Das Material als Lehrmeister

Angehende Architekten bauen ihre eigene Modellwerkstatt

10.09.2018 – Wenn künftige Architekten eine neue Lehrwerkstatt benötigen, bauen sie diese natürlich selbst. Bachelorstudenten der Universität Liechtenstein kamen so in den Genuss, Holz und dessen Eigenheiten persönlich zu erfahren. Um den Lerneffekt zu multiplizieren, planten die Ambitionierten ihr Werk nicht am Computer, sondern experimentierten mit Werkstoff und Methodik bis zum gewünschten Ergebnis.

Architekturstudenten bauten sich ihre eigene Modellwerkstatt in Holzbauweise. © Bruno Klomfar
Architekturstudenten bauten sich ihre eigene Modellwerkstatt in Holzbauweise. © Bruno Klomfar

Dem modernen, eher linearen Prozess aus Berechnungen und Daten, dem ein Gebäude für gewöhnlich entspringt, geht nach Meinung der Architekturdozenten Urs Meister und Christoph Frommelt einiges von der Interaktion mit dem Werkstoff verloren, aus dem der Künstler seine Vision erschaffen möchte. In einem Workshop hieß es für die angehenden Architekten der Universität Liechtenstein daher: „Zurück zu den Wurzeln, um daraus Neues zu erschaffen“. Man ließ sie mit Holz experimentieren, Prototypen anfertigen, Formen erkunden und die Beschaffenheit und Besonderheiten des Werkstoffs begreifen.

Aus der ersten Idee entstand so ein Rohentwurf, der zu weiteren Ideen führte – „entwerferisches Echo“ nennen dies die Profis. Mit Unterstützung der Zimmerei Frommelt gelang auch die Realisierung, bei der man selbst mit Hand anlegte, anstatt sich alles lediglich im dreidimensionalen, digitalen Entwurf anzusehen. Vorstellungskraft und Realitätswahrnehmung wurden dabei geschärft. Der Sommerworkshop brachte im Rahmen des Erasmus+ Programms »Crafting the façade« Studierende unterschiedlicher Jahrgänge und Nationalitäten zusammen. Die Amsterdamer Academie van Bouwkunst (AHK) und die Mackintosh School of Architecture, Glasgow/UK, unterstützten dieses einzigartige Projekt.

Nicht nur die Planung, sondern auch die Montage des Baus übernahmen die Studenten.
Nicht nur die Planung, sondern auch die Montage des Baus übernahmen die Studenten.
Unterstützt wurden sie von der Zimmerei Frommelt. © Bruno Klomfar
Unterstützt wurden sie von der Zimmerei Frommelt. © Bruno Klomfar
© Bruno Klomfar
© Bruno Klomfar

Mit Spannung am Werk

Aus Holzbrettern und -balken entstanden nach und nach strukturelle Konzepte, die sich zur finalen Grundkonstruktion aus 320 gebogenen Holzlamellen von 5 m Länge entwickelten. Der Prototyp mit einer Fläche von 72 m2 machte das Rennen unter verschiedenen Tragstrukturen, deren Vor- und Nachteile im Vorfeld analysiert und abgewogen wurden. Die Bretter sind bogenförmig verformt – dazu in mühsamer Detailarbeit stellenweise in die passende Stärke gehobelt – und auf einer fix montierten Lehre, um die halbe Breite versetzt, wellenförmig unterspannt. Dank der so genutzten Gegenspannung ermöglichen die feinen Bretter dennoch die gewünschte Höhe. Die Verbindungen zwischen Ober- und Untergurt realisierte man mit verleimten Hartholzkeilen und gezielt gesetzten, sichtbaren Schrauben.

Die Dachelemente von 1 m Breite sind in sich stabil und trotzdem leicht in der Handhabung. Einem gerafften Vorhang ähnelnd, umspielen sie die darüber liegende, in Längsrichtung stabilisierende Bretterlage, welche zudem als Unterlage für eine Dämmebene, Hinterlüftung und die Fassade aus Lärchenschindeln fungiert. Dieses Zusammenspiel aus Filigranität, Spannung und sich ergänzenden Strukturen repräsentiert dabei die Eigenschaften des Werkstoffes selbst.

_du / Quelle: Universität Liechtenstein