Filigran vernetzt

Im vielseitigen Holzbürobau begegnen sich Tradition und Moderne

02.11.2018 – Generationswechsel in einem weltweit agierenden Familienunternehmen können eine gewisse Umbruchstimmung hervorrufen. Bei Miba nutzte man diesen Schwung für eine große Investition: Die neue Zentrale in Laakirchen wurde nach genauer Planung und zwei Jahren Bauzeit pünktlich zum 90. Jubiläum im Mai 2017 bezogen. Das Gebäude ist dabei selbst Sinnbild für die Wurzeln des Unternehmens und dessen Zukunft.

Der Schutz der Bauteile während der Montage in den Wintermonaten Dezember bis März war essenziell und ein hoher Vorfertigungsgrad nötig. © Daniel Hawelka
Der Schutz der Bauteile während der Montage in den Wintermonaten Dezember bis März war essenziell und ein hoher Vorfertigungsgrad nötig. © Daniel Hawelka

Einen wahren Balanceakt verkörpert das neue Hauptquartier der Miba-Gruppe gleich in mehrfacher Hinsicht. Was 1927 als Schlosserwerkstatt begann, wuchs innerhalb von 90 Jahren zu einem internationalen Zulieferer von Sinterformteilen, Motoren- und Industriegleitlagern, Reibbelägen, Leistungselektronik-Komponenten und Beschichtungen mit 6400 Mitarbeitern heran. Dass der dafür notwendige Innovationsgeist auf Tradition sowie Besinnung auf die eigene Herkunft beruht, sollte die neue Zentrale förmlich ausstrahlen. Das gelang Delugan Meissl Associated Architects mit ihrer Neuinterpretation des für Oberösterreich typischen Vierkanthofs. Das um ein Atrium arrangierte Gebäude grenzt sich klar von der Außenwelt ab, während es im Inneren die Flexibilität und Transparenz fördert. Es wirkt wie eine massive Einheit – die jedoch zu schweben scheint.

Unter der sichtbaren Dachkonstruktion aus BauBuche... © Daniel Hawelka
Unter der sichtbaren Dachkonstruktion aus BauBuche... © Daniel Hawelka
...finden die Mitarbeiter eine flexible und inspirierende Arbeitsatmosphäre. © Daniel Hawelka
...finden die Mitarbeiter eine flexible und inspirierende Arbeitsatmosphäre. © Daniel Hawelka

Reichlich Holz – nicht nur im Oberstübchen

Auf einem Band aus bodennahen Fenstern ruht ein dadurch leicht wirkender Stahlbetonsockel, der das Technologie-, Lern- und Kundenzentrum beherbergt. Der große Konferenzsaal sowie die Cafeteria sind die einzigen Räume, die auf dieser Ebene auch den Blick in die Umgebung gewähren. Alle anderen sind durch großzügige Glasflächen über die umlaufende Ausstellungszone dem begrünten Innenhof zugewandt. Eine ganz eigene Welt wurde so erschaffen, die Begegnungen forciert und den Dialog fördert. Holz ist dabei allgegenwärtig. Parkett und Treppen aus aufgehellter Eiche stechen aus dem ansonsten schlichten Weiß des Raums hervor. Sie führen in das obere Geschoss, welches Büros, Konferenz-, Besprechungs- und Schulungsräume unter einem bemerkenswerten Dach vereint. Die Konstruktion aus BauBuche von Pollmeier ist auf der Decke zwischen Erd- und Obergeschoss aufgeständert und im gesamten Dachgeschoss sowie teilweise sogar vom Erdgeschoss aus sichtbar. „Durch diesen Umstand und die Anforderung an die Optik, die jener an ein Möbelstück gleichkommt, war der Schutz der Bauteile während der Montage in den Wintermonaten Dezember bis März essenziell und ein hoher Vorfertigungsgrad nötig. Dazu war eine sehr genaue Montage- und Ablaufplanung notwendig“, erzählt Norbert Hutter, Bauleiter Holzbau des ausführenden Unternehmens Lieb Bau Weiz.

Gerhard Gölles, Senior Project Manager bei Delugan Meissl; © Delugan Meissl
Gerhard Gölles, Senior Project Manager bei Delugan Meissl; © Delugan Meissl

Die Großzügigkeit und Offenheit innerhalb des gesamten Gebäudes stellten spezielle Anforderungen an den Brandschutz. So entsteht im Inneren beispielsweise ein einziger, 3200 m2 messender Brandabschnitt. Dieser ist damit doppelt so groß, wie in den einschlägigen Richtlinien festgelegt. Aufgrund der rasch möglichen Löschwasserversorgung von allen vier Seiten, Die Großzügigkeit und Offenheit innerhalb des gesamten Gebäudes stellten spezielle Anforderungen an den Brandschutz. So entsteht im Inneren beispielsweise ein einziger, 3200 m2 messender Brandabschnitt. Dieser ist damit doppelt so groß, wie in den einschlägigen Richtlinien festgelegt. Aufgrund der rasch möglichen Löschwasserversorgung von allen vier Seiten, einer umfassenden Brandmeldeanlage, die sowohl die Betroffenen als auch die zuständige Feuerwehr im Notfall warnt und informiert, sowie einer Rauch- und Wärmeabzugsanlage stimmte die Behörde zu.

