Fichtensterne in der dritten Dimension

Sarntaler Kochakademie als Lanzenbruch für den Holzbau

23.04.2019 – Als optischer Genuss macht die Kochakademie Bad Schörgau in Südtirol Appetit auf mehr – mehr heimische Gourmetküche, mehr neu interpretierte Wurzeln, mehr regionale Holzarten. Der jüngste Zubau des Genießerhotels Bad Schörgau hüllt den Besucher in ein präzise abgestimmtes und exakt gefertigtes Ensemble aus zurückhaltender Extravaganz.

© Gustav Willeit
© Gustav Willeit

Seit dem 17. Jahrhundert steht das heutige Hotel Bad Schörgau im Südtiroler Sarntal für Gastfreundschaft und Wohlfühlatmosphäre. Das familiengeführte Unternehmen verlässt sich in Sachen Gesundheit und Wellness nicht allein auf seine Heilquelle. So nehmen auch Kosmetik und Kulinarik einen hohen Stellenwert im Betrieb ein und werden dabei sukzessive ausgebaut. Die jüngste Erweiterung des Hotels ist daher ein 2017 fertig gestellter Zweigeschosser in Holz im südlichen Teil des Grundstücks. Unter je einem Satteldach finden sich hier die Kochakademie, von der man über eine Wendeltreppe in den darüber liegenden Seminarraum samt Dachterrasse gelangt, sowie ein Kosmetikverkaufsraum, das sogenannte Trehs-Haus. Während Letzteres in einen historischen Stadel einzog, ist die Kochakademie ein daran angrenzender Neubau aus Brettschichtholz. Großen Wert legten der Bauherr und Pedevilla Architekten bei diesem Projekt auf eine ortstypische Gestaltung mit möglichst heimischen Materialien. Dem Stolz und der Verbundenheit mit der Region wollte man Ausdruck verleihen.

Unter je einem Satteldach finden sich die Kochakademie samt Seminarraum und Terrasse sowie ein Kosmetikverkaufsraum. © Gustav Willeit
Unter je einem Satteldach finden sich die Kochakademie samt Seminarraum und Terrasse sowie ein Kosmetikverkaufsraum. © Gustav Willeit

Kochkunst geschmackvoll abgerundet

Ein wahrer Augenschmaus wird den Gästen der Kochakademie Bad Schörgau bereits vor dem eigentlichen Mahl aufgetischt. Der Zubau zum Genießerhotel lädt zu einer Entdeckungsreise durch die regionale Küche ein. Den Kochbereich dominiert ein massiver, in einem nahen Steinbruch gewonnener Kochblock, der überwiegend naturbelassen blieb. Lediglich die Arbeitsfläche wurde geglättet. Auf ihr werden ortstypische Köstlichkeiten exquisit zubereitet und angerichtet. Im angrenzenden Speisesaal erfreuen sich anschließend bis zu einhundert Gäste an den Kompositionen. Sterneverdächtig ist dabei auch die Innenarchitektur, die als geschmackvolles Statement für die traditionell-alpinen Gestaltungsformen den Betrachter sanft in ihren Bann zieht.

Großen Wert legten der Bauherr und Pedevilla Architekten bei diesem Projekt auf eine ortstypische Gestaltung mit möglichst heimischen Materialien. Hier der Seminarraum. © Gustav Willeit
Großen Wert legten der Bauherr und Pedevilla Architekten bei diesem Projekt auf eine ortstypische Gestaltung mit möglichst heimischen Materialien. Hier der Seminarraum. © Gustav Willeit
Zentrales Element der Kochakademie ist der fast fünf Meter lange Kochblock, ein Monolith aus grau grünem Sarner Porphyr. Seine hölzerne Umgebung  schafft den zurückhaltenden Gegenpart zu dem 22.000 kg schweren Hingucker. © Gustav Willeit
Zentrales Element der Kochakademie ist der fast fünf Meter lange Kochblock, ein Monolith aus grau grünem Sarner Porphyr. Seine hölzerne Umgebung schafft den zurückhaltenden Gegenpart zu dem 22.000 kg schweren Hingucker. © Gustav Willeit

