Tempelhüpfer in zweiter Reihe

Verdichtung inmitten der Innsbrucker Innenstadt

14.05.2019 – Dass sich Hartnäckigkeit und eine gute Freundschaft oft auszahlen, zeigt ein Doppelhausprojekt inmitten der Stadt Innsbruck. Das kleine, lange als nicht bebaubar geltende Grundstück wurde durch ambitionierte Planung und Umsetzung mit hoher Eigenleistung hochwertig bewohnbar gemacht. Der Vorteil: Die Architektin selbst ist einer der vier Bauherren.

An einer Baulücke, die an eine Kerzenfabrik angrenzt und lange als unbebaubar galt, fanden zwei befreundete Pärchen Gefallen. Genau dort steht nach intensiven Bemühungen ihr charmantes Doppelhaus. © David Schreyer
An einer Baulücke, die an eine Kerzenfabrik angrenzt und lange als unbebaubar galt, fanden zwei befreundete Pärchen Gefallen. Genau dort steht nach intensiven Bemühungen ihr charmantes Doppelhaus. © David Schreyer

Wer im Stadtzentrum von Innsbruck bauen will, braucht entweder viel Glück oder gute Nerven. Die Grüne Stadtpolitik verfolgt einen strengen Bebauungsplan. Denkt man an die wilde Bebauungskultur andernorts, zu Recht. Nur ganz selten werden leistbare Grundstücke zum Verkauf angeboten. Bauplätze sind rar und fast unauffindbar. „Grund und Boden der Stadt werden nicht verkauft“, sagt Innsbrucks Bürgermeister, Georg Willi, in einem aktuellen Interview gegenüber einer Tageszeitung. Dies sei ein zentraler Grundsatz in der Hauptstadt Tirols, um das Wohnen günstiger zu machen. Innsbruck sei vor allem für junge Studierende eine extrem attraktive Stadt – mit ganz wenig Platz. Knapper Boden heißt, hohe Wohnungspreise. Deshalb versuche man alles, um die Grundstückskosten durch strikte Bebauungsvorschriften niedrig zu halten.

Das Doppelhaus mit seinem asymmetrisch aufgesetzten Dach und der dunkel lasierten Fassade wirkt sehr robust, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. © David Schreyer
Das Doppelhaus mit seinem asymmetrisch aufgesetzten Dach und der dunkel lasierten Fassade wirkt sehr robust, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. © David Schreyer

Spießrutenlauf durch die Behörden

Einer Tiroler Architektin gelang es, gemeinsam mit ihrem Mann und einem befreundeten Ehepaar dennoch, ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Im Innsbrucker Stadtteil Wilten nahe dem Wiltener Platzl und am Fuße des Bergisel entdeckten die vier einen kleinen, freien Fleck in zweiter Reihe, der lange als nicht bebaubar galt. Im Norden grenzt der Grund direkt an einen Supermarkt. Die Zufahrt ist sehr schmal und schwierig befahrbar. „Die Suche nach einer Wohnmöglichkeit gestaltete sich langwierig und dauerte insgesamt vier Jahre. Obwohl viele Faktoren dagegen sprachen, kauften wir 2014 die L-förmige Parzelle“, erzählt Bauherrin und Architektin Barbara Poberschnigg. Eine aus heutiger Sicht sehr mutige Entscheidung: „Damals war keineswegs sicher, ob ein Neubau in dieser Lücke jemals möglich sein würde. Grundstückstiefen von zehn beziehungsweise zwölf Metern sind gemäß Bebauungsplan mit offener Bauweise nach Tiroler Bauordnung eigentlich nicht bebaubar“, so Poberschnigg. Nachdem ein gewerblicher Bauträger aufgrund dieser Tatsache vom Kauf des Grundstücks zurücktrat, witterte die Architektin ihre Chance. „Ich wollte Wege finden, um unsere Pläne in die Realität umzusetzen.“

