Der gemeinnützige Holzgraf

Ein Artikel von Raphael Zeman | 19.05.2026 - 07:59
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Modular heißt nicht eintönig: Abwechselnd angeordnete, unterschiedlich große Verglasungen, die horizontale Schalung im Erdgeschoß, zurückversetzte Eingangsbereiche und viele weitere Details machen
das Projekt lebendig. © tschinkersten fotografie

„Unser Büro gibt es seit über 30 Jahren und genauso lange entwerfen wir schon hauptsächlich in Holz. Im Osten waren wir damit am Anfang ziemlich allein, es gab aber auch noch keine große Nachfrage. Vor rund zehn Jahren kam dann der Aufschwung und die Projekte sind beständig mehr geworden – 2020 haben wir uns dazu entschieden, ausschließlich Holzbauten und regenerative Sanierungen zu planen“, erzählt Martin Aichholzer, Co-Gründer von MAGK Architekten Aichholzer | Klein.

Darüber hinaus ist das Wiener Büro schon länger in diverse Forschungs- und Förderprojekte im Bereich nachhaltiges Bauen involviert. „Eines davon war das sogenannte Holzbau-Coaching von proHolz. Im Zuge dessen haben wir über zwei Jahre hinweg sieben Bauträger im Bauen mit Holz gecoacht, unter anderem auch die Gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft Alpenland – von der wir dann auch zum Wettbewerb für einen mehrgeschoßigen Wohnbau in Holz eingeladen wurden“, verrät Aichholzer weiter.

Partnerschaftlicher Wettbewerb

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© tschinkersten fotografie

Eine Besonderheit an diesem Wettbewerb war die Partnerschaftlichkeit. Voraussetzung war, dass die Architekten und Planer gemeinsam mit einem GU-Zimmereibetrieb antreten mussten. Aichholzer dachte dabei sofort an Rubner, da das ausgewählte Grundstück am ehemaligen Firmengelände von Rubner im niederösterreichischen Ober-Grafendorf liegt und man bereits gemeinsame Projekterfahrungen gesammelt hatte. Für die Baumeisterarbeiten bildete der Holzbaubetrieb dann noch eine Arbeitsgemeinschaft mit Strabag – und das Team war komplett.

Eine weitere Besonderheit des Wettbewerbs war die detaillierte Bau- und Ausstattungsbeschreibung, die Alpenland den Teams übermittelte. „Wir haben die so gut gelesen, dass es kaum Anpassungen gab – auch im Übergang vom Wettbewerb zum Entwurf“, erinnert sich Aichholzer zurück.

Baukastensystem nach dem Lego-Prinzip

Vonseiten Alpenland wünschte man sich ein modulares Prinzip, das replizierbar ist und trotzdem einen funktionellen und gestalterischen Spielraum lässt. Vorgegeben waren 80 Wohnungen auf drei Geschossen in x-beliebig vielen Baukörpern, zudem war die Errichtung auf zwei Bauabschnitte aufgeteilt. „Wir haben uns auch aufgrund der zwei Bauphasen für vier Baukörper entschieden und dann das städtebauliche Konzept darauf abgestimmt. So entstanden drei Zwischenräume, zwei davon privat und der dritte mit Spielplatz und Aufenthaltsbereichen als kommunale Fläche sozusagen“, berichtet Aichholzer.

Zudem erarbeitete man ein Lego-ähnliches Baukastensystem mit zwei Arten von Bausteinen, die unterschiedlich kombiniert werden können. „Das klingt aber einfacher, als es war. Aus ökologischen und bautechnischen Gründen gibt es keinen Keller, daher mussten wir in jedem Geschoß eine Wohnung für die Lagerräume ‚opfern‘. Im Erdgeschoß wurde eine weitere Wohnung für Technik- und Fahrradräume eingespart. Im obersten Geschoß haben wir zudem zwei Wohnungen für den Höhenausgleich ausgelassen. Das heißt, wir haben mit dem Flächenausgleich über die Fassade die Höhe reduziert, und nicht durch Staffeln“, erklärt Aichholzer das Prinzip. Denn sie planten die Gebäude als Viergeschoßer mit jeweils zwei Dachterrassen.

Nun fügt sich das Ensemble auch hinsichtlich Bebauungsstruktur und Körnung harmonisch in den örtlichen Bestand mit seinen langgestreckten Formen. Erschlossen ist das Grundstück – auch als Distanzhalter zum dort angrenzenden Friedhof – im Norden über eine Zufahrtsstraße mit Parkplätzen, Carports und einer Art Laubengang inklusive Fahrradstellplätzen. Gemeinsam mit den dort verorteten Pergolen entsteht so eine witterungsgeschützte Verbindungsachse durch das Grundsück.

Arbeitstitel: „gleich anders“

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Während der Wettbewerbsphase trug das Projekt bei MAGK den Arbeitstitel „gleich anders“. Denn eigentlich habe man einen einzelnen Baukörper kreiert, diesen dann gespiegelt und oben die Wohnungen auf unterschiedliche Weise entnommen. Dadurch ergibt sich ein unterschiedliches Erscheinungsbild und das Ensemble wirkt nicht monoton. Zugleich sind so die Erschließungskerne zwischen den jeweiligen Gebäudepaaren zueinander ausgerichtet und es entstehen Ausgänge in den privaten Hof, sozusagen der Minispielplatz für die Kleinen. In der Mitte des Grundstücks ist der öffentliche Bereich mit großem Spielplatz verortet, den auch die Nachbarskinder frei mitnutzen können.

