2200 Meter über dem Meer

Eine ganz besondere Entwurfsaufgabe

Bauen im Gebirge ist sicher eine der anspruchsvollsten Entwurfsaufgaben. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich Planer die Natur untertan machten. Heute lautet die Devise: Der Eingriff in die Natur soll möglichst klein sein, das Gebäude sich dem Panorama unterordnen. In diesem Sinne ist die Zallinger Hütte ein Paradebeispiel des touristischen Bauens im alpinen Raum.

© Alex Filz
© Alex Filz

Die Hütte selbst ist nicht neu. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie in 2200 Metern Höhe auf der Seiser Alm am Fuße des Plattkofels erbaut. Rund 700 Meter unter dem Gipfel liegt das Berghaus Zallinger, das in ihrer Geschichte schon mehrfach ergänzt und erweitert wurde. Einst war sie von sieben Scheunen und einer kleinen Kirche umgeben. Um 1880 wurden die Scheunen durch ein einziges großes Gebäude ersetzt – ein gewaltiger Eingriff in die räumliche Struktur. Im Laufe der Zeit übernahm dieser Bau jedoch wieder andere Funktionen und so war es nun an der Zeit, eine Erweiterung anzustreben, um Platz für mehr Gästezimmer zu schaffen. Diese Bestrebungen waren eine Gelegenheit, die ursprüngliche Struktur wiederherzustellen. Der Siedlungscharakter entsteht in erster Linie durch eine kleine Kapelle, das „Zallinger Kirchlein“. Seit 1857 steht die schlichte neugotische Kapelle direkt neben dem Haupthaus. Ein Jahr nach der Erbauung wurde sie zu Ehren der unbefleckten Muttergottes festlich eingeweiht. Diverse Restaurierungen, die letzte vor zehn Jahren, hielten das Zallinger Kirchlein bis heute gut instand.

Wie ein kleines Dorf liegt das Hüttenensemble auf der Seiser Alm. Sogar die Kirche fehlt nicht. © Alex Filz
Wie ein kleines Dorf liegt das Hüttenensemble auf der Seiser Alm. Sogar die Kirche fehlt nicht. © Alex Filz

Komplette Umstrukturierung

Das Kernstück des Hotels wurde zuletzt komplett umstrukturiert. Hier wurden ein Teil des ehemaligen Gästehauses und die einstige Scheune abgerissen und durch neue kleinere Gebäude ersetzt. Das Ensemble erweiterte sich so um sechs Chalets. Die kleinteilige Bebauung harmoniert erheblich besser mit der Landschaft. Diese neue Version des Berghauses macht die Kirche wieder zum zentralen Element des renovierten Alpendorfes – so wie es bereits Jahrzehnte vorher schon einmal war. Die drei neuen Baukörper gruppieren sich um den Bestand. So entsteht eine räumliche Struktur mit naturnahen Durchwegungen und interessanten Außenräumen. Die Konstruktionen entstammen einer „Serienbauweise“. Durch ihre unterschiedliche Ausrichtung entsteht dennoch nicht der Eindruck der Monotonie. Um die Baukörper perfekt in die Landschaft zu integrieren, griffen die Architekten von noa* zu einem simplen Trick: Sie gruppierten jeweils zwei Chalets nebeneinander, sodass die Satteldächer an der Trauflinie entlang zusammengeführt wurden. Beide Chalets, die jeweils vier Zimmer beherbergen, sind durch einen gemeinsamen Verteilungskorridor verbunden. Mit der Erweiterung durch die sechs Chalets wurde das Hotel um 24 Zimmer reicher. Sie ergänzen die 13 bestehenden Zimmer im Haupthaus.

Einige Zimmer sind doppelstöckig angelegt. Unter dem Giebel befindet sich eine offene Galerie. © Alex Filz
Einige Zimmer sind doppelstöckig angelegt. Unter dem Giebel befindet sich eine offene Galerie. © Alex Filz
Auch im Badezimmer findet man Holz, wohin das Auge reicht. Der Eindruck eines Saunabereiches entsteht. © Alex Filz
Auch im Badezimmer findet man Holz, wohin das Auge reicht. Der Eindruck eines Saunabereiches entsteht. © Alex Filz