Ein Spießrutenlauf durch die Behörden begann, der Ausgang war ungewiss. „Dennoch mussten wir binnen zwei Wochen eine Kaufentscheidung treffen“, erzählt die ambitionierte Planerin. Intensives Studieren der Raumordnung, Neuinterpretationen gesetzlicher Rahmenbedingungen und die Erstellung von vier Gutachten führten schließlich zur möglichen Wohnraumnutzung. Ein langwieriger Prozess. Die vier Freunde, die sich seit vielen Jahren kennen und das Objekt seit dem vergangenen Jahr gemeinsam bewohnen, bezeichnen sich deshalb gerne mal als „Tempelhüpfer“ [der Neubau befindet sich darüber hinaus in der Tempelstraße, Anm. d. Red.]. „Es war schon ein schier endloses Hin und Her. Vielen anderen Bauherren wäre dabei sicherlich die Luft ausgegangen. Das ganze Projekt verdanken wir unserer Freundschaft – einer fand immer Motivation für die anderen.“

Das Innere des Hauses ist hell, die räumlichen Strukturen sind offen. © David Schreyer
Das Innere des Hauses ist hell, die räumlichen Strukturen sind offen. © David Schreyer
Die Einrichtung in Fichte ist größtenteils in den Holzbau integriert. © David Schreyer
Die Einrichtung in Fichte ist größtenteils in den Holzbau integriert. © David Schreyer

Das Problem mit dem Supermarkt

Die Architektin entwickelte in ihrem Studio Lois die Idee eines Doppelhauses, das in das 400 m2 große Grundstück hineingefaltet werden sollte und direkt an die Nachbargebäude anschließt. Laut Tiroler Bauordnung ist es möglich, Gebäude in derselben Höhe, Länge und Art innerstädtisch direkt aneinanderzubauen, fand Poberschnigg heraus. Doch der angrenzende Supermarkt stellte dabei ein Problem dar, da hier wiederum andere Regeln gelten. „In einem Supermarkt wohnt schließlich niemand“, erklärt sie. In diese Richtung denkend, fand die findige Planerin gute Argumente pro Anschlussbebauung. Da ein Supermarkt nicht nur aus Lager-, sondern auch Arbeitsräumen bestehe, in denen sich Menschen über eine längere Zeit aufhalten, müsse man auch Wohnraum direkt an einen Lagerraum anbauen können, erläutert die Architektin ihre Begründung gegenüber der Innsbrucker Stadtplanung. Damit hatte sie Erfolg. Die vier Freunde konnten 2016 mit dem Bau ihres Eigenheimes starten und 2017 in eine Baustelle einziehen. „Es war uns immer klar, dass wir beim Innenausbau selber Hand anlegen. Mein Mann ist technisch interessiert und wir teilen eine große handwerkliche Leidenschaft. Der Keller dient uns als Werkstatt“, berichtet Poberschnigg.

Die Galerien im Dachgeschoss sind zum Wohnraum offene Arbeits- und Entspannungsbereiche. © David Schreyer
Die Galerien im Dachgeschoss sind zum Wohnraum offene Arbeits- und Entspannungsbereiche. © David Schreyer
Die Struktur des Daches bildet sich im Inneren schön ab. © David Schreyer
Die Struktur des Daches bildet sich im Inneren schön ab. © David Schreyer

