Mehr als eine Übergangslösung

Zu beliebt, um nur temporär zu sein: eine Markthalle in Stockholm

20.10.2017 – Was einst zur Überbrückung gedacht war, will man heute nicht mehr missen. Die Stockholmer Markthalle „Östermalms Saluhall“ erfährt eine dringende Renovierung und Modernisierung. Für die zweijährige Bauphase erschuf man einen temporären und wiederverwendbaren Ersatz mit einer ungeahnt starken positiven Wirkung.

© Felix Gerlach
© Felix Gerlach

Eine würdige Übergangslösung sollten Architekt Mark Humphreys und sein Team von Tengbom Arkitekter für die Renovierungsphase der berühmten und prächtigen Markthalle in Östermalm im Herzen Stockholms kreieren. Der Stadtteil gilt als der feinste der schwedischen Hauptstadt und die Markthalle ist für Ansässige wie Touristen ein Anziehungspunkt mit Tradition. 1888 wurde sie erbaut und vereint unter ihrem Dach traditionsreichen Handel und historische Pracht, die von Neuem hervorgebracht werden will. Ein schlichtes Zelt oder gar die Aussetzung des Marktgeschehens für die Renovierungsperiode stand daher nicht zur Debatte. Im Gegenteil: Um den Charme des Treffpunkts beizubehalten, musste etwas her, das dem Prestige gerecht wird und die Wertschätzung der Stadt gegenüber allen Beteiligten vermittelt.

Das 1906 gegründete schwedische Architekturbüro Tengbom überzeugte die Stadtverwaltung im Rahmen der Ausschreibung. Die unter anderem auf Arbeitsplätze spezialisierten Planungsexperten entwickelten ein Konzept, in dem alle Ansprüche Berücksichtigung fanden. Leicht und kostengünstig sollte es sein, in seiner Wirkung durfte es dem ursprünglichen Gebäude jedoch in nichts nachstehen und im Anschluss bestenfalls anderweitig verwendbar sein. Eine gut gedämmte, großzügige und einladende Mischung aus viel Holz, Glas, etwas Stahl, Kunststoff und reichlich Licht wurde final auf einem Platz gegenüber der alten Halle errichtet – quasi eine Neuinterpretation der Tradition.

Die temporäre Markthalle verströmt mit ihrer hölzernen Konstruktion gleichzeitig Großzügigkeit und Gemütlichkeit. Sie wird von den Besuchern derart gut angenommen, dass bereits über eine Nachnutzung diskutiert wird. © Felix Gerlach
Die temporäre Markthalle verströmt mit ihrer hölzernen Konstruktion gleichzeitig Großzügigkeit und Gemütlichkeit. Sie wird von den Besuchern derart gut angenommen, dass bereits über eine Nachnutzung diskutiert wird. © Felix Gerlach

Strahlendes Wahrzeichen

Der ebenfalls historische Platz unweit des Renovierungsobjektes stellte die Verantwortlichen vor weitere Herausforderungen. Neben dem begrenzten Platzangebot galt es, möglichst kleine Betonfundamente zu Hilfe zu nehmen, um das etwa zwei Jahre lang benötigte Gebäude zu verankern. Entsprechend leicht und dennoch stabil hatte die Konstruktion oberhalb der Erde zu sein. Man entschied sich für ein Hauptmaterial, das alle Ansprüche zu verbinden wusste – Holz.

Tagsüber fällt zunächst der untere Teil der Fassade aus unbehandelten Kieferleisten von unregelmäßiger Breite auf. Im Gastronomiebereich, der, wie die eigentlichen Marktstände und Lagerräume, im unteren Bereich der Halle liegt, gewähren großzügige Isolierglasfronten den Blick nach draußen. An der undurchbrochenen Nord- und Südseite befinden sich Zwischengeschosse, welche die zu geringe Grundfläche von 1970 m2 um weiteren Platz für die Küchen- und Technikräume ergänzen. Mit einer Deckenhöhe von 9 bis 11 m vermittelt der Bau einen ähnlich großzügigen Eindruck wie das Vorbild. Der im oberen Teil des Gebäudes verwendete mehrkanalige Kunststoff enthält viele Lufttaschen für gute Isolierung und beeinflusst die Stimmung außen wie innen positiv, da er sowohl Tageslicht hindurch lässt als auch im Dunkeln von innen warm beleuchtet wirkt.

