Wie auf Schienen

Ein Artikel von Raphael Zeman | 31.03.2020 - 09:55
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Wie aus einem Guss: Dank einfärbigem Anstrich gehen Wand- und Dachflächen fließend ineinander über. Um den Innenraum bestmöglich nutzen zu können, finden sich Lift und Stiegenaufgang außen angestellt. © Brigida Gonzales

„Als mein Vater das Grundstück mitsamt dem ehemaligen Werksgebäude damals kaufte, ahnten wir nicht, dass es sechs Jahre dauern würde, bis wir einziehen können. Da hatten wir Glück, denn so geduldige Bauherren erwischt man selten“, erzählt Stephan Obermaier, Gründungsmitglied des ortsansässigen Architekturbüros g2o, das er 2011 gemeinsam mit seinem Partner Michele Grazzini gegründet hat. Die Sanierung inklusve Aufstockung in der Stuttgarter Olgastraße war das erste Bauprojekt von g2o und barg so einige Hürden. Beispielsweise ragten die einzuhaltenden Abstandsflächen in das Stadteigentum hinein. Ein Umstand, der mittels einer sogenannten Baulast – also einer öffentlich-rechtlichen Verpflichtung zwischen Grundstückseigentümer und Baubehörde – geregelt ist. Ein Abriss des Bestands hätte somit zu einem Verlust der bebaubaren Fläche geführt. Pläne und andere Aufzeichnungen über das Bestandsgebäude aus den 1930er-Jahren waren allerdings im Krieg fast vollends zerstört worden. Man musste quasi bei null beginnen, die Fundamente ausgraben, die gesamte Bausubstanz aufnehmen sowie auf Herz und Nieren prüfen.

Bauplatz und Bestand bedingten Holzbauweise

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Der Vorher-Nachher-Vergleich führt die immense Aufwertung des Grundstücks vor Augen. ©  g2o  

Bald war klar, dass die Sanierung und zweigeschossige Aufstockung der ehemaligen Eisenbahnwerkstatt umfangreiche Maßnahmen und viel Geduld erfordern würden. Es bedurfte nicht nur eines Rückbaus bis auf die Grundmauern, sondern auch einer Verstärkung des übrig gebliebenen Bestands mit Stahl und Betonscheiben. Große Spannweiten im Inneren und ein außenliegend angebrachter Aufzug stellten zusätzliche Anforderungen an die Tragwerksplanung. Doch davon ließ sich Jürgen Helber, Statiker und Mitgründer von Helber + Ruff aus dem rund 10 km entfernten Ludwigsburg, nicht abschrecken und sprang auf den Zug auf. Als besondere Erschwernisse bei diesem Projekt nannte Helber einerseits den Zustand des Bestands hinsichtlich neuer Lasten und andererseits die beengten Verhältnisse: Das Haus steht in zweiter Reihe, die Zufahrt ist nur begrenzt und über einen bestehenden Keller möglich. Somit war das Gewicht der Baumaterialien möglichst gering und der Bauablauf einfach und schnell zu halten. Mit ihrem hohen Vorfertigungsgrad und den geringen Lasten lag die Holzbauweise förmlich auf der Hand. Ebenso ließ sich die von Obermaier entworfene geneigte Dachscheibe am besten mittels Vorfertigung umsetzen.

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Stuttgart zeigt, wie Verdichtung in Holz geht. Neben der Funktionalität des Baus drückt sich der entwerfende Architekt mittels der Formensprache eines Monolithen kreativ aus. © Brigida Gonzales

Konstruktion im Team erarbeitet

Generell stellte für Helber die Geometrie der Dachkonstruktion die größte Herausforderung bei diesem Wohnbau mit integrierter Bürofläche dar. Gemeinsam mit dem nur 50 km entfernt ansässigen ausführenden Holzbauunternehmen Schaible konnte dies nach Angaben des Statikers ausgezeichnet gelöst werden. „Hier war vor allem das erneute Aufmaß durch Schaible nach dem Rückbau der Obergeschosse von Bedeutung“, erzählt Helber und auch Obermaier lobt die Professionalität der Holzbauer. Mit vereinten Kräften gelang es dem Konglomerat aus Architekt, Statiker und Holzbauer, die geometrisch ansprechende Dachkonstruktion umzusetzen. Ausgehend von einem klassischen Holzbau, arbeitete man mit OSB-beplankten Holzrahmenwänden beziehungsweise zellulosegefüllten Brettsperrholz-Rippen- und Kastenelemente in Fichte. Diese konfigurierbaren Dach- und Deckenelemente wurden bereits in der Vorfertigung exakt auf die jeweilige Bauaufgabe zugeschnitten. Scheibenelemente in Außen- und Innenwänden sorgen für die nötige Aussteifung, eine bestehende Gebäudetrennwand zum Nachbargrundstück in Backstein konnte im Bestand saniert und in den Holzbau integriert werden. Die Tragfähigkeit gewährleisten großteils stabilisierende Dreiecke, die sich aus der gegenseitigen Verdrehung und Verschneidung von Wand- beziehungsweise Deckenelementen ergeben.

