Neues Leben eingehaucht

Ein Artikel von Birgit Gruber | 06.10.2020 - 08:25
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Das in die Lagerhalle eingefügte Büroloft ist eine ehrliche Konstruktion aus massivem Holz. Sie bedient sich der bestehenden Infrastruktur und Bausubstanz, stiftet jedoch Identität im Sinne der Nachhaltigkeit. © Simon Oberhofer

Die Geschäftsführer und Mitarbeiter von PCT Austria, laut eigenen Angaben Technologie- und Marktführer im Bereich zementärer Sonderestrich- und Schnellestrichsysteme, mussten bis Mitte des Vorjahres zwischen ihrem Unternehmenssitz in Eugendorf und der Lagerhalle in Thalgau pendeln. Mehrmals täglich wurden dabei auf einer Strecke 10 km zurückgelegt – logistisch eine echte Herausforderung. Anfang 2018 entstand daher der Gedanke, beide Standorte zusammenzuführen und die Arbeitsweise nicht nur der Umwelt zuliebe effizienter zu gestalten. Das bisher brachliegende Potenzial ihrer Lagerhalle in Thalgau sollte dafür genutzt und dem unattraktiven Gewerbe- und Industriegebiet neues Leben eingehaucht werden. Kein einfaches Unterfangen, wie sich nach einem ersten Bebauungskonzept herausstellen sollte. Mit dem Entwurf unzufrieden, wandten sich die Geschäftsführer an das Architekturbüro dunkelschwarz aus Salzburg. Auftraggeber und Planer verbindet ein freundschaftliches Verhältnis. „Das Vorkonzept hat die Bestandshalle komplett negiert und einen Abriss vorgeschlagen. Stattdessen wurde die Errichtung eines viel zu geräumigen Gewerbebaus vorgeschlagen“, erzählt dunkelschwarz-Partner Hannes Sampl. Gemeinsam mit den Geschäftsführern der Estrichfirma habe man die wichtigsten Fakten erarbeitet und erkannt, dass weniger oft mehr ist. Der Bedarf an neuen Lager- und Büroflächen war überschaubar. „Für uns war somit klar, dass wir die bestehende Lagerhalle in unsere Pläne miteinbeziehen wollen. Diese wurde damals aus Betonfertigteilen gebaut und ist wahrlich kein schmuckes Juwel. Dennoch steht sie solide da und verfügt über eine funktionierende Infrastruktur. Die Halle abzureißen wäre unsinnig gewesen. Stattdessen haben wir die Idee geboren, eine Art Meisterkabine – also einen abgeschlossenen Raum im Raum – in das Bestandsgebäude einzuschieben“, erklärt Sampl.

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Auch der Außenbereich wurde liebevoll und mit viel Holz gestaltet.
© Simon Oberhofer  

Ein Ort der Kommunikation

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Die Betonbar im Eingangsbereich ist ein echter Hingucker und Ort der Kommunikation. Sie wurde in Eigenleistung von Bauherren und Architekten gemeinsam erbaut.   © Simon Oberhofer  

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die frei stehende Büroloftbox mit Abmessungen von 21,5 x 7,3 x 6,3 m (insgesamt 250 m2 Nutzfläche) in monolithischer Holzbauweise schafft Arbeitsplätze für bis zu 14 Personen. Eine Brücke mit drei Stufen aus Metall ragt auf den Vorplatz hinaus und definiert den Eingang. Sie ist beweglich und kann bei Betriebsurlaub eingezogen werden. Durch die alten Faltschiebetore und die Bestandshalle hindurch gelangen Besucher und Mitarbeiter in die neuen Räumlichkeiten. „Man spürt förmlich das eingestellte Volumen und riecht schon von Weitem das in Sicht belassene Holz“, freut sich Sampl. Im unteren Teil der zweigeschossigen Box befindet sich der Empfangsbereich. Eine Bar aus Beton ist dort ein echter Hingucker. „Wir wollten einen Ort der Kommunikation schaffen, wo Büro- und Lagerflächen in eine Art Blickbeziehung treten. Personal und Kunden haben dadurch eine direkte Verbindung zu den Produkten in den Hochregalen, die aufgrund der räumlichen Trennung bislang gefehlt hat“, weiß der Architekt. Im zweiten Geschoss sind die Geschäftsführerbüros und ein offener Besprechungsraum, der den Blick auf das darunterliegende Foyer freigibt, untergebracht.  