Auswirkungen gering gehalten

Die neuen Gebäude sind in Holzbauweise gefertigt. Damit tragen sie zum einen der optischen Angleichung an den Bestand Rechnung. Zum anderen aber sind vorgefertigte Holzbauteile mit erheblich geringerem Aufwand ins Hochgebirge zu bringen. Auf diese Weise konnten die Auswirkungen des Baus auf die Umwelt so gering wie möglich gehalten werden. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die Bauzeit, die so zum Teil in den Werkstätten des Holzbauunternehmens ASTER aus Jenesien, stattfand. Auch der Material- und Baumaschinentransport konnte so erheblich reduziert werden. Für die Holzbauer war das Projekt nicht nur aufgrund seiner Lage besonders. Geschäftsführer Hubert Gruber betont: „Dieses ist eines unserer besonderen Vorzeigeobjekte. Nicht nur aufgrund der außergewöhnlichen Struktur des Holzbaus und der Fassade, sondern auch der sehr guten Zusammenarbeit mit  dem Architekten und Bauherrn.“

Die Baukörper sind optisch zweigeteilt und erwecken den Eindruck einer kleinteiligen Struktur. Ein offener Korridor in der Mitte bietet Zugang zu den Zimmern. © Alex Filz
Die Baukörper sind optisch zweigeteilt und erwecken den Eindruck einer kleinteiligen Struktur. Ein offener Korridor in der Mitte bietet Zugang zu den Zimmern. © Alex Filz

Überall Holz

Sieht man sich in den Gebäuden der Zallinger Hütte um, so ist Holz das bestimmende Element. Ganz auf Beton verzichten konnten die Planer und Holzbauer beim Bau dennoch nicht: Jedes Chalet ruht auf einem Betonfundament. Bei der Gestaltung der neuen Chalets nehmen die Architekten von noa* die traditionellen Formen der Südtiroler Almen wieder auf und realisieren eine homogene Blockbauholzfassade. Sie verleiht den Bauteilen ein einheitliches Erscheinungsbild. Die Wände bestehen aus Massivholzblöcken, die übereinander versetzt angeordnet werden und so einen Wechsel zwischen Voll- und Leerräumen bilden. Inspiriert von der Ästhetik der alten Scheunen, wurde diese Fassadengestaltung so konzipiert, dass die dahinter liegenden Räume durch die verschiedenen Leerräume zwar belichtet sind, die Fenster aber keine für den Kontext störenden Reflexionen werfen. Dennoch bleibt die spektakuläre alpine Landschaft nicht ausgesperrt. Um den Blick aus dem Innenraum auf die Bergwelt freizugeben, kann die Holzfassade vor den großen Glasfenstern geöffnet werden. Bei geschlossenem Zustand hingegen erzeugen sie interessante Licht- und Schatteneffekte in den Zimmern.

Hubert Gruber, Geschäftsführer von ASTER, verantwortete das Projekt Zallinger Hütte. © Holzbau Aster
Hubert Gruber, Geschäftsführer von ASTER, verantwortete das Projekt Zallinger Hütte. © Holzbau Aster

Wenig Raum, viel Komfort

Nachhaltigkeit, der Respekt vor der Landschaft und der direkte Kontakt mit der Natur sind die Leitprinzipien des Designs. So gingen die Planer bei der Gestaltung sehr bedacht mit dem vorhandenen Platz um. Mit einem ausgefeilten Raumkonzept schafften sie es, auf relativ kleinen Abmessungen einen möglichst hohen Komfort zu bieten. Auch die Dächer brechen nicht mit der Programmatik des Baumaterials: Sie sind mit traditionellen Südtiroler Holzschindeln gedeckt. Der Nachhaltigkeitsgedanke wird dadurch gestärkt, dass es sich um ein zertifiziertes Klimahotel handelt. Deshalb gehört es zum Konzept, die Wege, die Chalets und das Haupthaus verbinden, nicht zu beleuchten, um Lichtverschmutzung zu vermeiden. Gleichzeitig kommen die Gäste in den seltenen Genuss, den ganzen Zauber des Sternenhimmels zu bewundern. Den Weg zu ihren Zimmern finden sie mit USB-betriebenen tragbaren Laternen.

Zudem hat der Hotelbetreiber auf die Klassifizierung von 4 Sternen verzichtet – für diese hätte das Volumen des Gebäudes auf Kosten der Landschaft erhöht werden müssen.

© Alex Filz
© Alex Filz

Projektdaten

Standort: Seiser Alm, Saltria, IT
Fertigstellung: Dezember 2017
Bauherr: Berghaus Zallinger
Architektur: noa* [network of architecture]
Holzbau: ASTER GmbH
Nutzfläche: 1870 m2

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