Wer den Schlossplatz von Hohenems überquert und durch den schlichten Torbogen geht, merkt sofort, dass es hier anders ist. Nach wenigen Schritten lässt man das belebte Zentrum hinter sich und kommt in eine ruhigere Gegend mit schmalen Wegen, plätscherndem Wasser und einer fast dörflichen Stimmung. Das „dörfliche Ems“ liegt ganz nah am Zentrum, fühlt sich aber wie ein eigener kleiner Ort an.
Geschichte als leiser Resonanzraum
Der Ort hat seinen besonderen Charakter durch seine Geschichte. Am Zusammenfluss von Emsbach und Salzbach wurde über viele Jahre gearbeitet und gelebt. Früher gab es dort Mühlen, Sägewerke und kleine Handwerksbetriebe, die das Gebiet bis ins 20. Jahrhundert geprägt haben. Heute erinnern noch einige Gebäude, kleine Museen und die gewachsene Struktur daran. Die Stadt hat diesen Wert erkannt und entwickelt die historische Mitte vorsichtig weiter. Plätze werden neu gestaltet, Bäche sowie Gassen aufgewertet und der Verkehr wird reduziert. Das Ziel ist, den Ort lebendig zu halten und weiterzuentwickeln, ohne dass er seinen Charakter verliert. Das „dörfliche Ems“ verbindet somit das Stadtzentrum mit den eher ruhigen, fast ländlichen Bereichen.
Im Spannungsfeld der Zeiten
Mitten in diesem Umfeld steht das neue Wohnhaus in der Wagnerstraße. Es verzichtet bewusst auf auffällige Architektur und fällt gerade dadurch auf. Das Gebäude wirkt vertraut und passend zur Umgebung, ohne langweilig zu sein. Ludescher + Lutz Architekten aus Bregenz bringen ihr Projekt selbst in eine prägnante Formel: „Kontinuität, Identität, Originalität.“ Drei Begriffe, die als Haltung verstanden werden wollen. Kontinuität bedeutet hier das Weiterdenken des Vorhandenen, Identität die Verankerung im Ort, und Originalität die Fähigkeit, daraus etwas Eigenständiges zu entwickeln.
Ein altes Foto als Ausgangspunkt
Das historische Motiv diente als atmosphärische Inspiration für den heutigen Neubau - auf der Aufnahme ist ein lebendiger Straßenraum mit Menschen, Brücke und Brunnen zu erkennen. © Archiv Architekten
Ausgangspunkt des Entwurfs war ein historisches Foto aus der Zeit um 1900. Es zeigt die ehemalige Säge an genau jenem Ort. Für die Architekten wurde dieses Bild zu einer Art atmosphärischer Leitlinie. Es habe ihnen, so berichten sie, weniger als formale Vorlage gedient, sondern vielmehr als Inspiration für eine Architektur, die Nähe, Alltag und Öffentlichkeit selbstverständlich miteinander verbindet. Im Bild zu sehen sind ein lebendiger Straßenraum, ausladende Vordächer, hölzerne Fassaden, kleine Hausgärten entlang der Straße, ein Brunnen, eine Brücke und Menschen, die diesen Raum nutzen. Diese selbstverständliche Durchmischung von Privatheit und Öffentlichkeit wurde zum zentralen Motiv des Entwurfs.
Tradition als Prinzip, nicht als Zitat
Das neue Wohnhaus in der Wagnerstraße fügt sich harmonisch in die kleinteilige Struktur des historischen Quartiers ein. Der Neubau vermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und entwickelt eine eigenständige architektonische Haltung. © Gustav Willeit
Diese Eindrücke übersetzen sich im Neubau in eine klare architektonische Sprache. Besonders prägend ist das Satteldach mit seiner weit auskragenden Traufe. Ein Motiv des klassischen Rheintalhauses. Historisch sei diese Form funktional entstanden, erklären die Architekten: „Es war wichtig, mit dem Heuwagen auch bei schlechtem Wetter vor dem Haus stehen zu können.“ Heute schafft die Traufe einen geschützten Vorbereich, der Eingang, Fahrradabstellplätze und Aufenthaltszonen überdeckt.
