Kürzere Transportwege sind nicht denkbar

Ein Artikel von Raphael Zeman | 27.10.2021 - 10:24
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© ATP / Bause

„2006 haben wir unser erstes Brettschichtholz (BSH)-Werk mit einer Produktionskapazität von 45.000 m³ gebaut, mittlerweile liegen wir bei über 100.000 m³. Auch unser Abbundzentrum haben wir über die Jahre ausgebaut und binden derzeit rund ein Viertel unserer Produktion ab. Wir sind schon lange nahe am Holzbau, wollten aber immer Lieferant für die Zimmerer bleiben. Gleichzeitig wollen wir aber Holz umfangreich einsetzen und so haben wir 2016 entschieden, ein Brettsperrholz (BSP)-Werk zu errichten“, verrät Stefan Theurl, der gemeinsam mit seinem Cousin Hannes die Geschäftsführung innehat.

Erster Bauabschnitt bringt Material für zweiten

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Das neue BSP-Werk zeigt, aus welchem Holz es geschnitzt ist. © ATP / Bause

Dennoch dauerte es mit dem Baubeginn bis zum Juni 2019, denn der neue Standort musste zweierlei Voraussetzungen erfüllen. Der Grund sollte einerseits groß genug für nachfolgende Erweiterungen in den kommenden Jahren und andererseits geografisch bzw. strategisch gut gelegen sein. Im Kärntner Drautal wurde man schließlich fündig. „Es ist ein schöner, gut situierter Standort. Die nahe gelegene Wohnsiedlung brachte strenge Auflagen mit sich, die aber gut erfüllt werden konnten – zumal wir den Lärm der Bundesstraße abfangen“, zeigt sich Stefan Theurl zufrieden. Auf dem 12 ha fassenden Areal begann man also zuerst mit dem ersten Bauabschnitt: der Errichtung des 20.000 m² großen BSP-Werks, dessen Tragwerk aus Stahlbeton-Fertigteilstützen mit weit gespannten BSH-Bindern und einer darüberliegenden Dachhaut aus BSH-Trägern besteht. Die Innenwände aus Holz wurden, wo möglich, auf Sicht belassen. Direkt nach der Fertigstellung im Juni 2020 nahm man das Werk in Betrieb, dieses Jahr sollen circa 50.000 m³ produziert werden. Zeitgleich begann man 200 m weiter mit dem zweiten Bauabschnitt, in dem auch die erste Platte aus der neuen Produktion verbaut wurde.

Wir wollen Holz umfangreich einsetzen und so haben wir uns entschieden, ein BSP-Werk samt Büro zu errichten. Dasselbe BüroGebäude kann später noch einmal angebaut werden und dabei den Stiegen- und Liftkern des Bestands mitnutzen.

Theresa und Stefan Theurl, Bauherrschaft

Büroholzbau als Schmuckstück

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Die Lamellen an der Fassade wurden unterschiedlich dicht gesetzt und schaffen so ein spannendes Spiel von Licht und Schatten im Innenraum. © ATP / Bause

„Das 40 Mitarbeiter fassende Büro tritt in einen architektonischen Dialog mit dem Werk und ist ein Gebäude gewordenes Ausstellungsstück. Ein Büroholzbau als Schmuckstück“, erzählen Petra Oberacher und Paul Ohnmacht von ATP architekten ingenieure aus Innsbruck. Sie haben das Projekt vom Masterplan und von der konzeptionellen Entwicklung bis hin zur Einreich- und Ausführungsplanung begleitet. Dies geschah – gemäß dem integralen Ansatz des Planungsbüros – in intensiver Zusammenarbeit mit den Bauherren. Theresa Theurl, die neben ihrer Tätigkeit im Familienunternehmen Bauingenieurwesen studiert, hatte maßgeblichen Anteil daran. „Die Zusammenarbeit hat großartig funktioniert. Die Firma Theurl hat ihr Know-how mit dem Werkstoff eingebracht und Theresa Theurl ein tolles Gespür für Raum und Material“, berichtet Oberacher. So erarbeitete man gemeinsam ein Bürogebäude, bei dem vor allem Flexibilität aber auch die Präsentation der Produktpalette im Vordergrund stehen. „Dasselbe Gebäude kann später noch einmal angebaut werden und dabei den Stiegen- und Liftkern des Bestands mitnutzen“, erläutert Theresa Theurl die vorausschauende Planung.

