Über die Tücken der Flexibilität

Bauphysik- und Brandschutzexperte Martin Teibinger im Interview

29.10.2018 – Dr. Martin Teibinger, Bauphysik- und Brandschutzexperte, über die Notwendigkeit des Loslösens vom „mineralischen Denken“, die negativ folgenreiche Flexibilität im Planungsprozess und Ausführungsfehler, die in jeder Bauweise passieren.

Martin Teibinger © Kathrin Lanz
Martin Teibinger © Kathrin Lanz

? Brandschutz scheint in Zusammenhang mit Holzbau noch immer Aufklärungsbedarf zu haben – vor allem bei öffentlichen Bauten. Wann schüttelt man das Thema endlich ab?

! Aus Forschungssicht ist der Brandschutz kein großes Thema mehr. Es liegen hinreichend technische Lösungen vor, welche natürlich einwandfrei umgesetzt werden müssen. Die Baugenehmigungen und die Realisierung von Holzhochhäusern, wie beispielsweise die des Hoho, unterstreichen dies.

? Inwiefern sind der Holzhochbau und Brandschutzanforderungen generell kompatibel?

! Da bei einem Brand in einem Hochhaus der Löschangriff der Feuerwehr schwieriger ist, schreiben
die Vorschriften den Einsatz von Sprinklern vor. Dadurch wird ein Vollbrand verhindert. Zusätzlich müssen Vorkehrungen getroffen werden, dass es nicht zu unkontrollierter Brandweiterleitung kommt. Im Holzhochhausbau ist die Bauphase immer wieder ein Thema. Aber auch dafür gibt es Lösungen.

? Wo gibt es im Bereich Brandschutz Aufholbedarf?

! In der Berechnung, welche zurzeit ausschließlich nach Einheitstemperatur erfolgt. Für den Holzbau wäre es – wie für den Stahlbau – sinnvoll, auf Basis von Brandraumsimulationen die Nachweise zu führen. Hierzu sind die Grundlagen im Rahmen von europaweiter Forschung  zu erarbeiten. Ich werde die Umsetzung in der Normung allerdings nicht mehr erleben (lacht).

? Ein weiterer bauphysikalischer „Dauerbrenner“ ist der Schallschutz. Wo steht der Holzbau hier?

! Trittschallschutz und die tiefen Frequenzen sind nach wie vor Herausforderungen. Als Planer kann man aber auch hier auf Beispielaufbauten und Lösungsansätze zurückgreifen. In Bezug auf Bürogebäude ist auch die Raumakustik entscheidend. Gerade in Großraumbüros sind raumakustische Maßnahmen notwendig, da Lärmeinwirkungen auf unseren Organismus erhebliche Einflüsse haben.Aber auch in Veranstaltungssälen, nicht nur in jenen in Holzbauweise, stellt die Raumakustik eine große Herausforderung dar. Die Industrie liefert hierfür nach und nach Lösungen.

? Wo passieren hier die größten Fehler?

! Die meisten Fehler passieren – bleiben wir beim Beispiel Bürobau –, wenn man sich im Planungsprozess noch Flexibilität gönnen möchte und die Größe der einzelnen Büros noch nicht festlegt. Nachträglich Trennwände an beliebigen Orten einzufügen, funktioniert schallschutztechnisch einfach nicht.

? Welchen anderen Tücken unterliegen Planer, die sich vielleicht erstmals an einen Holzbau wagen?

! Der größte Fehler ist das „mineralische Denken“. Die wahrscheinlich über Jahre hinweg praktizierten Aufbauten aus dem Stahlbetonbau funktionieren im Holzbau nicht. Ideal ist es natürlich, wenn von Anfang an feststeht, dass die Holzbauweise zum Zug kommt. Das hat ganz nebenbei auch noch positive wirtschaftliche Folgen.

? Als Sachverständiger sind Sie ja bestens mit der Praxis vertraut. Was können Sie über Baufehler berichten?

! Ausführungsfehler passieren in jeder Bauweise. Im Holzbau braucht es robuste, fehlertolerante Kon-struktionen, damit mit diesen umgegangen werden kann. Und zum Zweiten ist Schwarz-Weiß-Malerei in Baudiskussionen nicht zielführend. Wenn es zum Beispiel heißt: ‚Eine Fußbodenheizung hat in einem Holzbau keinen Platz`, oder umgekehrt:  ‚Jeder Holzbau braucht ein Feuchtemonitoring’. In Zusammenarbeit mit der Forschung und holzbauerfahrenen Planern entstehen hierzu immer wieder fruchtbare Dialoge. In diese Richtung muss es gehen, in Richtung lösungsorienter Zusammenarbeit.

Zur Person

Als ehemaliger Leiter des Bereichs Bauphysik der Holzforschung Austria ist Dr. Martin Teibinger unter anderem an der HTL Wien im dritten Wiener Gemeindebezirk und der FH Salzburg tätig. Darüber hinaus ist er mit den essenziellen Themen seiner Fachgebiete vertraut. Forschungs-, Gutachter- und Publikationstätigkeit in den Bereichen Bauphysik, Brandschutz und mehrgeschossiger Holzbau machen ihn zu einem gefragten Experten über die Grenzen Österreichs hinaus.

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