Neuland betreten

Experimentelles Bauprojekt in Berlin wird zum Vorbild

27.06.2018 – In Berlin-Wedding soll ein Siebengeschosser aus Holz ab Herbst das Miteinander fördern. In drei Gebäuden, die mit Brücken verbunden sind, entstehen 15 Großraum-Wohnungen für Bewohner, die nicht an der konventionellen und oft anonymen Lebensweise in Mietwohnungen interessiert sind.

© DU
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Holz ist im Geschosswohnbau mancherorts noch immer ein Material für Experimentierfreudige, da es entweder an rechtlichen Grundlagen oder erfahrenen Planern mangelt. In Berlin lässt man sich davon aber nicht abschrecken. Neben Bestrebungen, im öffentlichen Bau verstärkt auf Holz zu setzen, sowie der generellen Bevorzugung von Holz bei Ausschreibungen zeichnet sich in der deutschen Hauptstadt auch bei gewerblichen Bauherren der Hang zu mehr Nachhaltigkeit ab. Das gerade in Bau befindliche Projekt „Gemeinschaftswohnen im Wedding“ in der Lynarstraße dient schon vor Fertigstellung als Vorzeigeobjekt: Zahlreiche Besucher – darunter Bauinteressierte und Entscheider – haben die Baustelle bereits besichtigt. Kaum einer hat sich von der sauberen, schnellen Art, in urbanem Raum zu bauen, nicht begeistern und überzeugen lassen. 

Im Oktober soll der Vorzeigeholzbau in der Berliner Lynarstraße fertiggestellt werden …
Im Oktober soll der Vorzeigeholzbau in der Berliner Lynarstraße fertiggestellt werden …
… und sich ab dann mit einer Holzfassade präsentieren.© SWP
… und sich ab dann mit einer Holzfassade präsentieren.© SWP

Hier wurde Neuland in dreierlei Hinsicht betreten. Ein dreiteiliger Siebengeschosser, der ab der ersten Etage samt Aufzugsschacht komplett aus Holz konstruiert ist, wurde maßgenau in ein zuvor ungenutztes Grundstück direkt neben Bahngleisen eingepasst. Ab kommendem Herbst wird der Bau auch für die Mieter zur „Wundertüte“, denn bis jetzt konnte keiner von ihnen die positive Erfahrung des Wohnens in einem Holzbau genießen. 

In 15 Großraum-Wohnungen erhalten 88 autarke Einheiten zu – für Berliner Verhältnisse – unschlagbaren Mietpreisen Platz. Die Einheiten teilen sich Gemeinschaftsflächen, die laut der Planung des Architekten bewusst zum Dialog unter den Mietern anregen sollen. Zu den ersten Mietern des Sozialwohnbaus zählt eine Flüchtlingsgruppe. Im Erdgeschoss finden eine Kita, eine Obdachlosenküche, eine Niederlassung der Diakonie sowie eine Demenzwohneinheit ein Zuhause. Im Dachgeschoss sollen die attraktivsten Wohnungen durch Vermietung am Markt bei der Gesamtfinanzierung helfen. Der Bauherr, die Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“, beauftragte den Generalunternehmer SCHÄFERWENNINGERPROJEKT GmbH  (SWP) mit der Erstellung der Genehmigungsplanung und – nach einer offiziellen Ausschreibung – auch der Detailplanung und Bauleitung.

„Wir wollen weitere Entscheider und Bauherren für den Holzbau begeistern und entwickeln ein Konzept zur seriellen Fertigung.“ – Bauleiter Felix Hiller; © DU
„Wir wollen weitere Entscheider und Bauherren für den Holzbau begeistern und entwickeln ein Konzept zur seriellen Fertigung.“ – Bauleiter Felix Hiller; © DU

Da ein so großes Bauvorhaben in Holz viel Werkstoffkunde und gewisse Kapazitäten erfordert, wandte man sich für die Ausführung an die Holzunion, welche in enger Zusammenarbeit mit SWP auch maßgeblich bei der Planung unterstützte. Dieser Zusammenschluss von sechs Gesellschaftern bündelte die Holzbauexpertise mit jener spezieller Lieferanten und man war bereit, sich der Herausforderungen dieses „Experiments“ zu stellen. „Ein einzelner Holzbaubetrieb hätte im Falle von Verzögerungen Probleme mit der Kapazitätseinteilung bekommen“, erklärt Bauleiter Felix Hiller.

