Ressourcenschonend Bauen mit Holz

Ein Artikel von Atelier Schmidt | 13.05.2026 - 08:45
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Architekturfotografie Schweiz © Damian Poffet

Am Rand von Zürich, dort, wo die dichte Stadtstruktur allmählich in offene Landschaft übergeht, liegt die Gemeinde Nänikon. Zwischen Feldern, Reitställen und kleinteiligen Wohnbauten wurde ein ehemaliges Fabrikareal in ein Wohnquartier transformiert. Die neue Überbauung fügt sich in die vorhandene Struktur ein und entwickelt ihre Qualität weniger über eine prägnante architektonische Geste als über Konstruktion, Material und Nutzung.

Das Areal war über Jahrzehnte industriell geprägt. Hier wurden Zuckerdekore, Marzipan und Schokolade produziert, bevor die Fabrik ihre Tore schloss und Raum für eine neue Entwicklung entstand. Mit der Umnutzung wurde nicht nur eine bauliche Transformation angestoßen, sondern auch ein Wechsel in der Identität des Ortes vollzogen – vom Produktionsstandort hin zu einem Wohnquartier mit gemeinschaftlichem Anspruch.

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© Beat Brechbühl

Drei langgestreckte Baukörper stehen auf dem Areal und fassen einen T-förmigen Hofraum, der zugleich Erschließung und gemeinschaftlicher Aufenthaltsbereich ist. Die Anlage wirkt offen, ohne beliebig zu sein. Wege kreuzen sich, Blickbeziehungen entstehen und unterschiedliche Aufenthaltszonen gehen fließend ineinander über. Der Hof wird dabei nicht nur als funktionale Erschließung verstanden, sondern als sozialer Raum, der den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner prägt. Seine klare räumliche Fassung sorgt dafür, dass er als gemeinschaftlicher Ort wahrgenommen wird, während gleichzeitig ausreichend Rückzugsbereiche erhalten bleiben.

Die Maßstäblichkeit der Gebäude orientiert sich an der Umgebung. Aneinandergereihte Satteldächer gliedern die Baukörper und vermitteln zwischen der Dichte eines Wohnquartiers und der kleinteiligen Dorfstruktur. Gleichzeitig erinnern die Dachformen mit ihren rhythmischen Einschnitten an die industrielle Vergangenheit des Ortes und nehmen Bezug auf frühere Produktionshallen. Die Dachlandschaft trägt so zur Identität des Quartiers bei und verbindet Alt und Neu.

Insgesamt umfasst die Überbauung 28 Wohneinheiten. Neben mehrgeschoßigen Reihenhäusern gibt es Etagenwohnungen und Maisonetten in unterschiedlichen Größen – vom kompakten Studio bis zur großzügigen Familienwohnung. Ein Teil der Wohnungen wird vermietet, der andere Teil ist als Eigentum organisiert. Diese Mischung ermöglicht eine soziale und altersmäßige Durchmischung der Bewohnerschaft und fördert ein vielfältiges Wohnumfeld.

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© Beat Brechbühl

Die Gebäude wurden differenziert auf ihre Umgebung konzipiert. Zur Straße hin zeigen sie sich eher geschlossen und zurückhaltend, während sie sich zum Hof und zu den Gärten mit großzügigen Verglasungen öffnen. Balkone, Loggien und vorgestellte Holzkonstruktionen erweitern die Wohnungen und schaffen Übergänge zwischen Innen- und Außenraum. Diese räumliche Staffelung ermöglicht unterschiedliche Grade von Öffentlichkeit und Privatraum.

Der Außenraum ist bewusst als gemeinschaftlicher Lebensraum gestaltet. Sitzbänke unter Bäumen, Hochbeete, eine Grillstelle und ein gemeinsamer Tisch aus einem ehemaligen Baumstamm prägen das Bild der Anlage. Diese Elemente fördern das nachbarschaftliche Miteinander und bringen dörfliche Qualitäten in eine verdichtete Wohnform. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Aneignung, wodurch sich das Quartier im Laufe der Zeit weiterentwickeln kann.

Auch die Erschließung trägt zur sozialen Qualität bei. Laubengänge verbinden die Wohnungen und schaffen halböffentliche Räume, die zwischen privatem Wohnen und gemeinschaftlichem Leben vermitteln. Zentrale Bereiche wie Briefkastenanlagen oder Zugänge bündeln die Wege und erhöhen die Wahrscheinlichkeit zufälliger Begegnungen. Diese räumliche Organisation wirkt der Anonymität entgegen, die in verdichteten Wohnformen häufig entsteht. 

