Ernas Erbe

Ein Artikel von Birgit Gruber | 28.11.2022 - 09:38
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Das große Flugdach des ehemaligen Stallgebäudes schützt den Eingangsbereich vor Witterung. © Elmar Ludescher

Im Dornbirner Stadtteil Oberdorf hat sich Familie Winder einen Lebenstraum erfüllt. 2010 wurde nach gründlicher Sanierung ihres historischen Bauernhauses aus dem Jahr 1890 das Hauptgebäude um einen Hofladen ergänzt. Dort werden seither die selbst angebauten Bio-Beeren, Säfte, Marmeladen und Gemüse, je nach Saison, verkauft. 2015 folgte dann das zweite Projekt. Wohnhaus und Hofladen wurden um einen „Beerenstadel“ ergänzt. Hier sind die Spargelsortiermaschine, das Getränkelager und der Kühlraum untergebracht. Als Architekten engagierten die Bauherren Martin und Peter Winder damals Ludescher + Lutz Architekten aus Bregenz. „Wir haben uns 2007 bei Albert Büchele in Hard kennengelernt. Dort haben wir den Michelehof umgebaut. Martin ist Landwirt und Tischler und hat Albert beim Innenausbau geholfen. Drei Jahre später engagierte er mich für die erste Bauetappe der Hofstelle. Alles hat mit losen Skizzen und langen Gesprächen begonnen“, erzählt Architekt Philip Lutz. Eine langjährige Partnerschaft sollte bald folgen.

Studentenwohnheim komplettiert Ensemble

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Die Loggien an der Südseite des Holzneubaus. © Elmar Ludescher

2016 erwarb die Obstbauernfamilie gleich gegenüber das Haus in der Sebastianstraße 12. Bald war die Idee geboren, dort etwas ganz Neues anzubieten. In der Fachhochschule Dornbirn, die von dort in nur wenigen Gehminuten erreichbar ist, sind Studierende aus ganz Europa für jeweils ein Semester zu Gast. Für sie wollten die Winders künftig Gastgeber sein. „Dieses Vorhaben war komplettes Neuland für uns. Wir setzten nicht nur deshalb wieder auf die bewährte Zusammenarbeit mit Ludescher + Lutz Architekten. Für uns war es wichtig, dass man spürt und sieht, dass die drei Gebäude (Elternhaus, Stadel und Studentenwohnheim) zusammengehören. Dabei konnten wir voll auf das Wissen und Können unserer Architekten vertrauen“, blickt Bauherr Martin Winder zurück. Die Planer verwandelten das alte Haus in ein modernes Gebäude mit steilem Dach und geknicktem Giebel. „Ernas Haus“ beherbergt seit Herbst 2020 Studierende und andere Single-Mieter in insgesamt 18 Studios. Die Wohnungen sind klein, aber fein. „Es ist alles da, was man zum Leben und Lernen braucht. Gemütlich, aber nichts ist überflüssig. Dazu einen Fahrradkeller, einen Hausgarten mit Grillplatz und eine gewisse Offenheit zu unserem Hof“, weiß Winder.

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© Ernas Haus vor der Sanierung.

Es ging uns bei der Gestaltung der äußeren Hüllen um ein Weitertragen vertrauter Sehgewohnheiten in einem Ortsteil, der sich in Transformation befindet.“

Architekt Philip Lutz
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Eine Dornbirner Obstbauernfamilie  machte aus einem Wohngebäude samt Stall ein Studentenwohnhaus. © Elmar Ludescher

Die wilde Erna

Seinen Namen hat das Studentenwohnheim von seiner letzten Bewohnerin Erna Schwendinger. Sie wuchs in dem alten Bauernhaus als jüngstes von sechs Kindern auf. Im Windschatten der liberalen Fabrikantenfamilien, die in den Villen der Nachbarschaft wohnten, führte Erna von klein auf einen offenen und unbeschwerten Lebensstil. Sie war sehr sportlich, keck und blieb bis an ihr Lebensende Single. „Sie lebte gerade so, als wäre sie in die heutige Zeit geboren“, ist Winder begeistert. Ernas Erbe ist deshalb der perfekte Ort für aufgeschlossene und aktive junge Menschen aus aller Herren Länder.

Dach wird zum prägenden Element

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Die Fassade wurde aus heimischer Fichte gefertigt. Die Zimmerei Kaufmann hat dabei auf besondere Qualität und Sortierung geachtet. © Elmar Ludescher

Das Konzept des Umbaus von Ernas Haus – einem Wohngebäude mit Stall in eine Unterkunft für Studierende – orientiert sich an der Hausform des Rheintalhauses. Es besteht aus der Überbauung des ehemaligen Wohnhauses und dem Rück- und Neubau des Stalls. Das große Flugdach des Stallgebäudes wurde dabei über die gesamte westliche Hausseite gezogen, wo es den Eingangsbereich vor Witterung schützt und damit zum prägenden gestalterischen Element des Entwurfs wird. „Das bestehende Bauernhaus aus dem Jahre 1890 wurde behutsam saniert. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude danach abgetragen und durch einen Neubau in Massivholzbauweise ersetzt. Die Studios sind durchschnittlich 16 m² groß und haben alle südseitig eine Veranda. Gemeinsam ist den drei Gebäuden das steile Dach mit dem geknickten Giebel. Leichtfüßig und elegant antwortet die neue Giebelsilhouette dem Altbestand und entzieht modischen und ideologischen Zuordnungen jeden Boden. Direkt an der Straße positioniert, bildet es mit dem jahrhundertealten Bauernhaus und dem Beerenstadel nun ein komplettiertes Ensemble“, freut sich Lutz. Für den Holzbau mit Brettsperrholzdecken- und -wandelementen des Herstellers Mayr Melnhof zeichnete die Zimmerei Kaufmann aus Reuthe verantwortlich.

