Der mit dem Roboter tanzt

Architekt Johannes Braumann über die Herausforderung der digitalen Beziehung zwischen Planung und Fertigung

16.07.2018 – In Österreich sorgt überholz – ein Masterlehrgang der Kunstuniversität Linz – seit über 15 Jahren für mehr Holzbaufachwissen bei Architekten, Holzbau-Meistern und Ingenieuren. Ständig daran interessiert, das Ausbildungsangebot aktuellen Trends anzupassen, initiierten die Verantwortlichen Mitte Juni die Veranstaltung „robinWood“. Diese nahm Bezug auf eine der aktuellsten Entwicklungen der Branche – nämlich die digitale Beziehung zwischen Planung und Fertigung. Mitveranstalter waren das Holzcluster Oberösterreich und das Labor für kreative Robotik der Kunstuniversität Linz. Letzteres leitet Johannes Braumann. Der Architekt gab im Gespräch mit holzbau austria interessante Einblicke in Möglichkeiten der Roboterfertigung, Chancen für den kleinen Zimmerer und startete einen Appell an Ausbildungsstätten.

Johannes Braumann: Architekt, Robotikexperte und Wissensvermittler für Holzbaubegeisterte © Kunstuniversität Linz
Johannes Braumann: Architekt, Robotikexperte und Wissensvermittler für Holzbaubegeisterte © Kunstuniversität Linz

? Sie kommen gerade von der Veranstaltung robinWood. Der Titel trägt zum einen „Roboter“ in sich, spielt aber gleichzeitig auf Robin Hood, den Helden der Unterdrückten, an. Muss der Zimmerer in Anbetracht der digitalen Entwicklung gerettet werden?

! Nein. Der Zimmerer hat die Wahl, in welche Richtung er sich ausrichten will. Der Roboter ist als ein kreatives Werkzeug anzusehen. Sicher ist es spannend, dieses neue Element in die Arbeit mitaufzunehmen, aber kein Muss. Die Assoziation mit „Robin Hood“ hat mehr damit zu tun, dass wir etwas Subversives aufgreifen, indem wir dieses Werkzeug in gewissem Maße zweckentfremden. Ursprünglich kommt der Roboter ja aus der Automobilindustrie. Aber nur, weil wir über die Technologie verfügen, heißt das nicht, dass jeder sie braucht.

? Aber es wäre von Vorteil, sich der Thematik frühzeitig zu stellen?

!Was den Holzbau angeht, geht es beim Thema Robotik um die Lösung komplexer Aufgaben. Mit effizienten Methoden individualisierbare Produkte zu kompetitiven Preisen fertigen zu können, ist möglich und durchaus reizvoll. Das funktioniert, da die Maschine multifunktional ist. Sie kann nicht nur Fräsen, sondern Elemente halten, bewegen oder als Messinstrument fungieren. Das ist gerade für kleine Unternehmen relevant. An einem Tag fräst der Roboter, am nächsten schneidet er. Das geht nicht in die Richtung „Handwerker ersetzen“, sondern betrifft die flexible Anpassbarkeit von Bedürfnissen. Damit kann man großen Unternehmen sogar zuvorkommen.

? Robotik eignet sich nicht nur für Großbetriebe?


! Ganz im Gegenteil. Auch die Großen kochen nur mit Wasser und verfügen nicht über geheime Wunderwerkzeuge. Zum ersten gibt es Gebrauchtmaschinen am Markt, die auch für kleine Zimmerer leistbar sind. Zum anderen geht es bei diesen Prozessen mehr um Ideen und Workflows als um große Teams. Es braucht Kernpersonen mit Ideen. Zudem bietet sich die Möglichkeit, ganz neue Werkzeuge selbst auf den Roboter zu montieren. Dafür muss man kein Maschinenbauer sein. Damit besitzt man plötzlich eine ganz spezielle Innovationskraft und kann sich aus dem Korsett der CNC-Maschine befreien.

? Auf diese Möglichkeiten muss man erst einmal aufmerksam werden.

! Genau. Wissenstransfer ist hier eine ganz wichtige Sache. Man muss Plattformen schaffen, wie die Konferenz robinWood.

? Sie betonen, dass Robotik sogar zu einem Wiedererwachen des handwerklichen Könnens führen kann. Wie das?


! Der Roboter ist an sich eine dumme Maschine. Erst durch den Menschen wird er intelligent. Gerade im Holzbau, wo seit vielen Jahren die Gefahr besteht, dass handwerkliches Wissen verloren geht, schafft Robotik die Möglichkeit, wieder für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen und die Handwerkskunst in den Betrieb zu bringen.


? Robotik beeinflusst also den Handwerker in seinem kreativen Denken, verändert den Planungsprozess?


! Wir sehen Robotik nicht als Spitze der Fertigungskette. Das Potenzial liegt für mich darin, dass ich sie als Entwurfswerkzeug empfinde, das ich von Anfang an berücksichtige. Damit nehme ich Dinge in Angriff, an die ich sonst nicht gedacht hätte. Da gibt es beispielsweise ein Forschungsprojekt mit Professor Benjamin Kromoser von der Universität für Bodenkultur, worin es darum geht, neue Holzverbindungen zu schaffen – nicht nur schneller zu montierende oder präziser gefertigte: Wir arbeiten daran, ganz neue zu generieren.

? Das setzt die enge Zusammenarbeit von Planung und Fertigung voraus.
! Die klassische Trennung zwischen dem Planer und dem Handwerker führt zu Problemen – das weiß man aus vielen Praxisbeispielen. Wenn man aber versucht, die Fertigung zu einem Entwurfsfaktor zu machen, dann schafft man Lösungen, an die man sonst gar nicht gedacht hätte.

? Das verlangt gegenseitiges Verständnis für das jeweilige Fachgebiet, oder?


! Selbstverständlich. Und es braucht neue Kompetenzen bei den Architekten. Die Teilung zwischen Kreativen und Ingenieuren innerhalb eines Unternehmens könnte an Bedeutung verlieren. Ich sehe in der Praxis, dass Unternehmen händeringend Leute suchen, die beide Kompetenzen in sich vereinen. Ich glaube generell, dass die interdisziplinäre Verbindung von Fähigkeiten immer wichtiger wird. Spezialisierung ist zweifelsohne in vielen Bereichen essenziell, aber ebenso, sich einen Überblick zu verschaffen und Verständnis für das jeweilige Problem aufzubringen. Und das heißt für den Holzbau übersetzt: Man muss das Material verstehen.

? Gerade für das Aufleben von Holz-Holz-Verbindungen ist Robotik prädestiniert, wie Sie sagten. Wie hoch ist hier das Potenzial?


! Digitale Methoden und Maschinen finden derzeit langsam zusammen. Roboter gibt es ja schon sehr lange. Aber jetzt holen wir mit den digitalen Methoden auf. Inzwischen kann man parametrische Knotenverbindungen schaffen, die sich selbst an ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen anpassen. Vor einigen Jahren hätte man jeden Knoten als Einzelstück mit irrsinnigem Aufwand in 3D zeichnen müssen.

? Ein wichtiger Punkt ist auch der Nachwuchs.


! Es ist an uns, Schüler und Studenten abzuholen. Für die sogenannten „Digital Natives“ ist die Digitalisierung etwas ganz Selbstverständliches. Die Robotik sehe ich als Anreiz, Interesse am Handwerk zu wecken. Denn Digitales bedingt für mich immer auch das Physische, das Werkstück. In den nächsten Jahren gilt es, diesen Konnex zu schaffen.

_kl