Winterthur macht dicht

Städtische Bebauungsidee folgt Holzbaurhythmus

25.05.2018 – Als 2013 im Schweizer Stadtentwicklungsgebiet Winterthur-Neuhegi der Mehrgenerationen-Wohnbau „Giesserei“ entstand, versetzten dessen Größe und Ausprägung so manch einen Holzfreund in Entzücken. Was aber ein paar Hundert Meter entfernt gerade ins Baufinale geht, übersteigt dessen Ausmaß noch einmal bei Weitem. Rund 300 Wohnungen und 10.000 m3 Holz stecken in „sue&til“, dem bisher größten Schweizer Wohnbau in reiner Holzbauweise. Bis Ende des Jahres sollen alle Einheiten bezogen sein.

300 Wohnungen und publikumsorientierte Erdgeschossflächen vereint „sue&til“ in Winterthur-Neuhegi in sich. Spätestens Ende des Jahres wird der Holzrahmenbau vollständig bezogen sein. © Implenia
300 Wohnungen und publikumsorientierte Erdgeschossflächen vereint „sue&til“ in Winterthur-Neuhegi in sich. Spätestens Ende des Jahres wird der Holzrahmenbau vollständig bezogen sein. © Implenia

In Winterthur wächst am ehemaligen Industriegelände des Maschinenbauers Sulzer neben der zentralen Altstadt in Neuhegi eine zweite urbane Mitte heran. Die Vision: Arbeitsplätze, verdichtetes und energiesparendes Wohnen, attraktive Freiräume und eine nachhaltige Verkehrserschließung an einem Platz. Kurzum, eine Stadt der kurzen Wege. Der ambitionierte Plan scheint aufzugehen. Viel Grün ist Programm – mit dem Eulachpark pflanzte man 2013 den größten Winterthurer Park, zwischen den einzelnen Bebauungsclustern finden sich reichlich Wiesenflächen. Sowohl Gewerbe- als auch Wohnbauprojekte sind auf Nachhaltigkeit und Minergiestandard bedacht. Naturgemäß passt der Holzbau deshalb gut ins Konzept dieser Neustadt. Mit „sue&til“ setzten nun die Stadt, Investor Allianz Suisse sowie das Unternehmen Implenia, das in diesem Fall Grundeigentum, Projektentwicklung und Holzbaufertigung in sich vereint, auf 12.800 m2 ein gemeinsames Zeichen. Der 300-Wohnungen-Bau ist bis auf das betonierte Erdgeschoss und die Stiegenhäuser als reiner Holzbau ausgeführt.

Bei einem Volumen von 40.000 Quadratmetern Nutzfläche wendete man rund 10.000 Kubikmeter Holz für den Rahmenbau mit Brettstapeldecken auf. © weberbrunner
Bei einem Volumen von 40.000 Quadratmetern Nutzfläche wendete man rund 10.000 Kubikmeter Holz für den Rahmenbau mit Brettstapeldecken auf. © weberbrunner

Es galt, die „Masse“ zu gliedern

weberbrunner architekten, die den Komplex inklusive publikumsorientierter Erdgeschossflächen gemeinsam mit soppelsa architekten planten, hatten sich dem städtebaulichen Masterplan des gesamten Gebietes unterzuordnen. „Der Wohnbau sollte entlang des Straßenrasters und mit Bedacht auf öffentliche Plätze reagieren.“ Ansonsten galt es, „die Masse zu gliedern und für Wohnungsvielfalt zu sorgen“, erläutert Architekt und Geschäftsführer Boris Brunner die Fülle der 300 Wohneinheiten. Trotz all der Anforderungen an die Struktur ergab sich kein monotones, lebloses Gebilde. Ganz im Gegenteil. Unterschiedliche Gebäudehöhen, ein bis zwei Attikageschosse und belebende Innenhofsituationen führten zu einem attraktiven Wohnambiente. Bis zu sechs Geschosse hoch ist der Gebäudekomplex mit insgesamt 40.000 m2 oberirdischer Nutzfläche – aufgeteilt auf Gewerbeflächen sowie 80 % Miet- und 20 % Eigentumswohnungen.

