Bauerngehöft fein seziert

Holz erweist sich einmal mehr als perfekter Baustoff für Sanierungen

Menschen, die sich entschließen, Bestandsbauten zu sanieren, haben meist eine besonders ausgeprägte Einstellung zum Wohnen. Ihr Heim ist ihnen wichtig, ihre Grundhaltung zu diesem Thema geht in die feinsinnige Richtung. Im Großen Walsertal nahm sich eine Bauherrschaft, auf die diese Beschreibung zutrifft, eines traditionellen Bergbauerngehöfts an. Die Sanierung geschah natürlich in Holz.

Fixer Bestandteil des Sanierungsprojektes sollte also die Schaffung einer Infrastruktur von Parkflächen sein. © Bruno Klomfar
Fixer Bestandteil des Sanierungsprojektes sollte also die Schaffung einer Infrastruktur von Parkflächen sein. © Bruno Klomfar

Das Große Walsertal, das sich von 580 bis 2704 Meter Höhe erstreckt, setzt sich aus sechs Gemeinden zusammen. Eine davon ist Thüringerberg. Ebene Flächen sind hier Mangelware. Die beiden Bestandsgebäude, ein Bauernhaus und ein Stall, sitzen ganz am Ende des Dorfs. Umkehrflächen? Fehlanzeige. Fixer Bestandteil des Sanierungsprojektes sollte also die Schaffung einer Infrastruktur von Parkflächen sein. Nach Abschluss dessen konnte erst der eigentliche Ausbau erfolgen. Die gesamte Bauaufgabe erstreckt sich über beide Bestandsgebäude. Zu Redaktionsschluss ist der Umbau des Stallgebäudes abgeschlossen. Dem Bauernhaus, in dem das Ehepaar wohnt, steht seine Sanierung noch bevor.

An der Südseite brachte man die alten, sonnenverbrannten Fichtenbretter an ursprünglicher Stelle wieder an. © Bruno Klomfar
An der Südseite brachte man die alten, sonnenverbrannten Fichtenbretter an ursprünglicher Stelle wieder an. © Bruno Klomfar

Holzriegel durchquert Fenster

Erst einmal sollte der angrenzende Stall also in einen Baukörper mit zwei Geschossen Nutzfläche umgebaut werden. Der Bauherrschaft stand dabei ein versierter Architekt zur Seite. „Es war nicht mein erster Stallausbau“, sagt Reinhold Hammerer, der Büros in Ludesch und Aarau in der Schweiz führt. Für ihn war es essenziell, den Bezug zur Umgebung mit dem Umbau nicht zu verlieren. „Ziel war es, ein leises Gebäude zu machen, bei dem man nach Fertigstellung das Gefühl hat: Das war schon immer da.“ Kulturhistorisch hatte der Stall keine immense Bedeutung, weil er nur an die 100 Jahre alt war. „Aber für die Bauherren war er wichtig.“ Deshalb hat man versucht, das komplette Holztragwerk zu belassen, ohne statisch großen Aufwand mit dem Auswechseln von Balken betreiben zu müssen. Das hat funktioniert. Nun durchqueren einzelne Elemente des Holzriegelwerks so manch ein Fenster. „Das würde einem bei einem Neubau nie einfallen.“ In diesem Fall gelten die Balken als raumprägende Stilelemente. „Der Umbauprozess glich dem Sezieren. Man legt das Skelett nach und nach frei, um dann wieder Elemente hinzuzufügen.“

Weißtanne und die alten Balken des Bestandsriegelwerks ... ©Bruno Klomfar
Weißtanne und die alten Balken des Bestandsriegelwerks ... ©Bruno Klomfar
... diese zwei Komponenten dominieren die Innenräume. © Bruno Klomfar
... diese zwei Komponenten dominieren die Innenräume. © Bruno Klomfar

