Aus dem Wald in den Obstgarten

Ein Artikel von Birgit Gruber | 14.06.2021 - 11:52
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© firm Architekten

Caroline und Christian Feldkircher leben mit ihren beiden Kindern in Gampelün, einem Ortsteil der Marktgemeinde Frastanz in Vorarlberg. Umgeben von Magerheuwiesen und Hangmooren befinden sich einige Waldflächen seit Generationen im Familienbesitz der Bauherrin. Bereits die Urgroßeltern konnten so ihr Bauernhaus aus Eigenholz errichten. Die Wälder wurden danach wieder aufgeforstet. 2019 entschloss sich die Jungfamilie zur Errichtung ihres Eigenheims am elterlichen Grundstück, wo heute noch das stattliche Bauernhaus steht. Das Stallgebäude wurde rückgebaut und an dessen Stelle ein dreigeschossiger Wohnturm platziert. Das Haus und sein angrenzender Innenhof samt Autoabstellplatz und Sitzgelegenheit sind als zeitgemäße Antwort auf die umliegenden Bauernhäuser der Gemeinde konzipiert und bilden ein neues Gebäudeensemble. „Der Baukörper ergab sich aus dem ortsbaulichen Umfeld. Er bildet einen Kontrast zu den mit reichlich Ornamenten ausgestatteten, traditionellen Nachbarhöfen. Der Neubau fügt sich klar, geradlinig und reduziert in diese Umgebung ein. Durch die Stapelung der Räume haben wir uns auch bewusst fürs Stiegensteigen entschieden, da die Qualität dieser Art der Aufteilung auf der Hand liegt. Der großzügige Wohn- und Essbereich im Erdgeschoss fungiert wie eine Art Indoor-Balkon. Je weiter man im Haus nach oben kommt, desto besser wird die Aussicht auf die umliegenden Täler“, weiß Feldkircher.

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Das Haus im Obstgarten von Chrisitian Feldkircher in Gamperlün. © Adolf Bereuter

Fachmann mit Leidenschaft zum Holz

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Der großzügige Wohn- und Essbereich fungiert wie eine Art Indoor-Balkon. Der Gebäudeeinschnitt im Erdgeschoss wird statisch durch drei massive Buchenholzstützen ermöglicht. © Adolf Bereuter

Dass der 41-Jährige weiß, wovon er spricht, liegt an seiner Profession. Er ist mit Albert Moosbrugger einer der Gründer von firm Architekten mit Büros in Lustenau und Speicher (Schweiz). Gemeinsam schaffen sie Räume mit Atmosphäre, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Aufgewachsen im Bregenzerwald bekam Feldkircher die Leidenschaft zum Bauen mit Holz quasi in die Wiege gelegt. Als Jugendlicher hat er sein erstes Geld mit der Mitarbeit im örtlichen Sägewerk verdient. Während seines Studiums der Architektur an den technischen Universitäten Wien und Innsbruck haben ihn Praktika in Zimmereibetrieben geprägt. „Ich hatte schon sehr früh Holz in der Hand und weiß daher die Qualität des Materials sehr zu schätzen“, erzählt der Planer. So war es für Feldkircher auch schnell klar, dass sein Eigenheim aus dem nachhaltigen Rohstoff gebaut werden soll. Dafür wurde von ihm persönlich jeder einzelne Baumstamm – teilweise über 1400 m gelegen – ausgewählt und per Hand abgemessen. Dank der einstigen Aufforstung waren im hauseigenen Wald reichlich Bäume vorhanden.

Alles im Umkreis von 50 km

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© Jeder Stamm für das Haus der Feldkirchers wurde per Hand vermessen.

Eine Vorlaufzeit von rund einem Jahr vor Baubeginn war für die Selektion der Hölzer notwendig. „Die Bäume wurden dann zu den Mondphasen im September und November geerntet und in das Sägewerk geführt, in dem ich als Jugendlicher gearbeitet habe. Rund um Weihnachten 2019 wurden die Stämme geschnitten und bis zur weiteren Produktion im Werk gelagert“, weiß Feldkircher. Im März 2020 erfolgte dann der Abbruch des Stallgebäudes, der für den Neubau Platz im angrenzenden Obstgarten schaffen sollte. Bereits im Oktober desselben Jahres – nach nur siebenmonatiger Bauzeit – konnte die Familie ihr neues Domizil beziehen. Das Tempo ist dem präzisen und sauberen Arbeiten der Handwerker geschuldet, die, ebenso wie das Baumaterial und dessen Produktion, aus einem Umkreis von maximal 50 km stammen. „Das Arbeiten der Handwerker ging Hand in Hand. Da sich alle gut kannten, funktionierte die Kommunikation natürlich hervorragend. Alles war genau durchgeplant, die einzelnen Schritte gut aufeinander abgestimmt. Das Ergebnis ist, wie von einem Holzbau nicht anders zu erwarten, großartig“, freut sich der Architekt und Bauherr.