Flexibilität als oberstes Prinzip

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Die BSH-Träger und Akustiksegel bilden die theoretische Deckenunterkante, doch die Raumhöhe erstreckt sich, wie auch die Verglasungen, darüber hinaus. © ATP / Bause

Der 900 m² große Dreigeschosser wurde in Holzskelettbauweise mit BSH-Stützen und -Trägern sowie BSP-Wänden und -Decken errichtet. „Es ist ein ‚ehrlicher‘ Holzbau ohne Stahlstützen oder Ähnlichem“, erläutert Ohnmacht. Die Lasten werden über den Mittelgang sowie die äußeren Stützen im Fassadenraster abgetragen. Dadurch waren im Inneren lediglich sechs Stützen vonnöten. „Die Flexibilität war eine große Herausforderung, es war sowohl die Möglichkeit einer kleinteiligen als auch einer offenen Gestaltung gewünscht. Dem sind wir mit einem kleinstmöglichen Büroraster von 2,7 m, Bodenkanälen, einer Fußbodenheizung sowie einer Kühlung und Lüftung über die Gipskartondeckensegel nachgekommen“, erzählt Oberacher. „Um die Leimbinder nicht kreuzen zu müssen, haben wir eine etwas ungewöhnliche Lösung gewählt und die HKLS-Leitungen über die Büroflächen verlegt“, erklärt Ohnmacht. Die Deckenunterkante wird von den Mittelträgern und punktuell angeordneten Akustiksegeln, die mit Einbau-Downlights versehen sind, definiert. Die tatsächliche Raumhöhe geht jedoch, wie auch die Verglasungen an der Fassade, darüber hinaus. „Es ist selten, dass ein Bauherr so viel Höhe hergibt“, freut sich Ohnmacht.

Das Spiel mit Licht und Schatten

Äußerlich ist der Bürobau von den vertikalen Holzlamellen geprägt, die gemeinsam mit dem umlaufenden, auskragenden Balkon den Sonnenschutz bilden. Denn aufgrund der Ost-West-Ausrichtung ist das Gebäude der vollen Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Die ursprüngliche Idee der Schrägstellung der Lamellen je nach Sonnenstand wurde im Laufe des Planungsprozesses überarbeitet, denn vor allem an den Ecken hätte diese Lösung die Ausblicke beengt. Deshalb wählte man ein kleineres Format für die Lamellen und variierte mit der Dichte – im Kern sind sie enger, nach außen hin weiter gesetzt. „Der ursprünglich als Wartungsbalkon konstruierte Außenraum wird nun auch von den Mitarbeitern genutzt“, freut sich Oberacher.

Die Zusammenarbeit hat großartig funktioniert. Die Firma Theurl hat ihr Know-how mit dem Werkstoff eingebracht und Theresa Theurl ein tolles Gespür für Raum und Material.

Petra Oberacher und Paul Ohnmacht, ATP architekten ingenieure

Holz braucht Regionalität

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200 m von der Produktion zum Bauplatz. Effizienter geht es kaum. © ATP / Bause

Angesprochen auf die angespannte Marktlage 2021, erklärt Stefan Theurl: „Schnittholz wurde in der Vergangenheit einfach zu günstig verkauft, wenn man beachtet, wie lange der Entstehungsprozess vom Wachsen bis zur Verarbeitung dauert. Derzeit profitiert die Sägeindustrie am meisten vom Boom: Viele Unternehmen exportieren nach Übersee, dadurch entstehen ein Mangel in der DACH-Region und Preissteigerungen. Ich bin aber überzeugt, dass sich das einpendelt und Holz wieder zu einem fairen Marktpreis verfügbar wird.“ Theurl selbst kauft hauptsächlich in Süd- und Osttirol wie Oberkärnten ein – die Qualität der Produkte sei auch dem guten Gebirgsholz geschuldet. Ein weiterer Vorteil des neuen Standorts in Steinfeld: Die Lkw, welche das Holz zum Sägewerk nach Assling bringen, müssen nun nicht mehr leer nach Kärnten fahren, sondern können gleich Material ins neue BSP-Werk bringen.

Das Prinzip der durchdachten Logistik und kurzen Transportwege liegt also nicht nur der Unternehmensphilosophie der beteiligten Akteure zugrunde, sondern wurde auch direkt am neuen Theurl-Standort angewandt. 200 m von der Produktion zur Endnutzung – kürzere Transportwege sind nicht denkbar.

Projektdaten

Standort: Steinfeld
Baubeginn: Juni 2019 (Werk), Juni 2020 (Büro)
Fertigstellung: Juni 2020 (Werk), Dezember 2020 (Büro)
Bauherr: Brüder Theurl GmbH
Architektur: ATP architekten ingenieure
Holzbau: Holzbau Tschabitscher
Holzmenge: 440 m³