Holzstandort Österreich: Potenzial nutzen statt ausbremsen

Ein Artikel von Birgit Gruber | 30.10.2026 - 09:28
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Konrad Mylius Vorsitzender der  Kooperationsplattform Forst-Holz-Papier © LFBÖ/Imre Antal

Sie bezeichnen Holz als einen zentralen Rohstoff der Zukunft. Was muss Österreich konkret tun, damit möglichst viel Wertschöpfung im Land entsteht?

Österreich verfügt über eine moderne, leistungsfähige Industrie und eine durchgängige Wertschöpfungskette – vom nachhaltig bewirtschafteten Wald bis zur Verarbeitung. Die Forst- und Holzwirtschaft sichert rund 444.000 Arbeitsplätze und steht für eine jährliche Wertschöpfung von 43,1 Mrd. €, wenn man das gesamte Netzwerk einschließlich der vor- und nachgelagerten Branchen betrachtet. Dazu kommen eine starke Forschungslandschaft und die enge Zusammenarbeit mit Universitäten. Wir haben den Rohstoff vor der Haustür und das Know-how, ihn zu verarbeiten. Damit wir dieses Potenzial ausschöpfen können, brauchen wir verlässliche politische Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise und weniger Bürokratie.

Der Holzbau gilt als wichtiger Treiber der Wertschöpfungskette. Wo sehen Sie derzeit das größte ungenutzte Potenzial?

In vielen Bereichen, etwa bei Sanierungen, Aufstockungen und Dachausbauten ebenso wie im mehrgeschoßigen Wohnbau und im Neubau. Holz hat im Bestand durch sein geringes Gewicht, den hohen Vorfertigungsgrad und die kurzen Baustellenzeiten große Vorteile. Vieles lässt sich bereits im Werk vorbereiten. Eine große Chance sehe ich außerdem darin, vom einzelnen Leuchtturmprojekt stärker zu skalierbaren Bausystemen zu kommen. Gerade im leistbaren Wohnbau kann das entscheidend sein. Die Möglichkeiten sind da, aber die Politik muss diese Entwicklung unterstützen. Wir haben in Österreich genug Holz, und der Wald wächst weiter. Trotzdem sollten wir mit dem Rohstoff nicht verschwenderisch umgehen. Im Bau sollte so viel Holz eingesetzt werden, wie für die jeweiligen Anforderungen und die nötige Stabilität erforderlich ist. Nur mehr Holz einzusetzen, weil es verfügbar ist, wäre nicht sinnvoll – dafür ist die Ressource zu kostbar.

Was müsste sich bei Ausschreibungen und öffentlichen Bauvorhaben ändern, damit Holz häufiger zum Zug kommt?

Holz sollte bei Ausschreibungen von Anfang an mitgedacht werden. Wenn man die CO2-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt, von der Baustoffherstellung bis zum Rückbau, werden die Vorteile der verschiedenen Bauweisen nachvollziehbar und vergleichbar. Dann kann sich Holzbau oft als die richtige Lösung erweisen. Österreich sollte außerdem stärker zeigen, was der Holzbau bereits kann. Projekte bei Schulen und Kindergärten gibt es viele, und auch der Staatspreis für den Holzbau ist eine gute Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit der Branche sichtbar zu machen.

Wie lässt sich der notwendige Waldumbau mit einer langfristig verlässlichen Rohstoffversorgung verbinden?

Wir müssen den Wald aktiv umbauen und klimafit gestalten. Dabei müssen wir in Generationen denken: In der Landwirtschaft kann man jedes Jahr etwas anderes anbauen, in der Forstwirtschaft müssen wir 80 bis 100 Jahre vorausblicken. Das Klima wird dann ein anderes sein als heute. Deshalb brauchen wir Wälder, die den künftigen Bedingungen standhalten. Dazu können je nach Standort auch Baumarten aus anderen Klimazonen gehören.

Wir müssen den Wald bei dieser Anpassung unterstützen und ihn aktiv weiterentwickeln. Dafür braucht es politische Rahmenbedingungen, die nach vorne schauen. Wir benötigen ein Klimawandel-Anpassungsgesetz, das den aktiven Waldumbau ermöglicht, statt nur auf den Zustand von gestern zu blicken.

