Giebel vor Gipfel

Holzbau auf die (Berg-)Spitze getrieben

16.04.2018 – Wie man in der kurzen schneefreien Zeit von nur fünf Monaten auf 1744  m Seehöhe ein Um- sowie Neubauprojekt mit 160-Betten-Kapazität zum schlüsselfertigen Abschluss bringt? Mit perfekter Vorbereitung, einem hohen Vorfertigungsgrad und tadelloser Zusammenarbeit aller Beteiligten. Und nicht zuletzt, indem man den Holzbau in vielerlei Hinsicht auf die Spitze treibt. Über einen besonderen Schutzhüttenbau.

Die Lindauer Hütte im Montafon ist ein beliebtes Ausflugsziel – seit den Um- und Neubaumaßnahmen in Holzbauweise umso mehr. © Vorhammer
Die Lindauer Hütte im Montafon ist ein beliebtes Ausflugsziel – seit den Um- und Neubaumaßnahmen in Holzbauweise umso mehr. © Vorhammer

Bauen am Berg ist zweifelsohne speziell. Ungewisse Transportwege, schroffe Wetterbedingungen und unwegsames Gelände sind nur drei Faktoren, die eine Baustelle im Gebirge beschreiben. „Es funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagt Siegfried Fritz, Geschäftsführer von Fritz Holzbau im Montafon. Hierin stimmen die beiden planenden Architekten mit dem Holzbauunternehmer überein und formulieren weiter: „Bauen am Berg geht auch nur mit guten Transportunternehmen und die hatten wir bei diesem Projekt.“ Mit „diesem Projekt“ meint Andreas Kreft, einer der beiden Architekten, den Um- und teilweisen Neubau der Lindauer Hütte auf 1744 m Seehöhe am Ende des Gauertals.

So gestaltete sich die Ausgangssituation.
So gestaltete sich die Ausgangssituation.
Das Gebäudeensemble heute – ganz rechts das Haupthaus, in der Mitte das neu errichtete Schlafhaus und links das aus dem Bestand erwachsene Personalhaus. © Vorhammer
Das Gebäudeensemble heute – ganz rechts das Haupthaus, in der Mitte das neu errichtete Schlafhaus und links das aus dem Bestand erwachsene Personalhaus. © Vorhammer

Was 1898 als Einraumhütte begann

Seit der bei Lindau aufgewachsene Jungarchitekt zwölf Jahre war, wird er als Mitglied beim Deutschen Alpenverein geführt. Immer wieder zog es ihn dadurch sommers wie winters auf die Lindauer Hütte. „Deshalb ist mir der Bauort sehr vertraut.“ Die Hüttengeschichte reicht aber weit vor seine Jugendjahre zurück und ist von stetiger Veränderung geprägt. Was 1898 als Einraumhütte in Besitz des Deutschen Alpenvereins der Sektion Lindau begann, wuchs sich bis heute zu drei Bauteilen mit einer Kapazität von 160 Schlafplätzen aus. Dazwischen gab es aufgrund des starken Zulaufes immer wieder einmal Umbaumaßnahmen. 1930 kam beispielsweise ein Schlaf- neben dem Haupthaus zu stehen. Weitere kleinere Aus, An- und Umbauten folgten. 1973 fügte man ein Personalhaus hinzu. 2008 baute man das Haupthaus um, indem man den Dachstuhl anhob und damit dem zentralen Element des Gebäudeensembles wieder mehr Prägnanz verlieh.

© Vorhammer
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Einzelne Solitäre erhalten

2014 gestaltete sich die Ausgangssituation für Kreft und seine Kollegin Carolin Dissmann – gemeinsam setzten sie sich innerhalb eines geladenen Ideenwettbewerbs gegen drei weitere Entwurfsvorschläge durch – folgendermaßen: Zum Bestand zählte das Haupthaus, das unberührt bleiben sollte, da erst 2008 Erneuerungen stattfanden. Das vormalige Schlafhaus, das brandschutztechnisch, statisch, energetisch und ausstattungsbedingt einer Generalüberholung bedurfte, sollte neu gebaut werden. Dazu war eine Sanierung des Personalhauses gefordert. „Wir wollten das ursprüngliche Erscheinungsbild einzelner Solitäre erhalten“, erklärt Kreft. So wurde der Bestand geteilt und dessen Giebel um 90 Grad gedreht. In der Mitte entstand ein komplett neues Schlafhaus und daneben wurde das verbleibende alte Personalhaus rückgebaut. Dabei blieb die Grundstruktur erhalten, der Giebel wurde neben der 90-Grad-Drehung auch niedriger gesetzt. In Hinblick auf die Wahl des Baumaterials entschieden sich  Kreft und Dissmann vor allem aufgrund der Bauzeitverkürzung für Holz. Beim Architekturstudium an der Technischen Universität München lernten sie unter Univ.-Prof. Hermann Kaufmann diesen Vorteil und andere Vorzüge des Holzbaus bereits kennen. Es sollte also nach diesen Prinzipien gebaut werden.

