Sogar Mist verdiene ästhetische Architektur, dachte sich die Stadt Feldkirch, als sie die Bauaufgabe des neu zu errichtenden Altstoffsammelzentrums in die Hände von Marte.Marte legte. Und obwohl dem beauftragten Architekturbüro der Ruf als Betonbauer vorauseilt, fiel die Entscheidung für eine Ausführung in Holzbauweise. Seit 2014 ist es in Feldkirch am Fuße des Ardetzenberges von außen ersichtlich und drinnen Programm: Wiederverwertbarkeit und Nachhaltigkeit.
Spannweiten von bis zu 15 Metern
Das Unterfangen leitete der Wille, den Angestellten des Sammelzentrums einen angenehmen Arbeitsplatz zu bieten. Zudem verlangte der Bauplatz inmitten der Stadt eine ansehnliche Gebäudehülle. Zwischen 50.000 und 70.000 Kunden pro Jahr laden ihren Müll im Altstoffsammelzentrum Feldkirch ab. Privatpersonen kommen mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß. Genauso laden Lkw der Müllabfuhr ihre Ladungen ab. Von Mist in Haushaltsmengen bis zu 3 t schweren Containerladungen kommen hier angefahren – Gegebenheiten, die Reaktion von der Architektur abverlangten. So gestaltet sich das Hallenkonzept offen, hell und für den mülltrennenden Besucher selbsterklärend. Die Einfahrt führt direkt zu den Sammelbehältern, in denen 45 verschiedene Müllarten sortiert werden. Zugunsten der Bewegungsfreiheit innerhalb der Halle war es wichtig, die Anzahl der Stützen möglichst gering zu halten. Allen Lkw und Pkw, die in der Halle Altstoffe anliefern oder abholen, sollte ein einfaches Manövrieren ermöglicht werden. Außen am Gebäude entlang reihen sich weitere Container, die von den liefernden Lkw direkt beladen werden können.
Kaum künstliches Licht vonnöten
Kreuzförmige Brettschichtholz-Stützen, verleimt und in Stahlfüße eingespannt, ermöglichen die maximale Spannweite des Hauptfachwerks von 15 m von Stütze zu Stütze. Mit dem kreuzförmigen Grundriss der Stützen ist die Steifigkeit in zwei Richtungen gegeben. Die Knoten der Fachwerke sind aus Stahl. Da das Hauptträgerfachwerk schräg zum Sekundärträgerfachwerk liegt, musste jeder Anschlusspunkt eingemessen werden. Darauf liegt, ebenfalls in Elementen, die Brettstapeldecke. „Es handelt sich schon um ein imposantes Dachtragwerk. Das machen wir sicher nicht jeden Tag“, gibt Matthias Kaufmann vom ausführenden Holzbauunternehmen Kaufmann Zimmerei und Tischlerei, Reuthe, zu bedenken. „Die größte Herausforderung stellte dabei die Geometrie der Konstruktion im Grundriss und Höhenverlauf dar. Bei der wellenförmigen Ausbildung des Dachs ist jeder Träger überhöht und an den Tiefpunkten der Wellen läuft das Wasser ab. Generell gab es kaum einen rechten Winkel im ganzen Gebäude, kaum eine gerade Kante – das war nicht so leicht in der Umsetzung“, erzählt Kaufmann aus seiner Erfahrung als Projektleiter. Zusätzlich gibt der Holzbauunternehmer die herausfordernde Vereinbarkeit der hohen architektonischen Anforderungen mit der technischen Umsetzbarkeit an, insbesondere in Verbindung mit den Angaben der Tragwerksplaner und den Anforderungen bezüglich des Brandschutzes. Am begrünten Dach sorgen große, runde Lichtkuppeln für Lichteinfall in die Halle. Zwei große Schiebetore und die Büros des Verwaltungstraktes im Erdgeschoss sind nach außen gerichtet. Aufgrund des durchdachten Lichtkonzepts braucht es untertags kaum künstliches Licht. LED-Beleuchtung inklusive automatischer Abschaltung, wenn es in der Halle hell genug ist, sorgt für Zusatzbeleuchtung.
Von der Logik der Verkehrswege bestimmt
522 m³ Fichten- und Lärchenholz aus den Wäldern Feldkirchs sowie der Region waren für den Bau erforderlich. Zur Endbehandlung kamen keine herkömmlichen Holzschutzmittel zum Einsatz. Fenster und Türen sowie Innenausbaumöbel wurden geölt. Der Tannenboden blieb unbehandelt.
„Seit es diese neue, überdachte Lagerfläche gibt, ist das Altstoffsammelzentrum ein Ort der Begegnung geworden“, sagt Reinhold Lins, Leiter der Abfallwirtschaft der Stadt Feldkirch, gegenüber dem Magazin Architektur Aktuell. Mit dem Entwurf überzeugte Marte.Marte nicht nur die Angestellten, sondern auch die Jury des best architects awards sowie jene des Vorarlberger Holzbaupreises 2015. Aus der Jurybegründung: „Die von der Logik der Verkehrswege und der Bewegungsabläufe bestimmte Grundform des Gebäudes verleiht einer an sich einfachen Holzhalle ein beschwingtes und skulptural anmutendes Element. Im Zusammenspiel des beeindruckenden Hallenvolumens mit dem filigranen, räumlichen Tragwerk und den regelmäßig angeordneten Oberlichtern entsteht eine annähernd sakrale Atmosphäre. Das Altstoffsammelzentrum ist ein weiteres Beispiel für die gute Zusammenarbeit von Architekt und Bauherr in Vorarlberg.“
Holzbau als Ort der Begegnung
Bauherr Wilfried Berchtold, Bürgermeister der Stadt Feldkirch, beteuerte im Zuge der Eröffnung: „Da das Altstoffsammelzentrum als Holzbau realisiert wurde, konnte das Ziel der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im Gebäude selbst umgesetzt werden. Das Feldkircher Altstoffsammelzentrum wird somit in Planung und Ausführung den Bedürfnissen seiner Kunden, aber auch der Mitarbeiter, die hier ihre Arbeitsplätze haben, auf vorbildliche Weise gerecht.“ Damit ist das höchste Ziel der Architektur, aber vor allem auch des Holzbaus erfüllt. Feldkirch hat somit fürwahr alles andere als Mist gebaut.
Projektdaten
Standort: Feldkirch
Fertigstellung: 2014
Architektur: Marte.Marte Architekten
Holzbau: Kaufmann Zimmerei und Tischlerei
Holzmenge: 522 m3 BSH, Dreischicht- und OSB-Platten, Holzdübeldecken, Vollholz
Nutzfläche: 3875 m2 (inkl. Außen-bereiche)