Das Objekt ist eine ehrliche Konstruktion aus Massivholz – und sonst nichts.

Architekt DI Hannes Sampl

Geht das nur mit Holz?

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Die dunkelschwarz-Architekten Hannes Sampl, Michael Höcketstaller und Erhard Steiner (v.li.) bei einem Lokalaugenschein auf der Holzbaustelle. © Simon Oberhofer

Auf die Frage, ob für ein derartiges Projekt nur Holz infrage kommt, gibt Sampl ein klares Bekenntnis pro Holzbau: „Unser Büro baut sehr gerne und sehr viel mit Holz, weil der gesunde Baustoff konstruktionstechnisch, aber auch raumatmosphärisch voll überzeugen kann. Wenn man das Holz in Sicht belässt, spürt man schnell den Raum und die positiven Eigenschaften des natürlichen Werkstoffes. Diese Ehrlichkeit des Materials ist für uns sehr wichtig.“ Mit dem Einbau im Sinne eines eingestellten Raumes wollten die Architekten außerdem einen bewussten Kontrast in der Materialität erzeugen. Die Wandelemente aus 28 cm starkem Fichten-Brettsperrholz wurden bei Ebner Holzbau in Mondsee abgebunden. Das Unternehmen arbeitete dabei mit binderholz als Systemlieferant eng zusammen. Die Stöße der Holzelemente sind sichtbar verschraubt. „Ein feingliedriger Holzbau wäre für dieses Umfeld nicht die richtige Antwort gewesen“, erklärt Sampl. Für den Einschub musste die alte Lagerhalle lediglich an einer Seitenwand geöffnet werden, um das Büroloft mit Licht zu versorgen. Zusätzlich wurde die bestehende Fassade mit einem dunklen Anstrich versehen und die Dachuntersicht mittels eines Sandstrahlers saniert. Bei den in die Jahre gekommenen Faltschiebetoren hat man sich ebenfalls für eine Revitalisierung entschieden. Sie wurden ausgebaut, gängig gemacht und ihre Brettschalung erneuert.
Die Architekten nutzen also jede Chance, den funktionalen Baubestand in seiner Substanz zu übernehmen, den Einbau des neuen Büros dieser Struktur unterzuordnen und dadurch Vorteile für Planung, Bau und Vertrieb im Arbeitsalltag zu generieren. Die Möbel und Inneneinrichtung des Büros sind aus Birkensperrholz gefertigt

Lagerhalle als Klimahülle

Zudem funktioniert die bestehende Halle als Klimahülle, was eine Dämmung der Holzwände obsolet machte. Geheizt beziehungsweise gekühlt wird über eine Luftwärmepumpe und die Fußbodenheizung im Sichtestrich. Photovoltaikelemente am Dach liefern dafür die nötige Energie. Das große Vordach der Halle bietet ebenfalls Schutz vor Sonneneinstrahlung und Witterung. Diese Form der Nachhaltigkeit hält die Kosten der Errichtung und des laufenden Betriebs niedrig.

Projektdaten

Standort: Thalgau
Bauherrschaft: PCT Austria
Bauzeit inkl. Planung: Januar 2018 bis Mai 2019
Architektur: dunkelschwarz ZT OG
Holzbau: Ebner Bau GmbH
Systemlieferant: binderholz
Holzmenge: ca. 124 m3 BSP
Nutzfläche: 250 m²