Logistik greift in Planung ein

Den Keller des neuen Schlafhauses erstellte man in einer Zweischalen-Betonbauweise mit vorgefertigten Elementen. Auf diesem Sockel entstand der Neubau in Holztafelbauweise mit BSH-Massivholzdecken. „Es war uns ein Anliegen, die ausführenden Unternehmen sehr früh einzubeziehen. Der Austausch bedeutet, dass wir uns nicht auf Einzelheiten versteifen, sondern vorhandenes Spezialwissen in unsere Planung miteinfließen lassen“, sagt Dissmann. Dieses Wissen steuerten Holzbau Fritz sowie Bauleiter Horst Rummel von Hand & Fuss bei. Die Baustelle wurde in nur fünf Monaten inklusive Abriss abgewickelt. Dies bedeutete eine einjährige Planungsphase bis ins kleinste Detail. Natürlich war der Anspruch an die Vorfertigung nicht minder herausfordernd. „Fenster, Türen, Dämmung, Leerverrohrungen, Elektrik – wir mussten alles perfekt vorbereiten, um die kurze Bauzeit einhalten zu können“, betont Fritz. Dann ging es mit den fertigen Elementen auf die 20 km entfernte Baustelle. „In Vorgesprächen haben wir alle Unvorhersehbarkeiten mit den Architekten vorweggenommen.“ Zwar führt ein schmaler Güterweg zur Hütte, der mit Einschränkungen befahren werden konnte, „doch durften einzelne Bauteile gewisse Maße nicht überschreiten. Das mussten wir bei der Planung berücksichtigen“, erklärt Kreft. Die Überlegung, Brettschichtholz-Deckenelemente in den Abmessungen von 62,5 cm Breite und 12 m Länge zu verwenden, hängt deshalb mit der Anlieferung zusammen. „Anfangs waren Brettsperrholzdecken angedacht, die wären aber zu groß gewesen“, heißt es vonseiten des Holzbau-Meisters.

Architekt Andreas Kreft, Architektin Carolin Dissmann und Holzbau-Meister Siegfried Fritz sind sich einig: „Bauen am Berg funktioniert nur, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.“
Architekt Andreas Kreft, Architektin Carolin Dissmann und Holzbau-Meister Siegfried Fritz sind sich einig: „Bauen am Berg funktioniert nur, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.“

Auch innen alles in Holz

Der Anspruch an die Innenraumgestaltung war ebenso hoch. Ziel war es, die großen Massenlager zu reduzieren, die Schlafmöglichkeiten aber trotzdem schlicht zu halten. Es gibt keine Einzelzimmer. Zwei- bis Achtbettzimmer mit Etagenduschen – wie das für Schutzhütten der Kategorie 1 vorgesehen ist – kamen zur Anwendung. Zur schlichten, aber trotzdem hochwertigen Gestaltung passt es gut, dass es keinen WLAN- und Handyempfang gibt. Im Inneren bestimmt unbehandeltes Fichtenholz das Erscheinungsbild an der Decke und den Wänden. Das Treppenhaus besteht aus Eiche. Das Altholz an der Wand einer Leseecke stammt aus alten Balken des ehemaligen Schlafhauses. Lärchenfenster und -türen sowie geölte Lärchenböden vervollständigen die Holzverwendung.
Preislich sprach ebenfalls alles für die Ausführung als Holzbau: „Die viel kürzere Bauzeit rechtfertigt die Holzbauweise am Berg nicht nur, sie macht die geringfügig höheren Investitionskosten auch wieder wett“, konstatiert Kreft. Abschließend fügt er hinzu: „Es liegt letztendlich auch an den Architekten, vermehrt über den Holzbau und die Materialwahl nachzudenken, um ein Umdenken stattfinden zu lassen.“

Im vergangenen Jahr zog die Lindauer Hütte als beliebtes Ausflugsziel sowohl für hochalpin Anspruchsvolle als auch Einsteiger unter den Wanderern etwa 50.000 Tages- und 15.000 Übernachtungsgäste an. Sie sind es, die neben dem Hüttenpersonal alle neuen Vorzüge genießen. Hüttenwirt Thomas Beck, der den Betrieb seit 18 Jahren bewirtschaftet und von Beginn in die Planung involviert war, tut dies jedenfalls. Die Resonanz der Gäste sei ebenso gewaltig: „Am besten gefällt, dass wirklich alles in Holz ist – vom Boden bis zur Decke. Speziell Leute aus der Stadt heben immer die wohlige Wohnatmosphäre der hellen, freundlichen Räume hervor.“ Die Betrachtung im Detail beweist also: In die Höhe transportiert, maximal vorbereitet, in kürzester Zeit montiert sowie in höchster Qualität ausgeführt – hier wurde der Holzbau wortwörtlich auf die (Berg)-Spitze getrieben.

60 Betten verteilen sich auf Lager unterschiedlicher Größe.
60 Betten verteilen sich auf Lager unterschiedlicher Größe.
Diese Leseecke befindet sich im Verbindungstrakt zwischen Personal- und Schlafhaus. Das Altholz an der Wand stammt von alten Balken des Bestandsbaus. © Vorhammer
Diese Leseecke befindet sich im Verbindungstrakt zwischen Personal- und Schlafhaus. Das Altholz an der Wand stammt von alten Balken des Bestandsbaus. © Vorhammer

Projektdaten

Standort: Gauertal
Fertigstellung: 2016
Architektur: Andreas Kreft, Carolin Dissmann
Bauleitung: Hand & Fuss
Holzbau: Holzbau Fritz
Holzmenge: 70 m3 BSH, 400 m2 Holztafelbau
Systemlieferant BSH: best wood SCHNEIDER

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