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Ein Artikel von Birgit Gruber | 14.11.2019 - 10:33
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Das Wohnhaus in der Innsbrucker Museumstraße  erhielt einen neuen Dachgeschossausbau in Holzbauweise. Entstanden sind zweieinhalb neue Stockwerke mit insgesamt neun qualitativ hochwertigen Wohneinheiten. © Alex Schmidt

Wenn ein alteingesessener „Betonliebhaber“ plötzlich zum Holzbauverfechter wird, dann muss letzterer Baustoff schon auf ganzer Linie überzeugen. Der Tiroler Architekt Gerhard Hauser hat diese Wandlung durchgemacht. Ausschlaggebend war ein Aufstockungs- und Verdichtungsprojekt in der Innsbrucker Museumstraße. Als sein Büro den Auftrag für den Dachgeschossausbau erhielt, wusste Hauser noch nicht, welcher Spießrutenlauf vor ihm liegen würde. Eine Hürde nach der anderen musste der Planer bis zur Fertigstellung im Juni 2019 nehmen. „Das Projekt hätte mehrmals scheitern können“, gibt Hauser zu. Er schulde es seiner Ausdauer, dem Holzbau und einem hervorragenden Zusammenspiel aller Gewerke, dass das Vorhaben innerhalb der vorgegebenen Bauzeit abgeschlossen werden konnte. Aber schön der Reihe nach.

Ein perfektes Timing

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Toller Ausblick: Von der Dach- terrasse der Maisonettenwohnungen hat man einen herrlichen Rundumblick über Innsbruck und die beeindruckende Tiroler Berglandschaft. © Alex Schmidt

Vonseiten des Bauherrn und Hauseigentümers, Manfred Payr, war der Um- beziehungsweise Ausbau des Dachgeschosses gewünscht. Hauser legte der Innsbrucker Bürgermeisterin seine Pläne für drei zusätzliche Stockwerke vor. „Geeinigt haben wir uns schließlich auf zweieinhalb“, erzählt Hauser über die konstruktiven Gespräche mit der Stadtchefin. Weniger förderlich sei die Vorstellung beim städtischen Gestaltungsbeirat gewesen. „Leider waren dort sachliche Argumente rar und die Architektur stand nicht im Vordergrund“, ärgert sich der Architekt. Von ihrem ambitionierten Ziel ließen sich Payr und Hauser dennoch nicht abbringen. „Die Rahmenbedingungen für Bauvorhaben im dichten Innenstadtgefüge sind unglaublich schwierig“, weiß der erfahrene Architekt. Und genau dort befindet sich die Museumstraße, unweit des Innsbrucker Wahrzeichens. Die Baustelleneinrichtung erforderte ein perfektes Timing und verständnisvolle Nachbarn. „Die Aufstellung eines Krans war aufgrund der Straßenbahn, die in der Museumstraße fährt, nicht möglich. Wir sind deshalb ums Eck in die Erlerstraße ausgewichen. Zusätzlich musste ein Spezialkran aus Deutschland angefordert werden, der beim Einheben der acht schweren Stahlträger half“, berichtet Hauser. Das Gewicht des Dachaufbaus spielte beim Bauprojekt ohnehin eine große Rolle und es war schnell klar, dass nur ein Holzbau diese strengen Vorgaben erfüllen könnte.

Auf der Baustelle herrschte eine sehr gute Stimmung. Die Zimmerer waren unglaublich motiviert und so konnten wir den Rohbau rechtzeitig vor Wintereinbruch fertigstellen.

Architekt Gerhard Hauser

Der Motivation sei Dank

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Die Massivholzwände wurden wie ein Kartenhaus von Westen nach Osten aufgebaut. Dank dem Wetter konnte man die Rohbauarbeiten vor Wintereinbruch fertigstellen. © Hauser Architekten

Die Verbundträger wurden über dem dritten Obergeschoss des Hauses mit der Bodenplatte in Holz verschraubt, verklebt und anschließend mit Beton ausgegossen. „Das war für uns das einzige System, mit dem wir die hohen Brandschutzvorschriften in der Brandschutzklasse 5 einhalten konnten“, erklärt Hauser. Auf dieser Grundlage bauten die Zimmerer von Maurer & Wallnöfer aus Ötztal-Bahnhof ihre BSP-Platten mit einer Stärke von 16 cm auf, die „wie ein Kartenhaus von Westen nach Osten montiert wurden“, erinnert sich der Planer. Zuvor musste natürlich der alte Dachstuhl samt Mauerwerk Stück für Stück abgetragen werden. Parallel dazu wurden bereits die großen Fensterelemente produziert. Bei den Arbeiten spielte der Bauleitung vor allem das gute Wetter kurz vor Weihnachten 2018 in die Karten. „Auf der Baustelle herrschte eine sehr gute Stimmung. Die Zimmerer waren unglaublich motiviert und so konnten wir den Rohbau rechtzeitig vor Wintereinbruch fertigstellen“, freut sich Hauser.  

Begeistert zeigt sich der Architekt vor allem von der Passgenauigkeit der Holzbauelemente, die eine spätere Fehlerkorrektur auf der Baustelle obsolet macht. „Ich war beeindruckt, wie präzise der Holzbau ist“, schwärmt Hauser, der bei diesem Projekt den Holzbauexperten Anton Kraler und den Bauphysiker Wilfried Beikircher von der Universität Innsbruck mit ins Boot holte. „Diese geballte Expertise war bei einem derartigen Holzbauprojekt mit über 300 m2 Geschossfläche äußerst hilfreich“, ist Hauser dankbar. Denn gerade in einer Stadt wie Innsbruck, einem Ballungsraum, an dem viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, wird auf die Einhaltung der Bauvorschriften viel wert gelegt – nicht nur vonseiten der Behörden. „Mein Bauherr und ich hatten das Glück, mit einem Holzbauunternehmen zusammenarbeiten, für dessen Mitarbeiter alle Vorgaben eine Selbstverständlichkeit waren“, zeigt sich Hauser zufrieden.

Auf einer Nutzfläche von 750 m2 sind so in nur zehn Monaten Bauzeit hochwertige Wohnungen und Maisonetten in der Größe von 50 bis 125 m2 entstanden, die in ihren Grundrissen mit den Bedürfnissen der Mieter abgestimmt wurden. Dank der großen Lichtkuppeln und Fensterfronten werden die Räume mit Tageslicht durchflutet und begrüßten am 1. August die ersten Mieter.

Projektdaten

Standort: Innsbruck
Fertigstellung: Juni 2019
Bauherr: Manfred Payr, Steinbock Immobilien
Architektur/ Bauleitung: Architekturbüro Hauser
Holzbau:  Maurer & Wallnöfer
Systemlieferant: Binderholz
Statik: Gerhard Wibmer
Bauphysik: Wilfried Beikircher und Anton Kraler
Bauleitung: Hundegger