Der typisch oberösterreichische Vierkanthof mit Atrium vereint im Miba Forum auf zwei Geschossen Zonen des Dialogs und der Konzentration – im Obergeschoss …
Der typisch oberösterreichische Vierkanthof mit Atrium vereint im Miba Forum auf zwei Geschossen Zonen des Dialogs und der Konzentration – im Obergeschoss …
genauso wie im Erdgeschoss. Letzteres bietet Raum für diverse Arbeitskonstellationen – mit Kollegen oder in Stille. © Delugan Meissl
genauso wie im Erdgeschoss. Letzteres bietet Raum für diverse Arbeitskonstellationen – mit Kollegen oder in Stille. © Delugan Meissl

240 Knotenpunkte

Mit einer komplexen dreidimensionalen Planung visualisierten das Architekturbüro und Bollinger + Grohmann Ingenieure gemeinsam die komplexe Dachgeometrie, die anschließend CNC-gesteuert vorgefertigt wurde. Dank der Verwendung des Furnierschichtholzes konnten die Querschnitte der sichtbaren Tragwerksrahmen, Pfetten und Sparren deutlich reduzierter ausfallen als eine vergleichbare Fichten-BrettschichtholzAusführung. Die filigrane Konstruktionserscheinung wird von den kaum sichtbaren, weil vom Holz verborgenen Verbindungselementen aus Metall nicht unterbrochen. „Für uns war es eine große Herausforderung, gemeinsam mit den Architekten und Statikern die komplexe, asymmetrische Dachgeometrie umzusetzen“, kommentiert Hutter die Geometrie. Die 240 unterschiedlichen Knotenpunkte symbolisieren die Vernetzung innerhalb der Kollegenschaft und gleichzeitig die gemeinsame, tragende Basis, die es im Hause Miba nicht aus den Augen zu verlieren gilt. Steildach und Sockel trennt ein umlaufendes, geknicktes Fensterband, das die Traufe ausbildet. Dieses wird von umlaufenden Aluminiumlamellen in der Dachschräge beschattet, die zusätzlich optisch die Dachfläche auflösen und sie ein wenig ihrer Massivität berauben.

Als geschlossene Einheit  tritt die imposante Unternehmenszentrale nach außen auf. Im Innenhof stehen die Zeichen auf Begegnung und Vernetzung. © Daniel Hawelka
Als geschlossene Einheit  tritt die imposante Unternehmenszentrale nach außen auf. Im Innenhof stehen die Zeichen auf Begegnung und Vernetzung. © Daniel Hawelka

Tragender Symbolismus

Unter dem schützenden Dach der regionalen Identität – dank des heimischen Baustoffs, der gleichzeitig zukunftsweisend ist – und traditionellen Werten, wie der Bauform, befindet sich der offen gestaltete Arbeitsplatz für 100 Mitarbeiter samt Chefetage. Dachstuhl und variierende Bodenebenen erschaffen eine natürlich wirkende Zonierung. Computer-, Besprechungs- und Ruhebereiche sind darin flexibel angeordnet und für jeden Mitarbeiter frei verfügbar – feste Plätze gibt es nicht. Persönliche Arbeitsmittel finden ihr Zuhause in Trolleys oder Spinden. Zonenaufteilung und Höhenniveaus sorgen gemeinsam mit gezielt platzierten transparenten oder opaken Scheidewänden für ein angenehmes Geräuschlevel.

© Daniel Hawelka
© Daniel Hawelka

Das Konzept steht im Zeichen der Wandelbarkeit und verschwimmender Grenzen, denn so werden Konzentration, Kreativität und Kommunikation zwischen den einzelnen Abteilungen gefördert, was wiederum die Innovationskraft erhöht. Holz dient dabei als Bindeglied. So übersetzt die neue Unternehmenszentrale all das in eine architektonische Form, die für eben diesen Balanceakt steht.

Projektdaten

Standort: Laakirchen
Fertigstellung: 2017
Bauherr: Miba AG
Nutzfläche: 4590 m2
Architektur: Delugan Meissl Associated Architects
Holzbau: Lieb Bau Weiz
Holzlieferant Tragwerk: Pollmeier
Tragwerksplanung: Bollinger + Grohmann
Bauphysik/Brandschutz: Büro Röhrer

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