Gewissheit, dass Holzbau funktioniert

Tragwerksplaner Pirmin Jung über die Grenzen des Holzhochbaus

Tragwerksplaner Pirmin Jung © Kathrin Lanz
Tragwerksplaner Pirmin Jung © Kathrin Lanz

14.01.2019 – Derzeit verschieben sich die Grenzen des Holzhochbaus weltweit nach oben. Dass dies überhaupt möglich ist, daran haben Tragwerksplaner einen großen Anteil. Der Schweizer Pirmin Jung, der mit seinem Büro unter anderem für die Planung des bereits in Bau befindlichen 60 m-Büroturms in Zug mitverantwortlich ist, gibt Einblicke in die spannende Thematik. Er erzählt, wie hoch für ihn hoch genug ist, warum er Planern auch einmal einen Betonbau empfiehlt und weshalb bei Großbaustellen in der Rechenleistung nicht der höchste Aufwand liegt.

? Die Zunft der Holzbauingenieure unterstützt Architekten bei der Planung. Simpel erklärt?

!
Ja, genau. Der Architekt entwirft Bilder – wir schauen, wie man diese holzbautechnisch umsetzen kann. Dabei ist es unser Anspruch, ihn möglichst von Beginn an zu begleiten. Damit kann der Planer Rücksicht auf unsere Inputs nehmen.

? Dabei geht diese Unterstützung tatsächlich weit über die Tragwerksplanung hinaus? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

!
Wir kümmern uns auch um den konstruktiven Holzbau inklusive der Verkleidungen und Schnittstellen zu den anderen Gewerken. Unser Detailkatalog kann bei einem Mehrfamilienhaus schon einmal 30 bis 50 Seiten umfassen. Aufgrund dieser Planung erstellen wir eine detaillierte Leistungsausschreibung, auf deren Basis ein Holzbauer beauftragt wird. Nach der Vergabe werden die Details gemeinsam besprochen und hinterfragt. Ebenfalls als unsere Aufgabe sehen wir die Kostenplanung Holzbau vom ersten Planungsschnitt an. Und wir begleiten die Ausführung mit Kontrollen im Werk und auf der Baustelle. Meine Mitarbeiter haben entweder eine Zimmermann- oder Tischlerausbildung – das heißt, sie sprechen die Sprache der Handwerker. Und ich schlafe dadurch in der Nacht ruhig, weil auf meine Leute Verlass ist.

? So sieht also der Idealfall aus. Aber gibt es auch Fälle, wo die erste Entwurfsplanung einem Holzbau ganz und gar nicht entspricht?

! Ja, das passiert durchaus. Da sage ich dann: ‚Das ist kein Holzbau. Ich bringe die Lasten nicht sauber unter. Komm wieder mit einer Holzbauplanung.’ Die Architekten schätzen das. Grundsätzlich gilt: Zu einem späten Zeitpunkt auf den Holzbau zu wechseln, wird immer teurer. Da ist es klüger, noch einmal einen Betonbau zu empfehlen.

? Anders gefragt: Wurden Sie schon von Architekten enttäuscht, weil sie Ihre Einwände nicht ernst nahmen?

! Ja, das gibt es genauso. Ich bin der Meinung, dass der Bauherr darüber informiert werden soll. Beispielsweise muss er wissen, dass eine Holzfassade ohne Vordach unterhaltsintensiver ist. Wichtig ist ehrliche, offene Kommunikation – von Anfang an.

? Bei holzbauerfahrenen Architekten kommt so etwas wahrscheinlich seltener vor. Was empfehlen Sie Holzbaueinsteigern, um Fehler zu vermeiden?

! Am Anfang hatte kaum ein Architekt Ahnung vom Holzbau. Schwierig ist es, wenn der unerfahrene Architekt auf seine Ideen fixiert ist und nicht auf uns hört. Viel besser ist es – für das Projekt und die Zusammenarbeit –, wenn man als gleichwertiger Partner zusammenarbeiten darf – wie dies mit den bekannten Architekten Herzog & de Meuron geschieht. Es wird gemeinsam eine Lösung gesucht, die für beide passt. Prinzipiell kommt es also nicht darauf an, ob die Planer holzerfahren sind oder nicht, sondern darauf, wie die Zusammenarbeit funktioniert.

? Der 60 m-Büroturm in Zug, den Sie mitgeplant haben, ist das höchste Ihrer bisherigen Projekte – wie groß war die Herausforderung? Und worin lag sie?

! Das Projekt ist das höchste, aber nicht das volumenmäßig größte, das stimmt. Planungstechnisch hatten wir schon herausforderndere Projekte. 60 m hohe und je 4 m lange Stützen übereinander zu planen, war aber sicherlich spannend. Um wie viel muss ich die Stütze erhöhen, damit wir die Absenkung gegenüber dem Betonkern im Griff haben? Aber noch intensiver gestaltet sich die Koordination auf der Baustelle. Die Sicherheitsgewährleistung für die Holzbauer bei der Montage sowie den Feuchteschutz während des Bauprozesses bei so hohen Gebäuden darf man ebenfalls nicht unterschätzen. Weiteres Kriterium ist der Termindruck. Im April 2017 fand der Spatenstich statt, im Juli 2019 soll der Bau dem Bauherrn übergeben werden.

? Im Moment planen Sie noch höher: Sie sind in einem Wettbewerbsteam für einen 80 m-Turm, der ebenfalls in Zug entstehen soll. Die Grenzen verschieben sich immer mehr nach oben – wie hoch ist für Sie hoch genug?

! Ich bin überzeugt, dass es solche Briefmarken braucht – plötzlich sprechen alle über Holzbau. Geld wird aber mit Vier- bis Achtgeschossern verdient, das ist klar. Aber ich denke, dass planerisch auch das geplante 350-Holzhochhaus in Tokio möglich sein wird. Ich sage nicht, dass wir das heute schon können. Die Fertigstellung ist ja erst für 2041 geplant, das heißt, es bleibt noch Zeit für Forschung. Aber wenn ich sehe, was sich in den vergangenen 25 Jahren getan hat: Hätten wir damals gesagt, dass wir ein 80 m-Holzhaus bauen oder der mehrgeschossige Holzbau selbstverständlich wird, das hätte uns keiner geglaubt. Das ist ja das Schöne – dieser globale Gedanke, der den Holzbau vorantreibt.

Zur Person

Pirmin Jung erlernte den Beruf des Zimmermanns, um danach in Biel das Fachhochschul-Studium zum Holzbauingenieur zu absolvieren. 1996 startete er als Einmannbetrieb. Aus der Einzelfirma entstand ein Ingenieurunternehmen für Tragwerksplanung, Brandschutz und Bauphysik mit über 70 Planern an vier Standorten, einer in Sinzig in Deutschland. Zwei Drittel sind Holzbauingenieure, ein Drittel beschäftigt sich mit Bauphysik und Brandschutz.

_kl