Ein Rekord für den Wald: 19 Minuten

Drei Gebäude reihen sich hintereinander auf der schmalen Fläche und sind mit Brücken miteinander verbunden. Hinter einer unbehandelten Douglasienfassade verbirgt sich die innen großteils sichtbare Kon-struktion aus Brettschicht- und -sperrholz. Um den CO2-Fußabdruck gering zu halten, stammt das Holz ausschließlich aus Wäldern Zentraleuropas, in denen die verbauten 3700 m3 innerhalb von nur 19 Minuten nachwachsen, wie auch Passanten mittels Information an den Baustellenzäunen vermittelt wird. Aufklärung und Inklusion hören hier nicht an der Grundstücksgrenze auf. Nachdem das Erdgeschoss aus Stahlbeton realisiert worden war – hierfür spielten sowohl die hohe Bodenfeuchte im abschüssigen Grund als auch die statisch erforderliche Dimensionierung eine Rolle –, nahmen die Gebäude rasant an Höhe zu. „Im Prinzip lief es so ab“, fasst Hiller zusammen: „Montags wurden die Holzrahmenbau-Außenwände exakt platziert. Am Dienstag folgten tragende Pfosten-Unterzug-

Konstruktionen aus Fichten-BSH. Die bis zu 20 m langen BSP-Deckenelemente wurden vom Kran am Mittwoch positioniert. Am Donnerstag wurde alles verschraubt, sodass Folgegewerke sich ab Freitag in einem trockenen Rohbau verwirklichen konnten.“ Die mögliche Baugeschwindigkeit und hervorragende Maßgenauigkeit bestätigten Bauherren und Geschäftspartner bei der Baustoffwahl. 

© Heiko Seen
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Bewusst überdimensioniert

Zugang zu den Stockwerken erhält man über ein außen liegendes Treppenhaus, welches den Bau nicht nur optisch interessanter erscheinen lässt, sondern so auch keinen Raum im Gebäudeinneren belegt und zudem dank der Mineraldämmplatten an den entsprechenden Außenwänden als sicherer Fluchtweg im Brandfall dient. Die tragende Konstruktion ist so ausgeführt, dass sie durch eine ausgeklügelte Überdimensionierung der Holzbauteile im Brandfall 90 Minuten standhält. Das bestätigt auch ein gesondert angefertigtes Gutachten eines externen Sachverständigen. Den Lärmpegel der benachbarten Bahngleise halten Holzfenster mit Dreifachverglasung und speziellem Scheibenaufbau draußen. Um auch innen den Schall in seine Schranken zu weisen, sind alle Bauteile mit Schalldämmbändern voneinander entkoppelt.

Die Projektpartner haben es sich zum Ziel gesetzt, die erlangte Erfahrung mit dem Holzbau zu nutzen, um derartige Gebäude künftig seriell fertigen zu können. „Vieles von dem, was vor Projektstart für uns noch Neuland war, konnten wir mit vereinten Kräften bereits im ersten der drei Gebäude einwandfrei und effizient lösen. Das erlangte Wissen wollen wir bewahren, um mehr Verantwortliche für den Holzbau zu begeistern“, schließt Hiller.

© Heiko Seen
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Projektdaten

Standort: Berlin Lynarstraße
Baustart: 9 / 2017
Start Holzbau: 11 / 2017
Fertigstellung Holzbau: 5 / 2018
geplante Gesamtfertigstellung: 10 / 2018
Geschosse / Höhe: 7 / 22 m
Wohneinheiten: 88
Holzvolumen: ca. 3700 m3
Bauherr: WBG „Am Ostseeplatz eG“
Bauleitung und Architektur: SWP
Holzbau: Holzunion

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