Holzbau – zurück in der Architektur

Architekt Florian Nagler über die Leistung des Bau- und Werkstoffes Holz

08.01.2019 – Tatsache ist, dass der Holzbau in den vergangenen Jahrzehnten eine unglaubliche Entwicklung genommen hat. Zu meiner Lehrzeit als Zimmerer – die ist 30 Jahre her – haben wir in unserem Betrieb fast ausschließlich Vollholz verwendet und der Einsatz von Leimholz war eine Besonderheit. Unsere Haupttätigkeitsfelder waren Dach- und Hallenkonstruktionen, die, auch wenn sie komplex waren, immer noch 1:1 auf dem Reißboden aufgetragen wurden. Das hat sich alles radikal verändert. Ich habe mittlerweile den Überblick verloren, bei wie vielen Geschossen wir im Holzbau angekommen sind.

Architekt Florian Nagler © TUM
Architekt Florian Nagler © TUM

Das Spektrum der Möglichkeiten im Holzbau hat sich also extrem erweitert. Das betrifft einerseits die Bauprodukte, die aus Holz hergestellt werden – auch die kleinste Dorfzimmerei arbeitet heute mit Brettsperrholz. Andererseits aber auch die Formgebung und die Planungswerkzeuge. Gerade die Holzbaubetriebe sind Vorreiter in Sachen dreidimensionale Planung (BIM!) und parametrische Entwicklung von Bauteilen. Es ist offensichtlich, dass inzwischen die technischen Möglichkeiten so vielfältig sind, dass fast jede Form, die denkbar ist, jetzt auch in Holz gebaut wird. Wobei durchaus infrage gestellt werden darf, ob das auch immer sinnvoll ist!

Eigentlich vorangetrieben und ermöglicht wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch Architekten und Handwerker, deren Interesse am Werkstoff Holz vor allem auch durch einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen motiviert war. Dadurch ist das Holz, das lange Zeit im Architekturdiskurs nur eine sehr geringe Rolle gespielt hat, ganz selbstverständlich wieder zurück in die Architektur gekommen und hat hier eine führende Position eingenommen. Holz ist jedoch als Rohstoff nicht nur im Bauwesen begehrt. Es kann also nicht darum gehen, möglichst viel Holz zu verbauen, sondern darum, es so sinnvoll wie möglich zu verwenden, sparsam einzusetzen und dafür zu sorgen, dass der Rohstoff auch weiter zur Verfügung steht.

Holz ist sicher nicht für jede Bauaufgabe und an jedem Ort verwendbar und sinnvoll einzusetzen. Aber das Vordringen des Holzbaus in die Stadt – beziehungsweise seine Rückkehr – und die bereits realisierten sowie derzeit projektierten Hochhausprojekte zeigen, dass Holz auch in Bereichen eingesetzt werden kann und wird, in denen wir das vor wenigen Jahren noch für unmöglich hielten. Die Innovationskraft und -freude der Holzbranche sind ungebremst. Innovation ist jedoch nicht alles.

Was ich am Holz so liebe, ist, dass wir es so ungeheuer vielseitig einsetzen können: Heute findet das Holz auf vielfältigste Art – vom unbehauenen Stamm bis zum frei im Raum gekrümmten, von Robotern „konfigurierten“ Holzwerkstoff – Anwendung in der zeitgenössischen Architektur. Und das mit jeweils durchaus starken und gültigen architektonischen Positionen.

_fn