Timber first!

Mit 4500 Kubikmeter Holz ist das Londoner Objekt die aktuelle Nummer 1 der größten Holzbauten weltweit

© Daniel Shearing
© Daniel Shearing

08.02.2018 – Hackney galt lange als einer der ärmsten Bezirke Londons. In der Holzbauszene erlangte das Viertel aber durch einen ganz anderen Superlativ Bekanntheit: Es verfügt englandweit über die höchste städtische Dichte an Brettsperrholzbauten. Heute steht man bei 25 großvolumigen BSP-Projekten allein in diesem Londoner Bezirk. Eines der Gebäude sticht dabei besonders heraus: der volumenstarke Wohnbau in der Dalston Lane. Im November wurde er fertiggestellt. Von der „Timber First Policy“ in Hackney, der Notwendigkeit einer Backsteinhülle und der Unmöglichkeit der Stahlbetonbauweise …

Architekt Andrew Waugh;
© Waugh Thistleton
Architekt Andrew Waugh;
© Waugh Thistleton

„Wenn man in Hackney baut, muss man sich rechtfertigen, wenn man keinen Holzbau errichtet – und nicht umgekehrt“, konstatiert Andrew Waugh von Waugh Thistleton Architekten in London. Generell herrscht eine „Timber First Policy“. Angefangen hat diese Entwicklung mit dem von Waugh Thistleton 2008 errichteten Stadthaus Murray Grove. Jenes ist neunstöckig und beherbergt 29 Wohnungen. Knapp zehn Jahre später bauten dieselben Architekten im selben Bezirk zehn Stockwerke mit 121 Wohnungen. Im 33 m-Hochbau gibt es 16.000 m2 Nutzfläche. Rund 800 Menschen leben und arbeiten darin.

400.000 Ziegel für die Vertrautheit

Diesmal ist der Bau ganz aus Holz: Außenwände, tragende Wände und sogar das Stiegenhaus verzichten auf andere Baustoffe. Binderholz lieferte 4500 m3 Brettsperrholz. Einziger Wermutstropfen: innen wie außen sieht man es nicht. „Das war ein Wunsch des Bauherrn“, erklärt der Architekt. „Der Kunde verlangte nach einem Material, mit dem er vertraut war.“ Außerdem galten für den Bauplatz verschärfte Regeln in Bezug auf die Auflagen der Stadt, die vorsahen, das Ortsbild zu wahren. Nun bezieht sich die Fassade mit rund 400.000 Ziegeln auf die nahe gelegenen viktorianischen Lagerhäuser. Waugh dazu: „Unser Fokus liegt auf der Nachhaltigkeit eines Baus. In erster Linie ist unser Ziel, konventionelle Baustoffe durch Holz zu ersetzen. Und das ist gelungen.“

Innerhalb von nur fünf Monaten errichtete man den zehn Geschosse hohen Holzbau in London. © Daniel Shearing
Innerhalb von nur fünf Monaten errichtete man den zehn Geschosse hohen Holzbau in London. © Daniel Shearing
121 Wohnungen umfasst der Brettsperrholzbau in verschieden hohen Gebäudeteilen. In keiner davon ist das konstruktive Element zu sehen …
121 Wohnungen umfasst der Brettsperrholzbau in verschieden hohen Gebäudeteilen. In keiner davon ist das konstruktive Element zu sehen …
… damit kamen die Architekten Waugh Thistleton dem Wunsch des Bauherrn nach. © Daniel Shearing
… damit kamen die Architekten Waugh Thistleton dem Wunsch des Bauherrn nach. © Daniel Shearing

Eurotunnel verläuft unter dem Bauplatz

Hinzu kommt, dass der Baustoff einen weiteren Trumpf ausspielen konnte. Unter dem Gebäudekomplex verläuft nämlich der Eurotunnel, der Paris mit London verbindet. Das heißt, hohe statische Anforderungen mussten erfüllt werden. „In Stahlbetonweise wären nur zwei vierstöckige Gebäude möglich gewesen. Da Holz aber nur einen Bruchteil von Stahlbeton wiegt, konnten wir zehn Stockwerke hoch bauen.“ Über die Option der konventionellen Bauweise erklärt Waugh weiter: „Hätten wir in Stahlbeton gebaut, wäre die Bauzeit bei über zwei Jahren gelegen und wir hätten 10.000 Tonnen Beton benötigt. Für den Holzbau brauchten wir keine 18 Monate und nur 1930 Tonnen Holz. Damit haben wir den Baustellenverkehr um 80% reduziert.“

© Daniel Shearing
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Bausektor befindet sich im Umbruch

Um solch große Unterschiede zu erzielen, braucht es großvolumige Vorhaben. „Deren Bauherren neigen aber eher dazu, sich für Produkte zu entscheiden, die sie gewohnt sind.“ Und weiß verputzte Innenräume ist man gewohnt. „In Großbritannien sind Hauskäufer notorisch konservativ, wenn es um Design geht. Obwohl: Möglicherweise eben deshalb, weil sie selten Auswahl angeboten bekommen.“ Abgesehen von diesem Projekt, wickelten die Londoner Architekten eine Vielzahl an BSP-Bauten – auch im öffentlichen Bereich – ab. Bei vielen blieben Holzoberflächen sichtbar. Am Bausektor herrsche derzeit ein Umdenken. Zur Gesamtsituation im Holzbausektor hält Waugh fest: „Um maßgeblich auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen, müssen vor allem großvolumige Bauten in Holz ausgeführt werden. Generell denken wir, dass BSP die ein Jahrhundert dauernde Tradition, wie wir Gebäude bauen, auf grundlegende Art verändern kann.“ Waugh Thistleton leisten jedenfalls ihren Beitrag dazu.

Projektdaten

Standort: London
Architekt: Waugh Thistleton Architects
Holzbau: B&K Structures
Systemlieferant: Binderholz
Holzmenge: 4500 m3
Fertigstellung: 2017