Aus insgesamt 250.000 Holzteilen besteht der gigantische Bau – da kommt es auf eine präzise Arbeitsweise an. © Implenia
Aus insgesamt 250.000 Holzteilen besteht der gigantische Bau – da kommt es auf eine präzise Arbeitsweise an. © Implenia

Metallfassade ließ keine Toleranzen zu

250.000 Holzteile – jedes einzelne nummeriert und bis zu 14 m lang – wurden am Implenia-Produktionsstandort in Rümlang gefertigt und anschließend auf die rund 30 km entfernte Baustelle transportiert. Die Holzrahmenelemente für den Wandaufbau schloss man innen mit einer Gipsfaserplatte ab. Dahinter reihen sich 60 mm Mineralwolle und der Installationsrost, eine 15 mm dicke OSB sowie eine 280 mm starke Isofloc- Zellulosedämmung innerhalb der Brettschichtholzstützen der Festigkeitsklasse GL24h. „Auf dem Ständerwerk wurde außen vollflächig 27 mm Rauspund montiert, um die Profile für die Unterkonstruktion nach Belieben setzen zu können“, erklärt Adrian Ulrich, Projektleiter Holzbau bei Implenia. Nach der Hinterlüftungsebene von 50 mm folgt die 4 mm-Alucobond-Fassade. „Die dünne Schicht aus Aluminium schützt den Holzkern wirkungsvoll und reflektiert die Farben der Umgebung“, rechtfertigt Brunner das äußerliche Verschleiern des Holzkerns. Und auch Ulrich hat noch etwas zur Hülle hinzuzufügen: „Die Metallfassade ließ keine Toleranzen zu, folglich musste die Holzkonstruktion sehr genau aufgerichtet werden. Das war bestimmt eine der größten Herausforderungen des Projekts.“

"Für einen Planer ist es essenziell, dass von Beginn an feststeht, dass die Ausführung in Holzbauweise erfolgt."
Boris Brunner, Architekt
"Für einen Planer ist es essenziell, dass von Beginn an feststeht, dass die Ausführung in Holzbauweise erfolgt."
Boris Brunner, Architekt

Holzbauweise: Vorgabe

Weberbrunner Architekten kamen schon mit Holzbau in Berührung, doch „in dieser Konsequenz gingen wir mit ‚sue&til’ unser bisher größtes Holzbauprojekt an“.Dabei gewann Brunner eine Erkenntnis: „In Vergleich zum konventionellen Bau verschiebt sich die Zeitachse. Man tut gut daran, dem Holzbau sehr bewusst gegenüberzutreten und die Planung muss in der Zeitachse sehr früh stattfinden.“ Darüber hinaus setzt der Architekt ein zusätzliches Statement: „Es ist essenziell, dass von Beginn an feststeht, dass die Ausführung in Holzbauweise erfolgt. Das ermöglicht es dem Planer, die Eigenheiten des Holzbaus bereits im Entwurf zu berücksichtigen.“ Das meint er sowohl strukturell als auch normativ. Dies war hier der Fall. „Wir folgten von Beginn an dem Holzbaurhythmus.“ Und trotz der Metallfassade ist er der Überzeugung: „Man muss spüren, dass man sich in einem Holzbau befindet.“ Deshalb sind im Inneren die Brettstapeldecken in den Wohnräumen auf Sicht belassen. Lediglich iin der Grundrissmitte verkleiden Gipskartonplatten die Gebäudetechnik. 20 betonierte Stiegenhäuser dienen der  Erschließung.    

Weitere Holzbauprojekte geplant

Das Leuchtturmprojekt nach Schweizer Minergie-Standard soll reichlich Nachahmung finden, wenn es nach dem Projektentwickler Implenia geht. „Aus unserer Haltung gegenüber einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie versuchen wir, Holz gezielt in unseren großen Entwicklungsprojekten einzusetzen“, konstatiert Adrian Wyss, Geschäftsbereichsleiter Modernisation & Development bei Implenia. Mit 8000 Mitarbeitern in 14 Ländern fällt eine solche Aussage des europaweit tätigen Baudienstleisters mit eigener Holzbauabteilung durchaus ins Gewicht. Der Umsatz von Implenia Holzbau lag 2017 bei 27 Mio. €. Das ist allerdings nur ein kleiner Bruchteil des gruppenweiten Umsatzes von rund 3,2 Mrd. €. Von einer Steigerung des Segments ist aber auszugehen. Neben „sue&til“ sind bereits weitere Großprojekte in Holz in Entwicklung oder kurz vor der Ausführung, so auch der Wohnbau „Krokodil“ in der Lokstadt in Winterthur. „In diesem Sinne ist der Holzbau für uns wichtig und wir wollen unsere Position auch als einer der führenden Holzbauer der Schweiz festigen und ausbauen.“
Die ersten Mieter haben ihr „sue&til“-Quartier bereits bezogen. Bis spätestens Ende des Jahres soll das Objekt vollständig vergeben sein. Bedarf sei reichlich vorhanden, hört man. Somit muss Winterthur wahrscheinlich bald wieder dicht machen – und das noch häufiger in Holz. 

© Implenia
© Implenia

Projektdaten

Ort: Winterthur-Neuhegi
Fertigstellung: August 2018
Nutzfläche: 40.000 m2
Bauherrschaft + Holzbau: Implenia Schweiz
Holzmenge: 10.000 m3
Architektur: weberbrunner architekten; soppelsa architekten

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