„Wir schaffen Räume mit Atmosphäre. Unsere Architektur hat Wirkung und erzeugt positive Emotionen.“

firm Architekten: Christian Feldkircher und sein Büropartner Albert Moosbrugger
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Familie Feldkircher genießt das Leben im neuen Haus. Der Liebslingsplatz der zwei Kinder – die Treppe mit dem Bücherregal (Bild unten). © firm Architekten

Leimfreie Holzelemente für Wände und Decken

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Zusätzlich zum Holz kommen Lehmputz und Schwarzstahl in Form eines Bücherregals entlang der Treppe als weitere Materialien zum Einsatz. © Adolf Bereuter

Wände und Decken sind aus zweimal 12 cm starkem Fichtenholz gefertigt. Sohm Holzbautechnik aus Alberschwende verbaute dabei ihr patentiertes DiagonalDübelholz und machte damit eine einheitliche Holzkonstruktion möglich. Der Architekt dazu: „Der Holzwürfel der Obergeschosse und der Sockel aus Sichtbeton bilden den neuen Wohnturm. Der Gebäudeeinschnitt im Erdgeschoss wird statisch durch drei massive Buchenholzstützen ermöglicht, der das Rundumpanorama im Ess- und Wohnbereich freigibt.“ Von dort schauen die Bewohner auf 17 bestehende und sieben neu gepflanzte Obstbäume verschiedener Sorten wie Apfel, Kirsche oder Walnuss. „Meine Frau und ich finden Obstbäume kulturlandschaftlich interessant, kümmern uns gerne darum und freuen uns über eine ertragreiche Ernte“, erklärt Feldkircher. Im ersten Obergeschoss befinden sich die Kinderzimmer, ein Bad und ein Hauswirtschaftsraum. Einen Stock höher sind das Wohnzimmer samt kleinem Balkon sowie das elterliche Schlafzimmer plus Bad und Ankleideraum situiert. Unterkellert sind lediglich der Eingangsbereich und die Küche. Das schafft Platz für die Haustechnik und die Lagerung von Lebensmitteln. Neben der Fichte hielten noch andere Holzarten im Haus Einzug: Weißtanne wurde für Fenster, Möbel und die Akustikdecke, Buche für die Dielenböden und die Treppe sowie Ulme für die Möbel des Außensitzplatzes verwendet. Zusätzlich zum Holz kommen Lehmputz und Schwarzstahl in Form eines Bücherregals entlang der Treppe als weitere Materialien zum Einsatz. Auch die horizontal gerippte Holzfassade ist aus Fichtenholz gefertigt und wurde von Berchtold Holzbau aus Bezau bereitgestellt.

Wie einst ihre Urgroßeltern haben auch die Feldkirchers den Wald nach der Holzernte mit 750 jungen Bäumen wieder aufgeforstet. Man hofft auf weitere Generationen, die mit diesen Stämmen später einmal ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen können. Ideen dafür hätte der Planer mit Sicherheit reichlich.

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Auch die horizontal gerippte Holzfassade ist aus Fichtenholz gefertigt und wurde von Berchtold Holzbau aus Bezau bereitgestellt. © Adolf Bereuter

Projektdaten

Standort: Frastanz-Gampelün
Bauherrschaft: Caroline und Christian Feldkircher
Fertigstellung: 2020
Bauzeit inkl. Planungsphase: 2019 bis 2020
Architektur: firm Architekten
Baumeister: Thöni Bau
Holzbau Rohbau: Sohm Holzbautechnik
Holzbau Fassade und Innenausbau: Holzbau Wilfried Berchtold, Bezau
Holzmenge: 550 m³
Nutzfläche: 170 m²