Ein besonderes Detail lässt sich auch im Sockelbereich erkennen. Denn im Erdgeschoß wurde die Fassadenschalung im Gegensatz zu den darüberliegenden Geschoßen horizontal angebracht. Das hat zweierlei Gründe: Einerseits rein praktisch, denn die Planer wollten so den Sockel betonen und mehr Lebendigkeit ins Erscheinungsbild bringen. Andererseits wurde so die Fassade vor potenziellen Beschädigungen in der Bauphase, beispielsweise durch Baggern im Garten, geschützt. Denn die Außenwände für das Erdgeschoß wurden – wie Aichholzer es nennt, mit „kurzen Hosen“ – geliefert und die untersten Lamellen erst am Ende montiert.

„Guter, gestandener Holzrahmenbau“

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Eine Art Laubengang und mittlerweile bewachsene Pergolen bilden eine Achse durch das Ensemble. © tschinkersten fotografie

Rubner, deren Standort heute nur vier Kilometer vom Grundstück entfernt ist, lieferte die Holzbauelemente mit sehr hohem Vorfertigungsgrad inklusive Fenstern, Blechen, Sonnenschutz etc. Das führte zu einer Bauzeit von etwa vier Monaten pro Bauphase. Die L-förmigen Erschließungskerne wurden mit Betonfertigteilen hergestellt und daran der Holzbau angestellt. „In der Außenwand haben wir einen guten, gestandenen Holrahmenbau, teilweise auch in den Wohnungstrennwänden. Die Decken sind aus Brettsperrholz und wurden in Sicht belassen. Wichtig war uns dabei eine möglichst große Rückbaubarkeit. Wir haben beispielsweise versucht, hauptsächlich eingehängte Träger zu verwenden und mit vielen geschraubten Verbindungen gearbeitet“, so Aichholzer.

Besonders ist auch die nicht gebundene Schüttung im Fußbodenaufbau. Hier wurde Kies mit sehr geringer Feuchtigkeit eingeblasen. Durch Kanthölzer im Unterboden wirkt er wie eine gebundene Schüttung, kann aber beim Rückbau einfach abgesaugt werden. Zudem verfolgte man einen zwiebelartigen Aufbau: Die Statik, Technik, Erschließung und Lagerräume liegen ganz innen in der sozusagen dunklen Zone. Daran schließen die nicht mit Tageslicht versorgten, aber technisch belüfteten Nasszellen und daran die Küchen an. So musste man weniger Schächte einbauen, was Kosten sowohl in der Errichtung als auch bei potenziellen Wartungs- oder Reparaturarbeiten spart. Außen herum befinden sich dann die großzügig mit Tageslicht versorgten Wohnräume.

Nachhaltigkeit auf vielen Ebenen

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Kleine Botschaften im Gebäude berichten über die Nachhaltigkeitsaspekte des Projekts . © tschinkersten fotografie

So entstanden insgesamt 80 gemeinnützig geförderte Wohneinheiten zu einem Mietpreis von 11,80 €/m² inklusive Stellplatz, Betriebskosten und Umsatzsteuer. Zur klimaaktiv Auszeichnung mit Silber meint Aichholzer: „Im Holzbau kann man da eigentlich mehr holen, aber in Anbetracht des günstigen Kaufpreises lässt sich das wirklich sehen.“ Verbaut wurden rund 1580 m³ Holz, 85 % der Elemente sind rezyklierbar und 73 % der Materialien regenerativ. Am Dach befinden sich extensive Begrünungen, Versickerungskörper tragen zusätzlich zur Niederschlagswassernutzung bei.

Und auch dem Thema Sichtbarkeit widmeten die Architekten große Aufmerksamkeit. Die Erschließungskerne sind absichtlich großzügig gehalten, ebenso die dort verbauten Verglasungen. Neben den Brettsperrholzdecken beließ man ebenfalls eine Wand pro Wohnung in Sicht – um den Baustoff zu zeigen. Kleine Botschaften berichten im ganzen Gebäude über die Nachhaltigkeit des Projekts. All diese Faktoren trugen dazu bei, dass das von MAGK als „Holzgraf“ betitelte Projekt bereits den niederösterreichischen Wohnbaupreis und den niederösterreichischen Holzbaupreis gewann. Ende Mai wird sich dann zeigen, ob man auch beim erstmalig vergebenen Staatspreis Holzbau abräumen kann.

Projektdaten

Standort: Ober-Grafendorf
Bauherrschaft: Alpenland Gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft
Baubeginn: 04/2022
Fertigstellung: 11/2023
Architektur: MAGK Architekten Aichholzer | Klein
Generalunternehmer: ARGE Rubner Holzbau und Strabag
Tragwerksplanung: Dr. Wolfgang Billensteiner
Bauphysik: Kalczyk & Kreihansel
Holzbau: Rubner Holzbau
Verwendete Holzmenge: 1580 m³
Grundstücksfläche: 8060 m²
Bruttogeschoßfläche: 8365 m²