100 % autark ist zu viel

Wärme und Strom intelligent verschwenden statt blöd sparen

07.09.2017 – Der Experte für energetisches Wohnen, Prof. Timo Leukefeld, widmet sich intensiv Konzepten für energieautarke Gebäude. Seit 2011 berät er Politik, Wirtschaft, Kommunen und Bauherren in Fragen des nachhaltigen Umgangs mit Energie und Ressourcen. Seit Kurzem arbeitet er auch am Zukunftsinstitut rund um die Forscher Matthias Horx und Harry Gatterer mit. Weil die Themen Wärme, Strom und Mobilität den Nerv der Zeit treffen und immer wieder Fragen aufwerfen, haben wir einige gestellt.

Prof. Timo Leukefeld ist der Meinung, dass die Energiewende nicht das hält, was sie verspricht. Denn Energie ist nicht nur Strom. © Stefan Mays
Prof. Timo Leukefeld ist der Meinung, dass die Energiewende nicht das hält, was sie verspricht. Denn Energie ist nicht nur Strom. © Stefan Mays

Herr Leukefeld, Sie entwickelten ein Gebäudekonzept, das auf Autarkie setzt. Was hat das zu bedeuten?

Ich spreche gerne von Energieunabhängigkeit in Zusammenhang mit Sicherheit und Handlungsfreiheit. Und davon, im Alter keine Ausgaben mehr für das Wohnen, die Wärme, den Strom und E-Mobilität aufwenden zu müssen. Im weitesten Sinne ermöglicht Autarkie ein selbstbestimmtes Leben. Technisch gesehen geht es dabei nicht um eine Jahresbilanzierung wie beim Plusenergiehaus. Grundvoraussetzung dafür ist die Senkung des generellen Verbrauchs an Wärme und Strom. Bedarf, der bleibt, kann zum Beispiel durch Solarthermie in Verbindung mit einem Langzeitwärmespeicher und durch Photovoltaik mit Akkus abgedeckt werden. Eine 100%ige Autarkie ist nicht sinnvoll, da viel zu teuer. Die letzten 20% Autarkie kosten so viel wie die ersten 80%. Deswegen planen wir Projekte in der Regel nur bis zu 80% autark. Der Restbedarf wird aus dem Netz bezogen oder im Einfamilienhaus aus einem Holzofen.

In diesem Zusammenhang fordern Sie, „intelligent verschwenderisch“ zu leben – wie meinen Sie das?

Intelligentes Verschwenden ist für mich das Gegenteil von blödem Sparen. Wer sein Haus in Echtzeit nahezu ganzjährig mit Sonnenwärme und -strom versorgt, der dreht die Heizung bedenkenlos auf 23 °C, lässt die LED-Beleuchtung großzügig an und fährt mit Solarstrom viele Kilometer ohne schlechtes Gewissen mit seinem Auto. Alles, ohne die Umwelt oder die Geldbörse zu belasten. Mir geht es dabei um Lebensqualität, ein gutes Gefühl und Absicherung im Alter. Dafür investieren Menschen bei der Anschaffung des Eigenheims gerne etwas mehr Geld.

Apropos Geld: Im Vergleich zu Häusern mit konventionellen Energiekonzepten – wie hoch sind die Errichtungs-Mehrkosten?

Beim Einfamilienhaus kostet eine 50%ige Autarkie bei Wärme und Strom etwa 40.000 € mehr, eine 100%ige Autarkie würde etwa 90.000 € Mehrkosten bedeuten. Im Mehrfamilienhaus bei etwa 70% Autarkie betragen die Mehrkosten zwischen 35.000 und 40.000 € je Wohneinheit. Deshalb sind die meisten unserer Projekte Mehrfamilienhäuser, weil dort die spezifischen Mehrkosten je Wohneinheit um zwei Drittel günstiger sind als beim Einfamilienhaus. Die Gebäudehülle liegt bei einem sehr niedrigen Heizwärmebedarf von 15 bis 20 kWh/m²a. Bei solaren Autarkiequoten von etwa 70% liegen die Restenergiekosten für Wärme und Strom für ein Mehrfamilienhaus mit sieben Wohneinheiten bei nur noch etwa 2000 € pro Jahr. Das ist die Basis für unser Pauschalmietmodell mit Energie-Flatrate. Unsere Kunden, die Vermieter, bieten ihren Mietern eine feste Pauschalmiete für zehn Jahre an, in der Wohnen, Wärme, Strom und E-Mobilität als Flatrate bereits enthalten sind. Das ist eine Revolution in der Wohnungswirtschaft und funktioniert nur, wenn die Hauptenergieversorgung durch die Sonne abgedeckt wird.

Für Sie herrscht derzeit lediglich eine Stromwende – wie kommt es tatsächlich zur Energiewende?

Der Energieverbrauch in Österreich, Deutschland und der Schweiz lässt sich grob einteilen in ein Viertel für Strom, ein Viertel für Verkehr und die Hälfte für Wärme. Wenn wir uns beim energetischen Wandel immer nur auf Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft, Braunkohle, Atomkraft, Netzausbau etc. konzentrieren, setzen wir nur an einem kleinen Teil des Energieverbrauches an: dem Stromverbrauch. Das reicht nicht aus. Wir müssen uns dem Verkehr und vor allem der Wärme widmen, also alle drei Sektoren bedienen und diese miteinander koppeln. Dann wird aus der jetzigen Stromwende eine wirkliche Energiewende.

Noch ein Energiespartipp für unsere Leser?

Schließen Sie (nach vorheriger Beratung) Geschirrspüler und Waschmaschine an das Warmwasser an, dann sparen Sie dafür bis zu 80 % Strom.

_kl