Ingeniöse Baukultur im Trend

Neben der anspruchsvollen Geometrie bietet die Aufstockung eine weitere Besonderheit in Form einer, aus dem Schwimmbadbau bekannten Polyurethanbeschichtung der Dachhaut. Dadurch wirkt das Gebäude als grauer Monolith, der in seiner Formensprache weder zwischen Alt und Jung, noch Dach- und Wandfläche unterscheidet und sich so trotz der beengten Verhältnisse von der heterogenen baulichen Umgebung abhebt. Da der Bau der Gebäudeklasse IV zuzuordnen ist, entschied man sich dafür, im Obergeschoss noch mit Mineralwolle zu dämmen. Darüber kam dann ausschließlich die zellulosegefüllte Holzrahmenkon-
struktion zum Einsatz. Von jener ist Obermaier ganz besonders begeistert: „Sie ist leicht, elegant, materialsparend und effizient – ein fantastisches System für Aufstockungen.“ Der Architekt arbeitete nach dem Abschluss seines Studiums einige Jahre in London und kam dort hauptsächlich mit Hightech-Architektur in Kontakt. Die Aufstockung, die er selbst als sein Meisterstück bezeichnet, brachte Obermaier der Holzbauweise zum ersten Mal richtig nahe und sogleich kam er auf den Geschmack: „In den 1980er-Jahren war der Holzbau schon einmal im Kommen, ist dann aber leider wieder etwas verstaubt. Heute ist die Bauweise zum Glück wirtschaftlich wettbewerbsfähig und auch die ingeniöse Baukultur wieder im Trend.“ Unbedingt nötig seien aber Handwerker mit entsprechendem Fachwissen, ergänzt Obermaier und fügt hinzu: „Wir finden auch besonderen Gefallen an der Modulbauweise und orientieren uns daran, was Kaufmann Bausysteme in Vorarlberg machen.“

Heute ist die Holzbauweise wirtschaftlich wettbewerbsfähig und auch die ingeniöse Baukultur wieder im Trend.

Architekt Stephan Obermaier

Planungsaufwand gleicht sich aus

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Architekt Stephan Obermaier ©  g2o

Angesprochen auf den höheren Planungsaufwand, mit dem die Holzbauweise oftmals in Verbindung gebracht wird, meint Helber: „Natürlich ist der Aufwand anfangs höher, gleicht sich aber im Laufe des Projektes wieder aus.“ Denn bei einem Holzbau seien weniger Schal- oder Bewehrungspläne zu erstellen, dafür müsse man von Anfang an viele Details beachten und erarbeiten. „Für im Holzbau unerfahrene Architekten kann es schwierig sein, wenn sie an das Gebäude wie an einen Massivbau herangehen. Man muss mit einem Raster planen“, erklärt Helber.

Nach Fertigstellung entspricht die ehemalige Eisenbahnwerkstatt nun dem Passivhausstandard und verfügt über drei Geschosswohnungen, zwei 1-Zimmer-Appartements sowie Büroräume. Hochwertige Materialien und Oberflächen lassen kaum die frühere Funktion des Baus erahnen, der nun von einem Vorzeigemodell einer Aufstockung gekrönt wird. All die Turbulenzen im Verlauf des Projekts konnten das Triumvirat aus Architekt, Tragwerksplaner und Holzbauer nicht vom Kurs abbringen – wie auf Schienen steuerten sie der Fertigstellung unbeirrt entgegen. Mit der Auszeichnung für beispielhaftes Bauen in Stuttgart bekundete auch die Stadt ihren Gefallen an dem Gebäude, das Obermaier liebevoll als „neuartigen Hybrid“, bestehend aus Backstein, ertüchtigtem Beton, Stahl und Holz, bezeichnet.

Projektdaten

Standort: Stuttgart
Fertigstellung: 2017
Architekten: g2o GmbH
Statik: Helber + Ruff
Holzbau: Holzbau Schaible
Systemlieferant: Lignotrend
Abbund: Graf & Kübler Abbundzentrum
Energiestandard: Passivhaus
Nutzfläche: 475 m2 (Wohnen), 130 m2 (Büro)
Holzmenge: 78 m3