Der Große imitiert den Kleinen

Trondheimer Zubau in Holzbauweise tanzt aus der Reihe

08.02.2017 – Einfamilienhäuser geben immer wieder Anlass für Nachbarschaftsdiskussionen. Egal, ob es sich um einen Neu- oder Anbau handelt: Der erdenkliche Errichtungspreis, das möglicherweise gestörte Landschaftsbild oder die Architektur selbst – klein strukturierte Wohnbauten bieten Gesprächsstoff. Ein Objekt, das gemischte Reaktionen auslöste, ist jener Zubau in Trondheim, der so gar nicht den üblichen Vorstellungen eines Anbaus entspricht. Ein junges Architektenduo, das sich vorrangig mit sozialen Auslandsprojekten international einen Namen machte, kehrte dafür in die Heimat zurück.

Ungewöhnliche Form, eigenwillige Farbgebung: Eine rot hervorgehobene Vertiefung markiert den Eingang zur Trondheimer Einfamilienhauserweiterung. © Pasi Aalto
Ungewöhnliche Form, eigenwillige Farbgebung: Eine rot hervorgehobene Vertiefung markiert den Eingang zur Trondheimer Einfamilienhauserweiterung. © Pasi Aalto
Asymmetrisch – innen wie außen. Die schräge Form der Hülle sorgt im Innenraum für Abwechslung in Kontrast zum relativ monotonen Bestandsbau. © Pasi Aalto
Asymmetrisch – innen wie außen. Die schräge Form der Hülle sorgt im Innenraum für Abwechslung in Kontrast zum relativ monotonen Bestandsbau. © Pasi Aalto

„Es ist schön zu sehen, dass kleinteilige Architektur noch immer anregt zu diskutieren, was schön und was hässlich ist, ob sich alt und neu aufeinander beziehen oder was wir an Zubauten akzeptieren können“, sagt Andreas Grøntvedt Gjertsen. Sein Partner Yashar Hanstad und er gründeten 2008 das Architekturbüro TYIN tegnestue in Trondheim. Mittlerweile weltbekannt, aber noch immer in einem Institutszimmer der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Trondheims eingemietet, heimsten die jungen Planer bereits zahlreiche Preise ein: Sie nennen den Prize for Architecture 2012, den Global Award for Sustainable Architecture 2012, den Green Planet Award 2013 sowie Nominierungen für den Brick Award, Aga Khan Preis und Mies van der Rohe Award ihr Eigen. Zu ihrem Portfolio zählen Bibliotheken, Buswartehäuschen, Waisenhäuser, schulische Einrichtungen sowie Interventionen im öffentlichen Raum. An der Westküste Norwegens oder in Thailand und Indonesien, an exotischen Standorten oder fernab von Infrastruktur haben die beiden ihre Ideen bisher verwirklicht.

Im obersten Geschoss wurde eine Galerie als Rückzugsort für die Kinder eingerichtet. © Pasi Aalto
Im obersten Geschoss wurde eine Galerie als Rückzugsort für die Kinder eingerichtet. © Pasi Aalto

Holzbau als natürlicher Teil der Arbeit

In der Praxis versuchten die beiden stets zu beweisen, wie viel Architektur um wie wenig Geld möglich ist. „Wir haben seit jeher Holz verwendet – vor allem aufgrund der norwegischen Holzbautradition. Holzarchitektur ist in Norwegen so normal wie Ziegelarchitektur in Großbritannien und deshalb ein natürlicher Teil unserer Arbeit. Wir haben es aber auch immer wieder verwendet, weil es multifunktional und im Vergleich zu anderen Materialien relativ kostengünstig ist“, erklärt Gjersten. Neben etlichen Sozialprojekten im Ausland wollten sie nun zeigen, dass ihre architektonische Herangehensweise auch in ihrer norwegischen Heimat möglich ist. Dass die beiden mit keinem gewöhnlichen Projekt in die Einfamilienhausszene einstiegen, verwundert nur wenig. Wie ein großer Bruder lehnt sich ihr Zubau schräg an den Bestand. An die Seite gestellt, imitiert der Große den Kleinen in Sachen Giebeldach. In Hinblick auf alle übrigen Kriterien hebt er sich von ihm ab.