Konstruktion und Material

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© Damian Poffet

Die konstruktive Grundlage der Gebäude bildet ein Holzrahmenbau, der mit Strohballen ausgefacht ist. Die Kombination aus Holz, Stroh und Kalk prägt das Projekt auf allen Ebenen und bildet einen Dreiklang natürlicher Materialien.

Ursprünglich war vorgesehen, das Stroh auch tragend einzusetzen. Aufgrund des erhöhten Nachweisaufwands wurde dieser Ansatz zugunsten einer tragenden Holzstruktur weiterentwickelt. Diese übernimmt die Lasten und ermöglicht gleichzeitig eine flexible und wirtschaftliche Umsetzung.

Die Außenwände bestehen aus vorgefertigten Holz-Stroh-Elementen. In Brettsperrholzrahmen wurden die getrockneten Strohballen dicht eingelegt und anschließend mit Kalk verputzt. Die Dämmstärke beträgt rund 75 cm und wird vor allem durch die tiefen Fenster- und Türlaibungen sichtbar. Diese Tiefe verleiht den Fassaden eine plastische Wirkung und schafft im Innenraum fensterbegleitende Nischen, die als Aufenthaltsorte genutzt werden können.

Auch im Dach und in den Decken wird Stroh als Dämmmaterial eingesetzt. Insgesamt wurden rund 420 t Stroh verbaut. Ergänzt wird dies durch den Einsatz von über 1800 m³ Holz, wodurch erhebliche Mengen CO2 langfristig im Gebäude gebunden werden.

Die Gebäude wurden in hohem Maß vorgefertigt. Geschoßhohe Raummodule und Wandelemente entstanden im Werk und wurden bereits mit Oberflächen und Installationen auf die Baustelle geliefert. Diese Vorfertigung ermöglicht eine hohe Ausführungsqualität und reduziert gleichzeitig die Bauzeit sowie die Belastung für die Umgebung.

Die modulare Bauweise bleibt auch nach der Fertigstellung ablesbar. An der Fassade markieren horizontale und vertikale Holzleisten die Elementstöße und interpretieren auf subtile Weise den Holzbau als konstruktives System. Im Inneren bleiben die Brettsperrholzflächen teilweise sichtbar und machen die Struktur des Gebäudes nachvollziehbar.

Die Konstruktion ist so ausgelegt, dass sie sich wieder demontieren lässt. Auf Verklebungen und komplexe Materialverbunde wurde weitgehend verzichtet. Die Bauteile sind trennbar, die Materialien wiederverwendbar oder recycelbar. Beton kam nur dort zum Einsatz, wo er konstruktiv erforderlich war, etwa in der Tiefgarage und in den Treppenhäusern.

Einzelne Details zeigen den experimentellen Umgang mit dem Material. So wurde beispielsweise ein gefällter Baum aus dem Bestand als tragendes Element im Laubengang integriert und verbindet auf direkte Weise Geschichte und Konstruktion des Ortes. 

Raum, Nutzung und Energie

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© Damian Poffet

Im Inneren setzen sich die gewählten Materialien konsequent fort. Holzoberflächen, sichtbare Brettsperrholzdecken und Kalkputze prägen die Räume und sorgen für ein ausgeglichenes Raumklima. Die Materialität ist dabei nicht dekorativ, sondern integraler Bestandteil der Konstruktion.

Die Grundrisse reagieren auf die unterschiedlichen Wohnformen. Aufenthaltsräume orientieren sich zu den Freiräumen und profitieren von den großzügigen Öffnungen, während Erschließungsbereiche kompakt gehalten sind. In den Maisonetten entstehen räumliche Verbindungen über mehrere Geschoße hinweg, die zusätzliche räumliche Qualität schaffen und eine differenzierte Nutzung ermöglichen.

Die Gebäude erreichen Passivhausstandard. Die 75 cm starke Strohdämmung wirkt wie ein schützender Mantel und reduziert den Wärmeverlust auf ein Minimum. Gleichzeitig sorgt sie für ein konstantes und behagliches Raumklima über alle Jahreszeiten hinweg.

Eine Photovoltaikanlage auf den Dächern produziert Strom für die Bewohner, die diesen über eine Eigenverbrauchsgemeinschaft nutzen können. Die Kombination aus hoher Dämmleistung und erneuerbarer Energie reduziert den Energiebedarf im Betrieb erheblich und trägt zur langfristigen Wirtschaftlichkeit der Gebäude bei.

Die Überbauung Bombasei-Areal zeigt, wie sich mit einfachen, natürlichen Materialien und klaren konstruktiven Prinzipien ein differenziertes Wohnquartier entwickeln lässt. Holz trägt, Stroh dämmt, Kalk schützt – und im Zusammenspiel dieser Elemente entsteht eine Architektur, die ökologische, soziale und räumliche Qualitäten miteinander verbindet.