Spannender Fenstereinbau

An der Außenfassade mussten die alten Holzbretter vorerst einer thermischen Sanierung weichen. Danach brachte die ortsansässige Zimmerei Heiseler auf der südseitigen Stirnseite die sonnenverbrannten Bretter wieder an. An den Seiten kam ein neuer Fichtenschirm zum Einsatz. Darunter liegen 16 cm des bestehenden Riegelwerks, das mit Holzfaserdämmplatten ausgedämmt wurde. Die nächste Schicht ist 6 cm Holzweichfaser. Im Innenraum wurde eine Weißtannenmassivholzdecke eingezogen, um die Doppelgeschossigkeit zu erreichen. An Wänden und Böden findet sich dieselbe Holzart. „Die Fensterlösungen sind ebenfalls als herausragend hervorzuheben“, erwähnt Hammerer. Sie wurden von Manfred Bischof, einem regionalen Tischler gefertigt. Fixverglasung und Fensterflügel schlagen flächenbündig stumpf ein. „Diese Präzision hat mir schon extrem viel Freude gemacht.“ Und auch Thomas Heiseler kommt in seiner Beschreibung auf die Fenster zu sprechen: „Im Atelier sitzen sehr große Scheiben, das war spannend, jene einzubauen.“ Erwähnenswert in Bezug auf das verwendete Holz ist, dass es sich dabei um „Bergholz“ handelt. Bergholz ist ein Zusammenschluss von Handwerkern aus dem Großen Walsertal. Gemeinsames Ziel ist es, Holz aus dem Biosphärenpark Großes Walsertal baubiologisch optimal zu verarbeiten und zu veredeln: vom Holzhaus über Fenster bis hin zu Massivholzmöbeln.

Kalter Stall versus beheizte Kubatur

Weil der Ausbau der gesamten Bestandskubatur den Platzbedarf des Ehepaars überstiegen hätten, sind nur rund 50 % ausgebaut. Der Rest ist nach wie vor kalter Stall. Von Beginn an stand fest, dass die Sanierung in Holz passieren soll. „Es ist meine Grundhaltung, dass der Bezug zum Ort vorhanden sein muss. Wenn ich im Walsertal baue, ist zumindest für mich alles andere als Holz widersinnig. Und ganz pragmatisch gesagt: Alles andere macht es auch unnötig teurer“, sagt Hammerer.

Die alten Balken des Bestandsriegelwerks durchkreuzen Fensterscheiben markant, ein Heuloch wurde an ursprünglicher Stelle installiert. © Bruno Klomfar
Die alten Balken des Bestandsriegelwerks durchkreuzen Fensterscheiben markant, ein Heuloch wurde an ursprünglicher Stelle installiert. © Bruno Klomfar

Wohnen und Arbeiten fließt ineinander

Und die Grundidee der Bauherrschaft – ein Anwalt und eine Künstlerin – sie wollten Raum schaffen, wo Arbeiten und Wohnen fließend ineinander übergehen. Im Erdgeschossbereich findet sich deshalb im Moment eine Kanzlei. Darüber ein Atelier, darunter ein Stall, wo einmal Schafe einziehen sollen. Der Ausbau erfolgte so, dass man später entweder zwei Wohnungen oder eine einzige separate Wohneinheit machen könnte. „Zu meinem Architektur-Einmaleins gehört, das Generationenthema mitzudenken. Das Einfamilienhaus ist und bleibt ein Wohntraum, der für immer weniger Menschen möglich ist. Das Mitdenken einer Nachnutzung ist dabei heute unabkömmlich“, kommentiert der Architekt die zunehmende Baugrundknappheit und Versiegelungsthematik. „Und für Sanierungen ist Holz das perfekte Material.“

Was hält der Architekt selbst von seiner Arbeit? „Man geht rein und kriegt Lust dazu, das Haus zu entdecken.“ Und der Holzbau-Meister Thomas Heiseler sagt: „Spannend war für uns, dass wir viele Kleinigkeiten mit Liebe zum Detail umsetzen durften.“ Das geht vom in die Wand integrierten Klopapierrollenhalter bis zu einem nachgebauten Heuloch, das an derselben Stelle wieder installiert wurde. „Und der Architekt hat es geschafft, die Umgebung in den Bau reinzuholen und gleichzeitig sehr behutsam mit dem Bestand umzugehen.“ Im Gespräch mit den Beteiligten merkt man, dass hier alle an einem Strang gezogen haben. Das Resultat dankt es ihnen.

Projektdaten

Standort: Thüringerberg
Fertigstellung: Herbst 2018
Architektur: Reinhold Hammerer
Holzbau: Zimmerei Heiseler

_kl