Ruhen unter Bäumen

Hölzerner Andachtsraum bereichert Waldfriedhof

03.06.2019 – Nahe der Stadt Coburg im bayrischen Oberfranken haben Menschen die Möglichkeit, sich im Ruhewald Schloss Tambach bestatten zu lassen. Nicht nur wegen der schönen Landschaft hat dieser Platz etwas Besonderes an sich, denn seit vergangenem Jahr wird der Waldfriedhof durch eine zeitlose Kapelle aus Holz - von sacher . locicero . architects geplant - aufgewertet.

Schlicht und dennoch imposant erhebt sich die Kapelle inmitten des Waldes. © Sebastian Kolm
Schlicht und dennoch imposant erhebt sich die Kapelle inmitten des Waldes. © Sebastian Kolm

Inspiriert wurde der Entwurf unter anderem vom römischen Architekten Vitruv, dessen Theorie des wohlgeformten Menschen die Proportionen des Körpers anhand geometrischer Formen beschreibt. Diese Methode des Moduls hat später Le Corbusier als Modulor (ein Maßsystem, das auf dem Goldenen Schnitt basiert) wieder aufgegriffen. Ein weiteres Vorbild war die perspektivische Wirkung des Fürstenportals des Bamberger Doms St. Peter und St. Georg, das den Besucher mittels seiner romanischen Rundbögen, die sich nach innen hin stetig verjüngen, förmlich in das Bauwerk hineinzieht. Statt den romanischen Rundbögen wurden beim Andachtsraum Ruhewald Schloss Tambach jedoch gotische Spitzbögen eingesetzt. Zu guter Letzt war die Zahl Sieben ein maßgebliches Entwurfselement, da ihr in fast allen Kulturen eine besondere Bedeutung zukommt. Aus dem Zusammenspiel dieser Einflüsse ergibt sich, dass sowohl die sieben Bögen, als auch die Proportionen und die Form der Kapelle dem Goldenen Schnitt und die Maßverhältnisse Länge-Breite-Höhe dem vetruvianischen Menschen entsprechen.

Die sieben Bögen der Grundkonstruktion entsprechen dem Goldenen Schnitt. © Sebastian Kolm
Die sieben Bögen der Grundkonstruktion entsprechen dem Goldenen Schnitt. © Sebastian Kolm
Stimmige Proportionen sorgen für einen ästhetischen Anblick. © Sebastian Kolm
Stimmige Proportionen sorgen für einen ästhetischen Anblick. © Sebastian Kolm

Markante Konstruktionsform

Sieben Doppelbögen aus BSH-Leimhölzern bilden die Grundkonstruktion der Kapelle. Die Querschnitte der BSH-Bogenbinder aus Fichte variieren in Höhe und Biegeradius. Dabei entspricht der niedrigste Bogen an der Eingangsseite mit 4,8 m Höhe der Breite der Kapelle, während der höchste Bogen am gegenüberliegenden Ende mit 7,8 m die Länge des Bauwerks wiederaufnimmt. Die Bogenbinder sind mittels Stahlschuhen im Holzboden verankert, der wiederum auf sechs Fundamentpfählen aufliegt. Durch diese Konstruktionsform geht die Außenhülle von einer vertikalen Wand fließend in das Dach über. Die Außenverkleidung besteht aus 15.000 gespaltenen, 30 cm langen Lärchenholzschindeln in Dreifachdeckung, unter der sich eine hinterlüftete 30 mm-Vollholzschalung befindet.

Die Porphyr-Bruchplatten sind so verlegt, dass der Vorplatz die Form des Andachtsraumes widerspiegelt. © Sebastian Kolm
Die Porphyr-Bruchplatten sind so verlegt, dass der Vorplatz die Form des Andachtsraumes widerspiegelt. © Sebastian Kolm

Schlicht und andachtsvoll

Dank der großzügig verglasten Giebelseiten sollen die Jahreszeiten in den 36 m2 großen Innenraum einwirken und unterschiedliche Lichtstimmungen geschaffen werden. Zusätzlich sind in den Boden, der aus 42 mm starken Lärchenholzdielen besteht, LED-Lampen in die Mittelachsen zwischen den Bögen eingelassen, um für eine wärmende Stimmung zu sorgen. Die Inneneinrichtung setzt sich aus drei Holzbänken und drei Altartischen zusammen und komplettiert den schlichten und dennoch ästhetischen Sakralraum.

In den Boden eingelassene LED-Lampen erzeugen eine warme Stimmung. © Sebastian Kolm
In den Boden eingelassene LED-Lampen erzeugen eine warme Stimmung. © Sebastian Kolm
Auch bei Nacht wirkt der Sakralraum einladend. © Sebastian Kolm
Auch bei Nacht wirkt der Sakralraum einladend. © Sebastian Kolm

Das Eingangsportal ist außenseitig mit 2 mm starken Kupferblechplatten beschlagen und lässt sich zum Wald hin öffnen, wodurch der Kapellenvorplatz in die Wirkung des Bauwerks integriert werden kann. Dieser nimmt durch die fragmentiert verlegten Porphyr-Bruchplatten die Form des Andachtsraumes wieder auf und fungiert als Übergangsraum zum Ruhewald. Sitzsteine, die den Vorplatz säumen, ermöglichen ein Innehalten und Verweilen auch außerhalb der Öffnungszeiten.

_rz / Quelle: sacher . locicero . architects