Gleichzeitig betonen die Planer, dass es ihnen nicht um Nostalgie gehe. Die Transformation der traditionellen Form erfolgt bewusst über Abstraktion. Ziel sei es, die archetypische Präsenz zu bewahren, ohne in eine bloße Reproduktion zu verfallen. Ein gewisses Rätsel soll bleiben. Eine Uneindeutigkeit, die den Bau offen für Interpretation macht. Präzise Details sorgen dafür, dass diese Reduktion nicht beliebig wird. „So entsteht eine Architektur, die zwischen Erinnerung und zeitgenössischem Ausdruck vermittelt und ihre Qualität aus der Spannung von Reduktion und Materialität bezieht.“
Bauen im Dialog mit den Bewohnern
Loggien, Gärten und Terrassen verbinden Innen- und Außenräume und schaffen vielfältige Aufenthaltsqualitäten. © Gustav Willeit
Die Umsetzung war komplex. Die innerörtliche Lage, die Nähe zu Nachbargebäuden und die dichte Struktur erforderten intensive Abstimmungen. „Gleichzeitig brachten Käufer individuelle Wünsche ein, die teilweise tief in die Planung eingriffen“, weiß Elmar Ludescher. Die Architekten schildern, dass solche Eingriffe, etwa offene Kamine oder galerieartige Räume, immer auch die Gesamtidee betreffen. Deshalb seien sie nicht uneingeschränkt realisierbar gewesen. Gefordert war ein sensibler Prozess, in dem architektonische Kohärenz und persönliche Bedürfnisse miteinander in Einklang gebracht wurden. Dieser Dialog habe von allen Beteiligten ein hohes Maß an Verständnis und Präzision verlangt.
Für das Gebäude wurden vier unterschiedliche Wohnungstypen entwickelt. Zwei davon sind als Maisonetten unter dem geneigten Dach organisiert. Gerade diese Lösungen seien besonders anspruchsvoll gewesen, erklären die Architekten. Das Entwerfen unter Schrägen verlange ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen. Höhenstaffelungen, Lichtführung und Proportionen müssten präzise aufeinander abgestimmt werden. Ziel sei es, aus den vermeintlichen Einschränkungen des Dachraums eine eigene Qualität zu entwickeln.
Ruhe durch Reduktion
Die Wohnungen wirken trotz ihrer zentralen Lage ruhig und hochwertig. Diese Qualität entsteht nicht durch Inszenierung, sondern durch Zurückhaltung. Die Architekten betonen, dass sie bewusst auf demonstrativen Luxus verzichtet und stattdessen in wesentliche Materialien investiert haben. Holzböden, Fliesen und Türrahmen folgen einem klaren, durchgängigen Konzept. Diese Kontinuität schafft eine ruhige, selbstverständliche Atmosphäre. Unterstützt wird dies durch die Orientierung der Räume. Während der Eingang im Südosten liegt, öffnen sich Loggien und Gärten nach Nordwesten.
Zwischenräume als soziale Qualität
Das Gebäude steht beispielhaft für eine Architektur, die Identität bewahrt und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnet. Die reduzierte Materialwahl sorgt zudem für eine ruhige, klare und hochwertige Wohnatmosphäre. © Karin Nussbaumer
Besondere Aufmerksamkeit gilt den Übergängen. Das Stiegenhaus ist natürlich belichtet, öffnet sich visuell zur Straße und ist bis ins Detail gestaltet. Es wird als sozialer Raum verstanden, als Ort der Begegnung und des täglichen Durchgangs. Die Architekten sehen solche Bereiche als „sensible Zonen“, die maßgeblich zur Wohnqualität beitragen. Gerade in einer Zeit zunehmender Anonymität können sie Gemeinschaft fördern und Identität stiften. Auch die Loggien, Terrassen und Gärten sind Teil dieses Konzepts. Sie schaffen differenzierte Übergänge zwischen Innen und Außen und verbinden Rückzug mit Offenheit.
