Hommage an die maritime Tradition

Ein Artikel von Birgit Gruber | 09.10.2023 - 11:04
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Der Neubau am Hafen aus der Vogelperspektive. © wichmann+bendtsen photography

Esbjerg, der zweitgrößte Hafen Dänemarks, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Die Geschichte seiner rauen, wettergeplagten Küste ist eng mit dem Wachstum und der Entwicklung der Stadt selbst verknüpft. Heute ist er die nordeuropäische Drehscheibe für den Güterverkehr und einer der weltweit größten Verschiffungshäfen für Windkraftanlagen. Zukünftig wird Esbjerg durch die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien aus der Nordsee eine wichtige Rolle spielen. Das in Oslo ansässige Studio Snøhetta und das dänische Architekturbüro WERK Arkitekter wollten diese wichtige Verbindung zwischen Land und Meer bei der Planung des neuen „Esbjerg Maritime Centre“ einfangen. Die Natur spielte bei der Planung eine große Rolle, wie Thomas Kock, Gründer und Kreativdirektor bei WERK Arkitekter, verrät: „Die Identität des Ortes ist für uns immer wichtig. So sind die großen Kräfte des Ozeans als wesentliche Faktoren in das Konzept eingeflossen. Der Entwurf des Gebäudes ist in seiner Geometrie und Handwerkskunst von Booten inspiriert, sozusagen eine Hommage an die maritime Tradition.“ In der Vergangenheit waren die dort ansässigen Wassersportvereine über den ganzen Hafen verstreut und hatten nicht viel Kontakt zueinander. Das soll sich mit dem Neubau entscheidend ändern.

Der nachhaltige Baustoff ist unglaublich vielseitig einsetzbar. Wir sind ständig dabei, damit die Grenzen im Bauwesen zu verschieben.

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Thomas Kock, Architekt
© WERK Arkitekter

Hell, wie eine Laterne

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Abends ist das neue maritime Zentrum hell erleuchtet und erinnert an eine Laterne. © wichmann+bendtsen photography

In Auftrag gegeben wurde der Bau von der gesetzgebenden Körperschaft der Kommune Esbjerg. Er beherbergt mehrere Wassersportvereine, Bootsplätze, Schulungsräume, einen großen Werkstattbereich und soziale Einrichtungen. Es wird schon jetzt als das Wahrzeichen der Stadt gehandelt. Das Gebäude steht aber nicht nur Wassersportvereinen zur Verfügung. Es kann auch von Hafenbesuchern genutzt werden und stellt die Bürger und die Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Sein kreisförmiges, offenes Design lädt die Menschen förmlich ein und schafft ein zugängliches und integratives Gebäude. Das Esbjerg Maritime Centre bietet Schutz vor dem rauen Westwind und gleichzeitig einen fantastischen Blick über das Meer und den endlosen Horizont. „Im oberen Stockwerk des Gebäudes sind Ruder-, Kajak-, Segel-, Tauch- und Triathlonklubs sowie Gemeinschaftsräume, ein Bildungszentrum und Trainingseinrichtungen untergebracht. Auf der unteren Ebene, die über eine Brücke direkt mit dem Meer verbunden ist, befinden sich die Bootsplätze und Werkstätten. Große Fenster in der gesamten Gebäudefassade sorgen für viel Tageslicht und verbinden das Zentrum mit seiner Umgebung“, erläutert Kock die Raumaufteilungen. Nachts scheint ein warmes Licht durch die Fenster und erhellt das Zentrum wie eine chinesische Laterne. Frank D. Foray, leitender Architekt und Projektmanager bei Snøhetta, weist darauf hin, dass das neue Holzgebäude Aktivität, Engagement und Lernen vereint: „Die Laterne bietet Platz für alle, die am maritimen Leben teilhaben wollen: vom erfahrenen Taucher oder professionellen Kajakfahrer bis hin zu einer Schulklasse, die Krabben fangen will.“

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Sein kreisförmiges, offenes Design lädt die Menschen förmlich ein und schafft ein zugängliches und integratives Gebäude. © wichmann+bendtsen photography