Welche EU-Regulierungen belasten die Holz-Wertschöpfungskette derzeit am stärksten?

Die Entwaldungsverordnung (EUDR) ist aktuell ein großes Thema. Ihr Ziel, die globale Entwaldung zu bekämpfen, unterstützen wir. Die Ausgestaltung muss aber berücksichtigen, dass Länder wie Österreich bereits funktionierende Gesetze und nachhaltige Bewirtschaftungssysteme haben. Es kann nicht das Ziel sein, jene Länder zu schwächen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Zwar wurden Erleichterungen erreicht, etwa bei der Weitergabe von Referenznummern entlang der Wertschöpfungskette. Der Aufwand bleibt aber beträchtlich. Die Registrierung funktioniert nur digital und mit Zwei-Faktor-Authentifizierung. Wie soll etwa ein 80-jähriger Waldeigentümer damit umgehen, wenn er Holz verkaufen möchte?

Hinzu kommen zahlreiche weitere Vorgaben. In Summe wird die Bürokratie irgendwann so groß, dass Unternehmen zusätzliche Arbeitskräfte brauchen, die nur noch Nachweise und Formulare bearbeiten, statt Wertschöpfung zu generieren. Die Politik braucht hin und wieder auch den Mut, bei Verordnungen einfach Nein zu sagen. 

Holzprodukte speichern Kohlenstoff langfristig. Was muss sich ändern, damit diese Speicherleistung des Holzbaus stärker berücksichtigt wird?

Entscheidend ist, die gesamte CO2-Bilanz über den Lebenszyklus zu betrachten – von der Herstellung der Baustoffe bis zum Rückbau. Nur so lassen sich die Vorteile von Holz nachvollziehbar vergleichen. Eine Studie von FHP gemeinsam mit dem Umweltbundesamt zeigt außerdem ein Problem bei der Berechnung der Treibhausgasbilanz: Bei importiertem Holz wird die Speicherleistung im Exportland negativ verbucht, im Importland aber nicht entsprechend positiv angerechnet. Dadurch gehen in Österreich laut dieser Studie rund drei Millionen Tonnen CO2-Äquivalente an Senkenleistung verloren. Die Berechnungsmethoden müssen daher weiterentwickelt werden.

FHP vereint die Forstwirtschaft, die Holzindustrie und die Papierwirtschaft. Wo liegen die größten Interessenkonflikte innerhalb dieser Wertschöpfungskette?

Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Unser Credo ist aber, uns auf jene Themen zu konzentrieren, die uns verbinden und bei denen wir gemeinsam etwas erreichen können. Dazu gehören eine verlässliche Holzversorgung, Entbürokratisierung, Normung und Forschung. Wenn wir gemeinsam auftreten, sind wir deutlich stärker.

Wenn Sie als FHP-Vorsitzender nur eine politische Weichenstellung für den Holzstandort Österreich durchsetzen könnten: Welche wäre das?

Ich würde ein langfristiges politisches Bekenntnis zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung und zur Holzverwendung setzen. Das muss sich in verlässlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen niederschlagen. Ebenso wichtig ist eine konsequente Entbürokratisierung. Hier müssen wir schneller werden. Österreich hat eine starke Wertschöpfungskette. Damit sie wettbewerbsfähig bleibt und sich weiterentwickeln kann, brauchen unsere Betriebe Handlungsspielraum. e

Zur Person

Konrad Mylius ist seit 2024 Präsident der Land&Forst Betriebe Österreich und seit 2026 zudem Vorsitzender der Kooperationsplattform Forst Holz Papier (FHP). Nach seiner Ausbildung am Francisco Josephinum in Wieselburg und dem Studium der Betriebswirtschaft sammelte er berufliche Erfahrungen bei der Industriel-lenvereinigung sowie im Landwirtschafts- und Finanzministerium. Neben seinen Verbandsfunktionen führt er einen land- und forstwirtschaftlichen Familienbetrieb in der niederösterreichischen Stadt Haag.