaut – und trumpft mit einem leisen Bauprozess auf.“ Trotzdem: In China würden Holzbauprojekte immer mit extremer Aufklärungsarbeit beginnen, sagt Precht. „Weil die Arbeitskräfte noch immer so billig sind, sodass eines der Hauptargumente pro Holzbau, nämlich jenes der Bauzeitverkürzung, überhaupt nicht greift. Das heißt, wir müssen rein über die Wohngesundheit argumentieren. Noch funktioniert das schleppend, aber langsam beginnt ein Umschwung.“ Als persönlich empfundenen Vorteil ergänzt er: „Beim Holzbau bist du als Architekt eher Herr des Bauprozesses. Die Vorfabrikation spielt uns da ziemlich in die Karten.“ Über dieses Selbstverständnis hinaus beschäftigt sich Penda mit drei großen Themenschwerpunkten: Das ist zum einen der Fokus auf modulare Systeme, die sich flexibel an Lebensumstände oder geografische Wohnortverlegung anpassen. „Ein Bett kann es sich nicht leisten, einfach nur ein Bett zu sein. Daraus kann zum Beispiel ein Arbeitsplatz werden.“ Damit spielt Precht auf die vorherrschende Wohnraumknappheit an, die in China noch viel deutlicher zu verspüren ist als hierzulande. Diesen Gedanken spinnt er noch weiter: Für die Design Week in Peking entstand beispielsweise ein Bambuspavillon, der sich ganz einfach transportieren lässt und in alle Richtungen erweiterbar ist. So könnte eine ganze Bambusstadt entstehen, die sich je nach Bedarf vergrößern oder verkleinern könnte. 

Gerade fertiggestellt: Penda achtet generell auf den vermehrten Holzeinsatz bei seinen Projekten. Das alte Bestandsgebäude des Hutong-Hotel in Peking schmückt sich nun, frisch saniert, innen mit einem Holzkern und außen mit einer Holzfassade. © Penda
Gerade fertiggestellt: Penda achtet generell auf den vermehrten Holzeinsatz bei seinen Projekten. Das alte Bestandsgebäude des Hutong-Hotel in Peking schmückt sich nun, frisch saniert, innen mit einem Holzkern und außen mit einer Holzfassade. © Penda

Stadt muss Teil der Landwirtschaft werden

Zum Zweiten könnten es sich ganze Gebäude nicht leisten, statisch zu bleiben, während sich Städte und ihre Bewohner gerade massiv verändern. Mit einem Entwurf zu einem Bauhaus-Museum in Dessau, mit dem Penda ins Wettbewerbsfinale gelangte, reagierten sie auf diese Anforderung. Das Gebäude verändert je nach Ausstellung seine Form und interagiert so mit der Umgebung. Der dritte und den Holzbau am stärksten tangierende Schwerpunkt Pendas ist „gesunde und lebendige Architektur“. Hier spielt Precht auf die notwendige Produktivität einzelner Gebäude an. „Dächer und Fassaden müssen Teile unseres Nahrungskreislaufes werden, die Stadt muss Teil der Landwirtschaft sein, um die Bevölkerung ernähren zu können. Immerhin speichert die Stadt viel Wärme, was in baulich integrierten Gärten zum Vorteil genutzt werden kann.“ Aber nicht nur Konzepte und Visionen in Richtung Nachhaltigkeit prägen den Weg des jungen Architekturbüros. Gerade fertiggestellt wurde das Hutong-Hotel in Peking, bei dem ein Holzkern in ein altes Gemäuer gesetzt wurde. Neben bereits realisierten Objekten in Brettsperrholz österreichischer Hersteller befindet sich derzeit ein Holzhochhaus in Toronto in Planung. In Hinblick auf den möglichen Baubeginn rechnet Precht im kommenden Jahr. Dieses sowie weitere Projekte in BSP entstehen in Kooperation mit dem kanadischen Partner Mark Stein im Rahmen der Initiative „tmber“.

Mit Bedacht auf die regionale Bautradition setzte man für dieses in Bau befindliche Myrtle Garden Hotel den Baustoff Holz für die Fassade und die Inneneinrichtung ein. Es handelt sich hierbei um ein Gemeinschaftsprojekt von Penda und Graft Architects. © Penda
Mit Bedacht auf die regionale Bautradition setzte man für dieses in Bau befindliche Myrtle Garden Hotel den Baustoff Holz für die Fassade und die Inneneinrichtung ein. Es handelt sich hierbei um ein Gemeinschaftsprojekt von Penda und Graft Architects. © Penda

Bambus-BSP-Produktion denkbar

Und weil es Precht vermutlich liegt, Eigeninitiative zu ergreifen, existiert daneben ein Forschungsprojekt, das die Produktion von BSP mit Bambus in großem Stil verifizieren soll. „Die Bambusreserven in China sind ungleich höher als jene an Holz – zumindest am asiatischen Kontinent. Bambus wächst unglaubliche 1,5m pro Tag.“ Das Projekt stecke allerdings noch in den Kinderschuhen. Ist es jedoch einmal ausgereift, wäre eine eigene Produktionslinie denkbar. „Ich bin mir sicher, dass China einmal ein großer Abnehmer von BSP sein wird.“ Wie ein solches Objekt mit Bambus-BSP und integrierten Gärten einmal aussehen könnte, zeigt die Studie „Highrise“.

Was ein einzelnes Nachwuchsbüro mit Wagemut, Ideenreichtum und Entschlossenheit auslösen kann, machte Penda bereits bisher eindrücklich klar. Mit einer Fortsetzung in ähnlichem Stil darf gerechnet werden – von Pongau bis Peking und retour.

_kl