Erhabene Hölzer

Man diniert unter einem Sternenhimmel aus manuell gekälkter Fichte mit eingearbeiteter und teils sichtbarer Hanfdämmung. Wie aus einem Guss erscheint der Raum makellos und dennoch gemütlich. Für das verwendete Muster zogen die Architekten Inspiration aus der hiesigen Tischlertradition. Die sich überschneidenden Kreise zieren etwa alte Truhen. Für den modernen Kniff wagte er den Schritt in die dritte Dimension: Überlagert man die Schnittflächen, bilden sich sternförmige Erhöhungen – unverwechselbare Hingucker, die sich aber nicht aufdrängen. „Der Kreis vermittelt als stabilste geometrische Form Schutz und Geborgenheit“, erklärt Alexander Pedevilla den Ursprung der Idee. Mit der Erweiterung in den Raum gewinnt das Muster noch zusätzlich an Wirkung – ein in Holz realisiertes Rautenmuster kommt zum Vorschein. Die natürlichen Materialien schaffen eine familiäre Atmosphäre, während die Ornamente im wahrsten Sinne Erhabenheit ausstrahlen, ohne dabei zu laut zu sein.

Die stille Schönheit des Ornaments  basiert auf der gezielten Wiederholung und Überlagerung der wohl einfachsten geometrischen Form: des Kreises. © Gustav Willeit
Die stille Schönheit des Ornaments  basiert auf der gezielten Wiederholung und Überlagerung der wohl einfachsten geometrischen Form: des Kreises. © Gustav Willeit
In der Umsetzung wurde dieser geteilt, sodass eine Art Schlangenmuster von exakter Breite gefräst wurde. © Gustav Willeit
In der Umsetzung wurde dieser geteilt, sodass eine Art Schlangenmuster von exakter Breite gefräst wurde. © Gustav Willeit

Dekoration mit Doppelfunktion

Akustisch wirksam ist die Decke außerdem. Dafür sorgt nicht nur die dreidimensionale Ausgestaltung, sondern auch die teils freiliegende Hanfdämmung. Darüber hinaus verbirgt die Hohlstruktur die Lüftungsanlage und positioniert die installierte Beleuchtung optimal. Um auch bei der Fassade den roten Faden der Regionalität und Natürlichkeit beizubehalten, entschied man sich hier für die Ausführung in Lärchenholz, sorgte für reichlich Hinterlüftung und verzichtete auf die zusätzliche Dimension, damit keine Staunässe entsteht.

Hier die Ornamente im Detail. © Gustav Willeit
Hier die Ornamente im Detail. © Gustav Willeit

Sonderlösung perfekt realisiert

Damit ein so komplexes, geometrisches Muster makellos erscheint, bedarf es reichlich Erfahrung, präziser Planung und exakter Ausführung. Mit Hubert Gruber, einem der drei Gründer des Holzbauunternehmens ASTER, holte man sich einen passionierten Zimmermann ins Boot, der über das nötige Know-how und die passenden technischen Möglichkeiten erfügt, damit das Projekt glückt, ohne das Budget zu sprengen. Die tragende Konstruktion des Gebäudes besteht aus Brettschichtholz. An ihr wurde zunächst die Unterkonstruktion der Decke befestigt, anschließend die mit dem Rautenmuster ausgefrästen Holzbretter. Zum Schluss klebten die Monteure die über 1500 handgekälkten Fichtenholz-Sterne so auf die Kreuzungspunkte, dass sie die Teilung der Holzbretter verdecken und der Eindruck eines Himmels aus einem Guss entsteht.

© Gustav Willeit
© Gustav Willeit

Gruber sieht in der Kochakademie einen Lanzenbruch für den Holzbau in der Hotellerie. Er empfand die enge Zusammenarbeit mit dem Bauherren und den Architekten als Glücksfall. Aster Holzbau konnte sein Holzbauwissen umfänglich in das Projekt einbringen, hatte freie Hand bei der Realisierung der Architektenpläne und schuf so Erfahrungswerte, die auch bei anderen Verantwortlichen den Mut zum Holz wecken sollen. Die Fähigkeit des Werkstoffs, eine starke, einmalige und gemütliche Atmosphäre zu schaffen, sieht Alexander Pedevilla als großen Vorteil.

Projektdaten

Standort: Sarntal/Südtirol
Bauherr: Hotel Bad Schörgau
Fertigstellung: 2017
Architektur: pedevilla architects
Holzbau: ASTER GmbH
Holzmenge: 300 m3
Nutzfläche: 250 m2

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