Komplett aus Holz: Stiegenhaus und Loggia

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Die Treppe stellt einen statisch anspruchsvollen kleinen Massivholzbau dar, der über eine eigene Lastabtragung verfügt. © Darko Todorovic Fotografie

„Aufgrund der Brand- und Schallschutzvorgaben mussten die Wände und Decken mit Gipskarton verkleidet werden. Beim Stiegenhaus konnten wir dafür den Spieß umdrehen. Es liegt zwischen altem Massivbau und hölzernem Neubau. Die Abschottung gelang mit Gipsfaserplatten vom Hersteller Fermacell. Es wurde komplett aus Weißtannenholz hergestellt“, freut sich Lutz. Der Architekt erklärt die Treppe als statisch anspruchsvollen kleinen Massivholzbau, der über eine eigene Lastabtragung verfügt und sich somit nur an die Wände der Gebäude anlehnt. „Handläufe und Podeste sind auf einem Balkengerüst mit Dielenboden angebracht. Wir konnten das Stiegenhaus somit aus den Gebäuden herausnehmen und wie einen Massivholzturm  in die Wände des Altbaus stellen“, so der Planer. Ähnlich funktionieren die Loggien an der Südseite des Holzneubaus. Sie sind als Gestell vom beheizten Bauwerk abgelöst und verfügen ebenfalls über eine eigene Lastabtragung. Die Entwässerung der einzelnen Ebenen funktioniert durch Fugen in den Bodenbrettern. Die Tragbalken sind mit Blechen vor Regenwasser geschützt. Ein Lattenschirm schützt die Loggien vor zu viel Sonneneinstrahlung.

Raumkonzept und Hommage an Steyr-Traktoren

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Architekten Philip Lutz (re.) und Elmar Ludescher © Elmar Ludescher

In Ernas Haus gibt es 18 Studiowohnungen, die durchschnittlich 16 m² groß sind. Im Altbau sind diese irregulär, im Holzneubau hingegen regulär angeordnet, mit vier Zimmern pro Geschoss (serieller Holzbau mit 3,60 m Achsmaß). Jedes Studio bietet einen Schlafplatz, eine Kochnische, ein eigenes Bad, einen großen Schreibtisch und Internetanschluss. „Die Räume sind ruhig und zum Lernen ideal“, berichtet Lutz. Der Gang, der zu den Studios führt, ist sehr breit und dient als Treffpunkt und Austauschort für die Bewohner. Auf eine Gemeinschaftsküche hat man verzichtet. Die komplette Möblierung – von der Kochnische bis zum Lattenrost – wurde von Martin Winder in Eigenleistung aus geöltem Birkensperrholz angefertigt. „Zwei Winter lang habe ich daran mit viel Liebe gebastelt“, ist Winder stolz. Seine Devise: „Wer lange baut, verdient in der Zwischenzeit wieder Geld.“ Die Farbe der Wände und Fußböden ist ein Verweis auf das Grasgrün der früher allgegenwärtigen Steyr-Traktoren.

„Holz wächst locker in zehn Jahren nach“

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© Elmar Ludescher

Dass sich Bauherr Martin Winder um die Studenten kümmert, mit ihnen Skifahren geht oder Kürbis schnitzt, ist für den geselligen Vorarlberger ebenso selbstverständlich, wie mit Holz zu bauen. „Wir leben und arbeiten im Takt der Natur. Es war uns daher auch wichtig, ein nachhaltiges Gebäude zu bauen. Das Holz, das wir dafür verwendet haben, wächst locker in zehn Jahren in unserem Wald nach. Wir heizen mit Holz aus Fernwärme. Strom und Warmwasser erzeugen wir mit unserer Photovoltaikanlage“, erklärt Winder das Energiekonzept von Ernas Haus. Die Intention wird angenommen und Ernas Haus ist immer gut gebucht: „Ich möchte euch mit großer Freude darüber in Kenntnis setzen, dass die Vermietung von Ernas Haus wie von selbst läuft“, zitiert Lutz die Bauherrn.

Projektdaten

Standort: Dornbirn, Vorarlberg
Bauherr: Martin und Peter Winder
Architektur:
Ludescher + Lutz Architekten
Holzbau:
Kaufmann Zimmerei und Tischlerei
Statik: gdb Tragwerksplanung
Bauphysik: Bernhard Weithas
Grundstücksgröße:
430 m²
Holzarten:
Fichte, Tanne
Verbaute Holzmenge:
74 m3 Vollholz, 72 m3 BSP
Systemlieferanten:
Mayr-Melnhof
Planung:
2017-2020
Fertigstellung:
September 2020