Bruch mit Bestand, aber harmonisch

Vorerst aber zur Ausgangslage: Beim Bestandsbau handelt sich um ein in den 1950er-Jahren erbautes Einfamilienhaus. Typische Charakteristika der damaligen Zeit prägen den Bau. Der vierköpfigen Familie fehlte es an Platz. Gjertsen und Hanstad, einmal mit der Lösungsfindung beauftragt, entschieden sich für einen Bruch mit dem Bestand bei gleichzeitiger Schaffung von Harmonie. Der Fußabdruck des Holzständerbaus sollte relativ klein bleiben und die Größe des Gartens nicht maßgeblich verändern. Deshalb steht jener auf schmalem Fuß und schwillt nach oben hin an. Trotzdem passen ins Erdgeschoss der Eingangsbereich mit einem kombinierten Bade- und Waschraum. Dieser Bereich ist über einen Korridor mit dem Bestandsbau verbunden. Den zweiten Stock prägt ein Mehrzweckraum mit hoher Decke. Dies stellt einen Gegensatz zu der recht monotonen und für die damalige Zeit üblichen Raumaufteilung des Bestandsbaus dar. In die geneigte Vorderwand des Raumes ist ein quadratisches, großes Fenster eingebaut. Darunter findet sich Stauraum, der auch als Sitzgelegenheit genutzt werden kann. Diese wiederum ist Teil der Treppe, die zum Zwischengeschoss führt. Ganz oben haben die Kinder ihren geschützten Spielbereich. Birkensperrholzplatten verkleiden den gesamten Innenraum, Verschraubungen blieben gewollt sichtbar. Die unregelmäßigen Innenoberflächen und Deckenhöhen heben den Zubau innen nochmals vom Bestand ab. Die Fassade erzielt mit ihrer natürlich behandelten Kiefer außen den gleichen Effekt.

„Holzarchitektur ist in Norwegen so normal wie Ziegelarchitektur in Großbritannien und deshalb ein natürlicher Teil unserer Arbeit“, Yashar Hanstad (li.) und Andreas Grøntvedt Gjertsen.
„Holzarchitektur ist in Norwegen so normal wie Ziegelarchitektur in Großbritannien und deshalb ein natürlicher Teil unserer Arbeit“, Yashar Hanstad (li.) und Andreas Grøntvedt Gjertsen.

Glückliche Bauherren am wichtigsten

Das Haus steht in einer sehr traditionell geprägten norwegischen Gegend. Würde nicht schon die Form genügend Diskussionsstoff bieten, sind die Fenster zur Straße hin zusätzlich getönt. Nicht verwunderlich, dass es gemischte Reaktionen auf den ungewöhnlichen Zubau gab. Aber es brauche etwas „Humor“ für die Erweiterung solcherlei Bauten, behauptet Gjertsen. „Zu ernst“ würden sie sonst wirken. „Einige ziehen immer noch die Augenbrauen hoch und akzeptieren nicht, dass dies eine akzeptable Form für ein Haus ist“, erklärt er. Aber am wichtigsten ist: „Die Familie ist sehr glücklich mit dem Ergebnis, vor allem mit dem ganz neuen Raumangebot.“

Eindeutig ist, dass der Zubau herausfordert. Er lotet Grenzen aus, was innerhalb von Gebäudenormen akzeptabel ist. Für die beiden ist es durchaus positiv, dass es kaum jemanden gibt, der nicht auf den Bau reagiert. Für die jungen Planer ist darüber hinaus klar geworden: „Das Projekt beweist auch, dass die Methode, die wir im internationalen Umfeld erlernt und angewandt haben, in Norwegen Relevanz hat“, sagt Gjertsen. Weitere Einfamilienhausprojekte in der Heimat sind deshalb in Bau – allesamt in Holz.

© Pasi Aalto
© Pasi Aalto

Projektdaten

Standort: Trondheim
Fertigstellung: 2014
Planung: TYIN tegnestue
Ausführung: Hans Christian Stangvik
Nutzfläche Zubau: 48 m2

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