Weil Holz es kann

Vorzeigebau in Kuchl gibt Einblick, wie Verdichtung funktioniert

04.06.2019 – Es war einmal ein Stahlbetonbau mit Mauerwerksausfachungen. Dann kamen der Salzburger Architekt Tom Lechner mit seinen Ideen und die Verantwortlichen des Holztechnikums Kuchl mit ihren hohen Ansprüchen. Das Ergebnis: ein Paradebeispiel für verdichtetes Bauen in Holz.

Das Holztechnikum Kuchl zeigt auf, was Holzbau leisten kann – als Neubau und Sanierungsobjekt.  © Albrecht Imanuel Schnabel
Das Holztechnikum Kuchl zeigt auf, was Holzbau leisten kann – als Neubau und Sanierungsobjekt. © Albrecht Imanuel Schnabel

Das Holztechnikum Kuchl (HTL, Fachschule, Internat, Werkmeisterschule) gilt als international anerkannte Ausbildungsstätte. Mit dem steigenden Zuspruch zum Bau- und Werkstoff Holz erhöhte sich über die Jahre hinweg auch der Platzbedarf stetig. Anlassbezogen und sukzessive wurde am Holztechnikum ausgebaut. Einen Masterplan gab es nicht. „Es liegt bei Bestandsgebäuden eben überhaupt nicht auf der Hand, wo der richtige Ansatz ist“, erklärt Tom Lechner, der dann mit seinem Büro LP architektur 2015 den Wettbewerb zur Realisierung groß angelegter Umbaumaßnahmen gewann. Das von ihm realisierte Vorhaben: In der ersten Bauphase entstand bis September 2016 ein Neubau. Dafür wurde der Bestand zur Gänze abgebrochen. Ein Brettsperrholzbau entstand. Dabei wurde der Hof etwas verkleinert, die Haupterschließung verlegt und das Raumprogramm komplett verändert. Die zweite Bauphase betraf die Generalsanierung des Osttraktes in Holz. Diese wurde 2017 abgeschlossen. „Mit diesen zwei Handlungsfeldern – dem Neubau und der Sanierung – decken wir zwei wesentliche Kompetenzen des Holzbaus ab.“

Der Übersichtsplan © Albrecht Imanuel Schnabel
Der Übersichtsplan © Albrecht Imanuel Schnabel

Grundstück völlig ausgereizt

Dass es sich hierbei um eine komplexe Bauaufgabe handelte, stellt sich im Gespräch mit Lechner deutlich heraus. „Beim Arbeiten mit Bestand muss einem immer bewusst sein, dass man Kompromisse eingehen muss. Das kann durchaus positiv sein. Dabei fallen bewusste Entscheidungen für, aber auch gegen etwas.“ Darüber hinaus beschäftigte die Planer die beengte Raumsituation. „Das Grundstück war völlig ausgereizt. Für uns war es wesentlich zu versuchen, innerhalb dieser dichten Bebauung trotzdem städtebaulich zu agieren.“ Eine wesentliche Überlegung dahingehend war es, den Außenbereich, also den Hof, zu verkleinern und das Raumprogramm zu verändern.

An die 400 Schüler gehen hier tagtäglich ein und aus. Seit 2017 dürften sie das in Anbetracht ihres neuen Schulgebäudes noch ein bisschen lieber tun. © Albrecht Imanuel Schnabel
An die 400 Schüler gehen hier tagtäglich ein und aus. Seit 2017 dürften sie das in Anbetracht ihres neuen Schulgebäudes noch ein bisschen lieber tun. © Albrecht Imanuel Schnabel

Architektur muss den ersten Schritt tun

Letzteres betraf vor allem die Lehrräumlichkeiten und das Wegenetz. Nun gibt es Stammklassen, aber auch Gruppenräume, die man für unterschiedliche Lehrformen verwenden kann. „Sogenannte Marktplätze dazwischen fördern Kommunikation“, kommentiert Lechner. Von dort aus geht es in die Klassen und Besprechungsräume. „Zum Glück ist es heute in der Pädagogik angekommen, dass Lehren nicht nur aus Frontalunterricht bestehen kann. Die Möglichkeiten sind viel differenzierter. Die Architektur muss den ersten Schritt zur Veränderung tun.“ So einfach, wie das klingt, war die Realisierung dann nicht. „Diese Clustertypologien sind natürlich wunderbar umzusetzen, wenn man auf der grünen Wiese baut. Wir waren hingegen extrem eingeengt und konnten uns im Prinzip nur zum Hof hin ausweiten.“ Dazu gab es den Anspruch, die Qualität außerhalb der Klassen zu verbessern. Dafür wollte man sich den Gangtypologien entledigen und schuf entsprechende Raumtiefen, die von den Schülern und Studenten angenommen werden. Herausforderung am Bestand: Jedes Gebäude hat ein unterschiedliches Niveau. „Diese barrierefrei und im Sinne einer logischen Raumabfolge mit dem Neubau zu verbinden, forderte uns.“ Die Treppen in BauBuche lösen den schnellen Fluchtweg zentral in den Hof.