Thermobehandeltes Kiefernholz verwendet

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Die Holzfassade ist im Rhythmus und in ihrer Wiederholung vom Holzbootsbau inspiriert. © wichmann+bendtsen photography

Das Gebäude ist so konzipiert, dass es den rauen und stürmischen Wetterbedingungen an der dänischen Westküste standhält. Dafür sorgt eine Kombination aus zwei sich immer wieder ergänzenden Materialien. „Das Gebäude ist für Hochwasser ausgelegt, falls der Meeresspiegel den umliegenden Kanal übersteigt. Aus diesem Grund besteht das Bauwerk bis zum ersten Stock aus Ortbeton. Im Obergeschoß wurde rein mit Holz gearbeitet. Die Architektur ist aber nicht nur praktisch, sondern bietet ihren Nutzern auch ein ästhetisches Erlebnis, sowohl innen als auch außen“, weiß Kock. Runde Ausnehmungen zwischen der Terrasse und dem Lager- und Vorbereitungsbereich für die Boote bringen viel Tageslicht in den Kern des Erdgeschoßes und schaffen so eine visuelle und vertikale Verbindung.

Bei WERK Arkitekter baut man in den vergangenen Jahren vermehrt mit Holz. „Der nachhaltige Baustoff ist unglaublich vielseitig einsetzbar. Wir sind ständig dabei, damit die Grenzen im Bauwesen zu verschieben“, erzählt Kock. Für die Verwendung des nachhaltigen Baustoffes hat man sich schon in einem sehr frühen Stadium entschieden. „Es lag für uns auf der Hand, da dieses Material ein wesentlicher Bestandteil der Bautradition in dieser Gegend ist. Wir haben nur thermobehandeltes Kiefernholz verwendet. Eine umweltfreundliche Lösung, die frei von Chemikalien ist“, weiß Kock.  

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Das Zentrum beherbergt mehrere Wassersportvereine, Bootsplätze, Schulungsräume, einen großen Werkstattbereich und soziale Einrichtungen. © wichmann+bendtsen photography

Vom Holzbootsbau inspiriert

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Der hölzerne Rhythmus setzt sich auf dem Dach fort, in das am Rand Solarzellen integriert wurden. © wichmann+bendtsen photography

Die Holzfassade ist im Rhythmus und in ihrer Wiederholung vom Holzbootsbau inspiriert. Sie spiegelt, laut Planern, die Energie des Wassers und seinen Wellenschlag wider, den man erlebt, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Die verschiedenen Winkel der Paneele ergeben unterschiedliche Schatten, die von der Form an ein Kajak erinnern sollen. Dieser hölzerne Rhythmus setzt sich auf dem Dach fort, in das am Rand Solarzellen integriert wurden. Herzstück des Projekts ist eine angehobene, öffentlich zugängliche Terrasse, auf der die verschiedenen Aktivitäten des Gebäudes zusammenlaufen. Sie ist mit dem ersten Stockwerk verbunden und von den beiden Haupttreppen aus erreichbar, wodurch die Anmutung eines Amphitheaters entsteht. Entlang dieser beiden Stiegen können die Besucher die Aussicht über die maritime Landschaft auf kleineren, windgeschützten Plattformen genießen.

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© wichmann+bendtsen photography

Fast ein Jahr nach der Fertigstellung des Gebäudes schauen die Projektverantwortlichen zufrieden zurück. Kock spricht von einer fantastischen und engen Zusammenarbeit mit Snøhetta. Im Endeffekt hat alles gut geklappt, doch hätte die Inflation den Architekturbüros fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Sie hat dazu geführt, dass alle Baumaterialien während der Bauzeit viel teurer geworden sind. In ständiger Absprache mit den örtlichen Behörden und den Nutzern des neuen Gebäudes ist jedoch alles gut gegangen. Gemeinsam konnten wir das Projekt erfolgreich abschließen“, berichtet Kock freudig.

Projektdaten

Standort: Esbjerg, Dänemark
Fertigstellung: November 2022
Bauherrschaft: Kommune Esbjerg
Architektur: WERK Arkitekter; Snøhetta
Holzbau: Keflico
Projektgröße: 3800 m2 inklusive Terrasse und Bootslager