Unbeladene Probefahrt mit Lkw notwendig

Entstanden ist ein monolithisches Holzgebäude, das mit seinem asymmetrisch aufgesetzten Dach und der dunkel lasierten Lärchenfassade robust wirkt, sich aber nicht in den Vordergrund drängt. Den richtigen Partner für dieses gewagte Projekt fand man im Holzbauunternehmen Schafferer aus Navis. Die Brettsperrholzelemente mussten so dimensioniert sein, dass sie mittels Lkw – mit dem vor Ort zuerst eine unbeladene Probefahrt durchgeführt wurde – überhaupt auf die Baustelle gebracht werden konnten. Das Dach besteht aus 13 Dreiecksflächen und hat die Form eines Diamanten. „Die Dachflächen als auch Innenraumwände sind in Sicht belassen, was für die Handwerker beim Bau eine Herausforderung darstellte. Holzbau Schafferer war dafür der beste Partner, da sich das Unternehmen damit auskennt“, so die Architektin. Die Fassade in Lärche wurde dunkel geölt. Sie zieht sich über das Dach und verschmilzt förmlich mit damit. Das Gebäude wurde durch Auffalten, Vor- und Rücksprünge so ausgeformt, dass nicht ein großer Baukörper massiv in Erscheinung tritt, sondern zwei kleine, selbstständige Häuser sichtbar werden. „Wir wollten nicht in simplen Boxen leben, sondern stellten Anspruch auf qualitätsvolle Architektur.“ Innen fügen sich die Räume durch eine Hierarchisierung des Tagesablaufes in der Entwurfsidee von unten nach oben. Jeder einzelne Millimeter der 120 m2 großen Grundfläche ist genutzt und passt zur Lebensweise der Bewohner.

Die unregelmäßigen Dachflächen wurden im Innenbereich in Sicht belassen. Holzbau Schafferer war für diese Herausforderung der beste Partner, da sich das Unternehmen schon oft mit komplizierten Dachkonstruktionen beschäftigt hat.“ Barbara Poberschnigg, Architektin
Die unregelmäßigen Dachflächen wurden im Innenbereich in Sicht belassen. Holzbau Schafferer war für diese Herausforderung der beste Partner, da sich das Unternehmen schon oft mit komplizierten Dachkonstruktionen beschäftigt hat.“ Barbara Poberschnigg, Architektin

Freundschaft täglich (er)leben

Das Einfügen eines Atriums im Norden lässt beide Wohnungen alle Tageszeiten spüren und schafft eine gemeinsame Kommunikationsebene. „Der gemeinsame Lichthof im ersten Geschoss wurde von uns bewusst  eingebaut. Wir sind Freunde und verstehen uns gut. Die Öffnungen sind so gesetzt, dass die Privatsphäre gewahrt bleibt. Wir können uns aber schnell und unkompliziert auf einen Kaffee oder ein gemeinsames Gespräch treffen. Ich muss dazu nur eine Türe öffnen“, freut sich die Architektin. Im Erdgeschoss befinden sich jeweils ein Wirtschaftsraum sowie das Schlaf- und Badezimmer. Das erste Obergeschoss ist offen und geht in Form des Wohnraums mit Glasfront in das zweite Geschoss über. Eine Loggia und ein großes Sitzfenster ermöglichen den Blick auf die imposante Bergwelt Innsbrucks. Die Galerien im Dachgeschoss sind zum Wohnraum hin offene Arbeits- und Entspannungsbereiche. Einschnitte im Dach bilden kleine Terrassen aus. Der Bau ist aufgrund der umliegenden Bestandsbauten nur teilunterkellert.

Traum wurde Wirklichkeit

Wenn man sich als Architektin selber ein Haus baut, wird man von der Kollegenschaft natürlich besonders beäugt. Das nimmt Poberschnigg aber locker. „Ich habe hier meinen Traum verwirklicht. In meiner Vorstellung stand unser Haus zwar immer auf einem Hang, umgeben von großzügigen Grünflächen. Aber dieses Haus ist das Resultat der Arbeit meines Geistes und meiner Hände, das Haus ist sozusagen ‚von Hand gedacht‘, darauf bin ich stolz.“ 

© David Schreyer
© David Schreyer

Projektdaten

Standort: Innsbruck
Fertigstellung: 2018
Planung: Studio Lois
Holzbau: Schafferer Holzbau
Tragwerksplanung: Büro Brunnsteiner
Systemlieferant: binderholz
Verbautes Holz: 135 m3 BSP; 18 m3 Leimholz, KVH, Lattung, Schalung; 200 m2 3-Schichtplatten
Wohnfläche: 2 x 120 m²
Grundfläche: 418 m²

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