Die Möbel haben die Schüler teilweise selbst gebaut … © Albrecht Imanuel Schnabel
Die Möbel haben die Schüler teilweise selbst gebaut … © Albrecht Imanuel Schnabel
… eine höhere Wertschätzung für das Inventar ist die Folge. © Albrecht Imanuel Schnabel
… eine höhere Wertschätzung für das Inventar ist die Folge. © Albrecht Imanuel Schnabel

Holzbau maximal spürbar

„LP architektur verfolgt den Anspruch, dass Holzbau auch maximal spürbar, also sichtbar bleibt. In einer Zeit, in der sich die Architektur in eine immer anonymere Richtung entwickelt, möchte ich erst recht Struktur zeigen. Die Ständerbauweise mit Brettsperrholzdecken und großzügigen Fensterrahmen, die teilweise konstruktive Funktionen übernehmen, erfüllt diesen Anspruch.“ Akustikpaneele an den Decken und mit Loden bespannte Pinnwände sorgen zusätzlich für optimale Raumakustik.

Gänge wurden aufgeweitet und die Verkehrsströme dezentralisert. © Albrecht Imanuel Schnabel
Gänge wurden aufgeweitet und die Verkehrsströme dezentralisert. © Albrecht Imanuel Schnabel

Ohne Containerklassen ausgekommen

Die Wirtschaftlichkeit des Bauvorhabens spielte natürlich auch eine große Rolle. „Wir sind komplett ohne Containerklassen ausgekommen – das hat natürlich einen finanziellen Vorteil“, weiß Lechner. Deshalb führte man das Projekt auch in zwei Bauphasen aus. So konnte der normale Unterricht aufrechterhalten bleiben. „Hinzu kommt, dass wir mit hoch vorgefertigten Elementen auf extrem beengten Verhältnissen vor Ort in sehr kurzer Bauzeit agieren konnten.“

Architekt Tom Lechner: „Holzbau ist nun endgültig in den Köpfen der Entscheidungsträger angekommen.“ © Rohrbacher
Architekt Tom Lechner: „Holzbau ist nun endgültig in den Köpfen der Entscheidungsträger angekommen.“ © Rohrbacher

Die Errichtungskosten teilten sich das Land Salzburg, das Bundesministerium für Bildung sowie der Fachverband und die Fachgruppen der Holzindustrie Österreichs. 2019 wurde das Projekt mit dem Salzburger Holzbaupreis in der Kategorie „Weiterbauen“ ausgezeichnet. Dass das Konzept aufgeht, zeigt sich neben dieser Anerkennung an Folgeprojekten in der Umgebung. Parallel zum Holztechnikum Kuchl wurde eine Volkschule in Hallwang in Holzbauweise von LP architektur errichtet. Ein Kindergartenneubau steht nun ebenfalls im selben Ort an.

Den Wettbewerb für diesen Kindergarten gewann Lechner im Herbst 2018. Mitten in der Bauverhandlung stehen sie darüber hinaus in Salzburg. Dort soll ein fünfgeschossiges Ronald McDonald-„Kinderhaus“ errichtet werden. Der Baubeginn ist noch heuer geplant. „Wir werden laufend zu Wettbewerben eingeladen, wo explizit ein Holzbau gefordert wird. Ich habe das Gefühl, der Holzbau ist ,State oft the Art‘ und in den Köpfen der Entscheidungsträger angekommen“, sagt der Architekt und freut sich über den Zuspruch zum Werkstoff Holz.

Der neue Innenhof dient als gern besuchter Aufenthaltsort im Freien. © Albrecht Imanuel Schnabel
Der neue Innenhof dient als gern besuchter Aufenthaltsort im Freien. © Albrecht Imanuel Schnabel

„Uns war das im Wettbewerb ja noch gar nicht so bewusst, dass die Schule auch international ein derart hohes Ansehen hat. Damit schaut heute jedes ,Holzbauauge‘ – national und international – auf das Projekt.“ Und tatsächlich: Kuchl ist Ziel etlicher Exkursionen. „Das ist auch gut so. Jeder soll sehen, was Holzbau leisten kann."

Projektdaten

Standort: Kuchl, Salzburg
Fertigstellung: 2017
Bauherrschaft: Holztechnikum Kuchl
Architektur: LP architektur
Holzbau: Appesbacher Holzbau
Holzmenge: 86 m3 BSH, 660 m3
Systemlieferant (BSP): binderholz
Statik: Bauingenieure Lackner Egger
Nutzfläche Nordtrakt: 2300 m2
Nutzfläche Osttrakt: 2100 m2

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