Materialität mit Haltung
Das weit auskragende Satteldach schafft geschützte Übergangsbereiche und greift traditionelle Bauformen neu auf. Die Holzfassade aus Weißtanne prägt das Erscheinungsbild und verändert sich bewusst im Laufe der Zeit. © Gustav Willeit
Das Haus konzentriert sich auf wenige, präzise eingesetzte Materialien. Das Gebäude wurde in einer klar strukturierten Mischbauweise realisiert, bei der Holz, Stahl und Beton gezielt miteinander kombiniert wurden. Die rund 50 cm starken Außenwände entstanden als Holzständerkonstruktion mit innenliegender Installationsebene und einer hinterlüfteten Holzfassade als äußerem Abschluss. Im Inneren wurden die Wände in Trockenbauweise ausgeführt und punktuell durch integrierte Stahlstützen ergänzt, wodurch sowohl statische Anforderungen als auch räumliche Flexibilität gewährleistet werden. Raumhohe Innentüren unterstreichen die klare Vertikalität der Räume. Die Geschoßdecken aus Stahlbeton bilden einen massiven Gegenpol zur leichten Holzbauweise und sorgen für die notwendige Speichermasse. Den oberen Abschluß bildet ein Satteldach mit Mineralwolledämmung, das die reduzierte, zeitgemäße Architektursprache des Gebäudes abrundet.
Die Fassade aus Weißtanne darf altern und ihre Vergrauung ist Teil des architektonischen Konzepts. Der Holzbau wurde von Steurer Holzbau aus Buch umgesetzt. Kupferverblechungen an Dach und Sockel verleihen dem Baukörper eine feine Kontur. Das Dach aus Biberschwanzziegeln – in der Variante „Wiener Tasche“ – sorgt für eine ruhige, horizontale Struktur. „Diese Reihung der Ziegel auf der Dachfläche unterstreicht damit die klare Geometrie des Baukörpers zusätzlich.”
Nachhaltigkeit als Frage des Ortes
Die Frage, welche Rolle Nachhaltigkeit und langfristige Nutzungsqualität bei ihren Wohnprojekten spielen, beantworten die Architekten mit einem klaren Statement. Nachhaltigkeit beginne nämlich nicht bei der Technik, sondern beim Standort selbst. „Wenn ich im Inneren eines Ortes baue und wohne, dann wird mein Auto selten benutzt. Ich gehe zu Fuß, fahre mit dem Rad, bin Teil des Stadtlebens, fördere die örtliche Kaufmannschaft, kenne meine Nachbarn und beanspruche wenig Infrastruktur. Ein Haus am Ortsrand oder in der Einsamkeit kann selbst als Passivhaus diese zentralörtliche Lage kaum jemals einholen.“
Für kleine und mittelgroße Städte sehen die Architekten jedoch große Herausforderungen in der oft fehlenden räumlichen Dichte. „Wir sehen vielfach an kleinen und mittelgroßen Städten, dass es diese nie geschafft haben, von der offenen zur geschlossenen Bebauung zu kommen. Dadurch ist die Begleitung der Straßen und Gehsteige durch Geschäfte und Lokale sehr lückenhaft und das macht es für den Fußgänger bisweilen unattraktiv und langweilig“, so Philip Lutz. Ihr Ansatz sieht flexible Erdgeschoßzonen mit ausreichender Raumhöhe und einfacher Zugänglichkeit vor. So könnten Wohnungen künftig auch als Geschäfte oder Werkstätten genutzt werden. Die Stadt bleibt dadurch anpassungsfähig.
Architektur, die angenommen wird
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die über das Projekt hinausweist. Gute Architektur entsteht dort, wo Vertrauen vorhanden ist. Wenn Bauherren, Planer und Nutzer gemeinsam arbeiten, kann sich die Architektur entfalten. Oder, wie es die Architekten formulieren: Die größte Bestätigung sei, dass die Bewohner „auf ihr Haus stolz sind“. Das Wohnhaus in der Wagnerstraße ist damit mehr als ein Neubau. Es ist ein leiser Beitrag zur Baukultur und ein Beispiel dafür, wie sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem stimmigen Ganzen verbinden lassen.
Projektdaten
Standort: Wagnerstraße 2, 6845 Hohenems
Bauherr: Schadenbauer Projekt- und Quartierentwicklungs GmbH
Baubeginn: 10/2022
Einzug: 01/2024
Architektur: Ludescher + Lutz Architekten
Holzbau: Steurer Holzbau
Tragwerksplanung: Kofler Baustatik
Bauphysik: Hafner Weithas Bauphysik
Holzarten: Weißtanne
Verbaute Holzmenge: rund 141 m³
Grundstücksfläche: 580 m²
Wohnfläche: 475 m²