© Felix Gerlach
© Felix Gerlach

Alles unter einem Holzdach

Das Dach selbst ist mit Sperrholz verkleidet und verfügt über eine schalldämmende Isolierung aus Holzfasern, welche auch die Akustik verbessert. Die simple, aber wirksame und ausdrucksstarke Dachkonstruktion ist im Inneren exponiert. Module aus Kerto-Furnierschichtholz von Metsä Wood bilden ein leichtes und doch stabiles Gitter. Aufrecht stehende Brettschichtholzelemente stützen sich auf Säulen aus Brettsperrholz, die im Inneren bewusst exponiert sind – zu optischen wie auch Montagezwecken. Sicher verbunden wird alles mit strategisch positionierten Metallwinkeln. Die Balken wurden vor Ort mit einer transparenten, feuerhemmenden Beschichtung behandelt – ebenso wie das Sperrholz der Marktstände und Böden. Letztere passen sich der leichten Hanglage mit vereinzelten Stufen an. Die Stockwerke und Säulen wurden bis zu einer Höhe von 3 m mit Gipskarton beplankt. Die Verwendung der Kerto-Bausätze ermöglichte eine schnelle und kostengünstige Lösung, die zudem nach Informationen des Systemlieferanten CO2-neutral realisiert wurde und wiederverwendbar ist. Das klingt preisverdächtig – und ist es auch. Das überzeugende Konzept fand sich heuer unter den 40 Projekten der Juryvorauswahl für den Mies van der Rohe Award wieder, der in Europa als wichtigster Architekturpreis gilt und von der Europäischen Union im Zwei-Jahre-Takt verliehen wird.

Die ebenfalls hölzernen und wiederverwendbaren Marktstände sind so locker angeordnet, dass auch Passanten gern durch die Markthalle spazieren – das bringt zusätzlichen Umsatz. © Tengborn
Die ebenfalls hölzernen und wiederverwendbaren Marktstände sind so locker angeordnet, dass auch Passanten gern durch die Markthalle spazieren – das bringt zusätzlichen Umsatz. © Tengborn

Wertschätzung vermittelt und erzeugt

2019 wird die frisch renovierte, originale Saluhall wieder ihre Pforten öffnen. Die vorübergehende Lösung ist schon jetzt ein voller Erfolg. Nicht selten bringen architektonische Experimente einen dauerhaften Vorteil mit sich. Das scheint hier definitiv auch der Fall zu sein, was unter anderem dem Baukonzept zu verdanken sein dürfte: Der Haupteingang der hölzernen Halle befindet sich gleich gegenüber dem ursprünglichen. Durch einen zweiten am anderen Ende lädt sie auch Fußgänger ein, auf ihrem Weg durch die Stadt an den Ständen vorbeizuschlendern. So brachte das Konzept samt erweiterten Öffnungszeiten neue Kundschaft und Dynamik mit sich. Der Handel wurde belebt – vermutlich auch schlicht durch das Aufbrechen alter Standvergabemuster – und die Karten wurden neu gemischt. Es tummeln sich nun wöchentlich fast doppelt so viele Besucher in den Gängen und bringen um 50 % mehr Umsatz, wie die Stadtverwaltung bemerkt.

Es handelt sich also um einen vorübergehenden Arbeitsplatz mit Mehrwert im doppelten Sinn, denn wie teuer oder günstig der Bau im Endeffekt ausfallen wird, zeigt sich erst, wenn die nachfolgende Nutzung geklärt ist. Noch steht nicht fest, was mit der Halle 2019 passieren soll. Die Weitsicht und den Mut zur ursprünglichen Entscheidung lobt Architekt Mark Humphreys dennoch enorm. Der Plan, aus der Not eine Tugend zu machen, sei offensichtlich aufgegangen. Übrigens stammt auch die Inneneinrichtung samt den Marktständen aus der Architektenhand und ist ebenso wiederverwendbar.

Tengbom wird auch künftig seiner Überzeugung treu bleiben, dass eine inspirierende und funktionelle Arbeitsumgebung in jedem Fall einen Gewinn darstelle und Büro- sowie andere Bauten erschaffe, welche die Wertschätzung der darin vollführten Tätigkeiten zum Ausdruck bringen. 

Architekt Mark Humphreys: „Auch für nachhaltige Übergangslösungen ist Holz das ideale Material.“ © Christian Saltas
Architekt Mark Humphreys: „Auch für nachhaltige Übergangslösungen ist Holz das ideale Material.“ © Christian Saltas

Projektdaten

Standort: Stockholm
Fertigstellung: 2016
Planung: Tengbom
Ausführung: Peter Norlin
Systemlieferant: Metsä Wood
Nutzfläche: 1970 m2

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